Per Zug in Yunnans koloniale Vergangenheit

Ni ke nadie #4

“In China fahren schicke, neue gaotie 高铁-Züge, die auch weit voneinander entfernte Städte in Windeseile erreichbar machen.”

“Die Regierung Chinas hat das Eisenbahnnetz bis nach Lhasa ausgebaut, nicht zuletzt als weiteren Baustein ihrer Kontrolle Tibets.”

“Für die Zukunft hat China eine Strecke bis nach Singapur ins Auge gefasst!”

Solche Nachrichten wie oben werden immer wieder in die Medien geschwemmt: Der Ausbau der Eisenbahn Chinas ist in aller Munde. Wer in Kunming lebt, kann von einer gaotie-Strecke vor der Haustür bislang nur träumen. Dafür hat man hier die Möglichkeit, ein Stück einer der ältesten Zugstrecken des Landes abzufahren, und zwar auf der Yunnan-Vietnam-Schmalspurbahn (Diān Yuè tiě lù 滇越铁路).

Ein Wagen der Schmalspurbahn in Kunming. Foto Credit Zule 祖乐.

Die Yunnan-Schmalspurbahn ist ein Kind des europäischen Kolonia-lismus, der im 19. Jahrhundert in Asien um sich griff. Frankreich errichtete in Südostasien die Kolonie “Indochina” und wetteiferte mit England, das sich wiederum Myanmar zu Eigen gemacht hatte, um Einfluss in der Region. In diesem Zusammenhang entstan-den Pläne für eine Eisenbahn, die das nordvietnamesische Haiphong mit Kunming verbinden sollte.

Das Kaiserhaus verhielt sich anfangs zögerlich, stellte sich bald vehement gegen die Eisenbahn-Pläne der Franzosen, musste jedoch letztlich nachgeben. Frankreich begann 1899 mit den Vorbereitungen für den Bau der Linie – Kapital wurde eingetrieben, das Land vermessen, eine eigene „Haiphong-Kunming Eisenbahngesellschaft“ (französisch: Chemins de Fer de l’Indochine et du Yunnan) 1901 gegründet.

Eine lang ersehnte Eröffnung – und ein abruptes Ende

Die Konstruktion des chinesischen Teils der Linie gestaltete sich jedoch recht verzwickt. Zum einen stellte das Gelände auf diesem Abschnitt mit seinen Bergen und Schluchten die Ingenieure der Eisenbahngesellschaft vor gewisse Herausforderungen. Zum anderen verloren einige Arbeiter ob mangelnder Sicherheitsvorkehrungen bei den Bautätigkeiten in Yunnans Schluchten durch Unfälle ihr Leben; andere erlagen der Malaria.

Letztlich beliefen sich die Kosten für die Bahn auf deutlich mehr als ursprünglich veranschlagt, aber immerhin: 1910 nahm die Strecke ihren Betrieb auf. Drei Tage dauerte die Fahrt von Haiphong nach Kunming, die dabei zurückgelegte Strecke betrug gut 850 km. Großbritannien, das im heutigen Myanmar die Kolonie Burma errichtet hatte und beunruhigt auf die französischen Entwicklungen in Yunnan schaute, baute ab 1938 (fast vier Jahrzehnte später also) eine eigene Schmalspurbahn von Burma nach Yunnan, um den Einfluss Frankreichs einzudämmen. Das Projekt wurde jedoch nie vollendet.

So mühselig der Bau der Eisenbahnstrecke war, so kurz war auch die Dauer ihrer Nutzung. Als drei Jahrzehnte später der Chinesisch-Japanische Krieg tobte, wurde sie erneut zum Spielball ausländischer Mächte: 1940 gab Frankreich dem Druck Japans nach, diese für die Versorgung Chinas aus dem Ausland wichtige Eisenbahn zu schließen.

Fahrt in der Bahn

Über all dies und noch mehr gibt das Museum im Nordbahnhof Kunmings Auskunft. So erfahren Besucher Wissenswertes über auf der Strecke liegende Orte und das heutige chinesische Eisenbahnnetz. Dazwischen sind historische Artefakte zu bestaunen, z. B. für die Eisenbahnstrecke verwendete Krupp-Schienen aus Deutschland. Außerdem erfährt man, dass die Spurweite von Land zu Land variiert und in China heute, wie auch in Deutschland und zahlreichen anderen europäischen Ländern, bei etwas unter 1,5 m liegt. Die Yunnan-Schmalspurbahn hingegen weist eine Spurweite von einem Meter auf, was dem bergigen Terrain, in dem sie unterwegs war, geschuldet war.

