Harry Potter und die chinesische Kalligraphie

Gerade erschienen, fachen das Theaterstück „Harry Potter und das verwunschene Kind“ (auf Chinesisch 哈利波特 – 被诅咒的孩子) und der Kinofilm „Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind“ (神奇动物在哪里) das inzwischen auf eine leichte Temperaturerhöhung abgekühlte Harry Potter Fieber wieder an. Auch Kolja hat es wieder erwischt. Als leidenschaftlichen Kalligraphen sogar doppelt, denn für ihn sind Harry Potter und die chinesische Kalligraphie eng miteinander verbunden. So ein Quatsch? Dieser Artikel wendet sich an alle ungläubigen Muggel, die der Wahrheit nicht ins Auge sehen wollen.

Ich dachte immer, ich wäre eigentlich gar kein großer Harry Potter Fan. Ich habe die Filme gesehen, gut. Ich habe die Bücher gelesen, ja. Ich habe in den Osaka Universal Studios in Japan acht Neuntel des Tages im Harry Potter Dorf Hogsmeade verbracht. Ich habe den jüngsten Teil noch im Buchladen auf einem unbequemen Minisofa in der Kinderbuchabteilung gelesen. Zugegeben, damit erfülle ich wohl doch die ein oder andere Eigenschaft eines richtigen Harry Potter Fans.

Aber eigentlich sehe ich mich eher als Kalligraph. Also als Schriftkünstler, der mit dem Pinsel nach Jahrtausende alter Tradition chinesische Schriftzeichen schreibt. Schön schreibt. Angefangen mit japanischer Tuschemalerei in Deutschland, hatte ich deutsche, koreanische und taiwanesische Lehrer für Kalligraphie, bis ich in Shanghai vor gut drei Jahren schließlich meine beiden derzeitigen Meister kennen gelernt habe. Was also hat die Geschichte von Harry Potter mit chinesischer Kalligraphie gemeinsam, dass mich sowohl das eine als auch das andere in den Bann zieht? Ich kann zwar verstehen, dass so manch ein Muggel ein Sinologiestudium für Zauberei hält. Ich bin auch beeindruckt von der Kunstakademie in Xinle 新乐市 in der chinesischen Provinz Hebei 河北省, die als Ebenbild von Hogwarts konzipiert wurde. Aber jetzt mal ein bisschen im Ernst…

Der Pinsel als Zauberstab

KalliPotter_02Es ist der elegante Zauberstab, der auf magische Weise dem Führenden Macht verleiht. Alles was sie/er dazu tun muss, ist ein paar vorher auswendig gelernte Worte richtig („es heißt ‘Leviooooosa’!“) aufzusagen und mit der entsprechenden Bewegung („wutschen und wedeln“) die Performance abzurunden. Übertragen auf die Kalligraphie ist der Zauberstab natürlich der Pinsel. Auch hier sollte eine eingeübte Performance zum gewünschten Ziel führen. Jeder Pinsel ist einzigartig, da sich die Bündel der feinen Haare, die in vielen Teilen Chinas noch mit Hand gebunden werden, nicht eins zu eins nachproduzieren lassen – zu fein sind die Unterschiede der Haare, etwa in ihrer Länge, Dicke, Biegsamkeit usw. Was im Zauberstab also Phönixschweiffeder, Drachenherzfaser und Co. sind, sind beim Pinsel – wenn auch sehr viel unspektakulärer klingend – Ziegen-, Pferde-, Wiesel- und Wolfshaar. Ein Pluspunkt für den Pinsel: Die benötigten Pinselhaare kann man von den Spendertieren bekommen, ohne sie dafür umbringen zu müssen. Tierschützer hätten vermutlich gerne ein Statement von Mr. Ollivander, unter welchen Umständen er an die Drachenherzfasern für seine Zauberstabproduktion kommt. Jedoch definitiv ein Coolnessfaktorpunkt für den Zauberstab: Wir wissen ja dank Mr. Ollivander, dass der Zauberstab sich den Zauberer aussucht. Obwohl es ziemlich fancy wäre der Auserwählte zu sein – ich habe weder Lichtkegel noch Luftzug gespürt, als ich zum ersten Mal einen meiner Lieblingspinsel in die Hand genommen habe.