Ein kleiner Teil der ursprünglichen Strecke ist wieder in Betrieb. Mehrmals am Tag verkehren Bahnen zwischen dem Westen Kunmings und dem Südosten der Stadt, wobei sie auch den Nordbahnhof, an dem das Museum zu finden ist, passieren. Die gesamte Strecke ist etwa 30 km lang und in zwei Stunden zurückgelegt.

Modell der Schmalspurbahn im Museum. Foto Credit Zule 祖乐.

Auf ihrem Weg durchquert die Bahn das heutige Kunming. Die Dörfer der Kolonialzeit sind zu einer großen Metropole verschmolzen und es wirkt mitunter fast surreal, in der kleinen, schaukeligen Schmalspurbahn gemächlichen Tempos durch den Hochhausdschungel Kunmings zu fahren. In den Waggons kann es eng werden und die Kommunikation ist gelegentlich ein wenig eingeschränkt – die Bahn ist nicht gerade leise. Alles in allem ist es eine ganz interessante Fahrt, doch auf diese Weise bis nach Vietnam zu fahren, können sich wohl die wenigsten Fahrgäste vorstellen.

Fazit: Die Yunnan-Schmalspurbahn ist eine Besichtigung wert, nicht nur für Bahnliebhaber, sondern auch für alle, die sich für Asiens koloniale Vergangenheit interessieren.

Stimmen zur Schmalspurbahn

Als kleines Extra sind hier zwei Einblicke von zwei chinesischen bahnbegeisterten Studierenden, die zu ihrem Glück direkt an der Quelle sitzen.

Han Ruike 韩睿可 studiert Französisch im Masterstudiengang an der Yunnan University. Im Sommer 2014 arbeitete sie im Museum im Nordbahnhof Kunmings, von dem die Schmalspurbahn abfährt. Auf die Frage, was sie dort gelernt habe, antwortete sie:

“Ich habe eine Menge über die Geschichte der Eisenbahn in Yunnan gelernt. Die französische Eisenbahn war für diese Provinz nicht nur ein Symbol für Kolonisierung, sondern auch ein Motor der Entwicklung. Sie modernisierte die chinesische Gesellschaft und das Alltagsleben der Menschen. Aus meiner Sicht ist die Eisenbahn eine Brücke, die das chinesische Volk mit der Welt verbindet und die chinesische Kultur in die Welt hinausträgt.”

Gao Lingpeng 高凌鹏 schloss sein Masterstudium der Anthropologie an der Yunnan University im Jahr 2013 ab. In seiner Masterarbeit betrachtete er die China-Birma-Bahn (Zhōng Miǎn tiě lù 中缅铁路), eine von den Briten als Konkurrenz zur Yunnan-Vietnam-Bahn geplante Schmalspurbahn. Auf die Frage, was zum Bau der Yunnan-Birma-Bahn führte, und warum das Projekt schließlich aufgegeben wurde, sage er:

“Die britische Kolonialmacht wollte im frühen 20. Jahrhundert eine Eisenbahn bauen, weil sie die Bodenschätze und andere Ressourcen im westlichen Yunnan ausbeuten wollte. Die Briten wollten einen Zugang zum Inland schaffen und freien Handel möglich machen. Im Sino-Japanischen Krieg in den 1940er Jahren mussten die chinesischen Behörden die fast fertige Bahn zerstören, da sie fürchteten, sie würde den Japanern in die Hände fallen. Jetzt ist der Kunshi-Streckenabschnitt (昆石米轨,昆明到石咀段) der einzig verbliebene Teil der Yunnan-Birma-Meterbahn in Kunming.”

Ni ke nadie: wohin gehst Du?

Dieser Gruß könnte nicht besser zu Yunnan passen, denn die bunte Provinz im Südwesten Chinas bietet eine Fülle von Antworten. Zwischen Regenwald im Süden und Steppe im Norden führen ihre Wege zu den verschiedensten Gesichtern, Gerichten und Geschichten.

Seit nunmehr drei Jahren bin ich auf diesen Pfaden unterwegs und meine Begeisterung für Yunnan wächst und wächst. Meine Erkundungen und Erlebnisse teile ich mit euch in meiner Kolumne Ni ke nadie? Pfade durch Yunnan.

Titelbild: Flickr photo by jpaulhart http://flickr.com/photos/61652362@N00/15978730032 shared under a Creative Commons (BY-NC-SA) license.

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sinonerds-Autor*in

Charlotte Degro

Nach ihrem Bachelorstudium der Sinologie in Leipzig und Kunming zog es Charlotte zurück nach China, wo sie an der Kunming University of Science and Technology Rechtswissenschaften studiert. In ihrer Freizeit reist sie gerne, liebt Bücher ebenso wie chinesische Straßenküche und versucht sich an diversen Fremdsprachen, Geige und Badminton. Charlottes eigener Blog ist shenghuoshenghuo.tumblr.com.​

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