Spitzenzauberer und –Kalligraphen: Berühmt und doch unbekannt

Zauberer gibt es viele. Aber von den wirklich großen Zauberern werden in den Büchern und Filmen nur wenige beim Namen genannt. Zudem erfahren wir fast nichts über sie. Vielmehr werden sie aufgrund ihrer Taten verehrt bzw. gefürchtet. Ich denke dabei an Albus Dumbledore, Lord Voldemort oder auch die Namensgeber der vier Häuser in Hogwarts. Ähnlich ist es mit den großen Kalligraphen Chinas. Es gibt viele mehr oder weniger bekannte Kalligraphen. Aber selbst über einige Vorreiter der Kalligraphie in der chinesischen Historie ist vergleichbar wenig bekannt, was wohl auch an den Umständen liegt: Die Lebensdaten und ergänzende Überlieferungen in schriftlicher Form zu zahlreichen Kalligraphen sind wohl entweder der Zeit oder spätestens der chinesischen Kulturrevolution in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts zum Opfer gefallen.

Kalligraph Wang und Schulleiter Dumbledore

Wenn wir nun Dumbledore als den „guten Zauberer“ betrachten, der sich einerseits um seinen Zögling Harry kümmert und andererseits zu dessen Sicherheit eine gewisse Distanz zu ihm hält, dann wäre wohl der Kalligraph Wang Xizhi (王羲之, 303-361) sein chinesisches Pendant. Wang Xizhi, auch bezeichnet als „Weiser der Kalligraphie“ (書聖) und Erfinder der Halbkursivschrift (auch Semikursiv-/Laufschrift oder xingshu 行書), hatte mehrere Söhne, doch vor allem sein siebter Sohn Wang Xianzhi (王献之, 344-386) eiferte seinem Vater in der Kalligraphie nach und sehnte sich nach dessen Anerkennung. Die Beziehungskonstellation ähnelt dem Verhältnis zwischen Harry und seinem Schulleiter Dumbledore. Die Art und Weise, wie die Beziehung gelebt wurde, unterscheidet sich jedoch. Vielleicht liegt es an den kulturellen Unterschieden zwischen der zwar fiktionalen, aber zugleich britischen Magierwelt und dem alten China: Während Dumbledore Harry in dessen ersten Jahren noch ganz im Sinne der westlichen Werte „erzieht“, indem er „pure love and outstanding courage“ (1. Teil) und „real loyalty“ (2. Teil) mit zahlreichen Punkten für Gryffindor honoriert, so hielt Wang Xizhi für seinen Sohn in ostasiatischer Tradition das strenge Lernen als große Lebensaufgabe. Einst fragte der zwölfjährige, sehr talentierte Sohn den Vater, wie lange er wohl noch lernen müsse, um ein großer Kalligraph zu werden. Dieser überlegte kurz und sagte nüchtern, das Wang Xianzhi noch wenigstens das Wasser aus 18 großen, bis zum Rand gefüllten Fässern zu Tusche verreiben und beim Schreiben aufbrauchen müsse, ehe er dem nahe kommt. Eine einfache Metapher für viele, viele Jahre harte Arbeit.

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Wang Xizhi’s „Lantingxu“ (兰亭序), oder auch „Das Vorwort zum Treffen am Orchideenpavillon“, ist in einer trinkfreudigen Runde von Literaten und Poeten entstanden. Es wird von vielen Kritikern als das schönste Schriftstück chinesischer Kalligraphie angesehen. Das heute noch vorliegende Manuskript ist jedoch eine Kopie aus der Tang-Dynastie.

Der Voldemort der Kalligraphie

Im Gegensatz zu Dumbledore ist Voldemort der böse Zauberer, der vor seinem Sturz aber auch während seines Comeback-Versuchs Angst und Schrecken verbreitet. Bei Kalligraphien kann zwar schwer von Bosheit gesprochen werden – wohl aber von Angst und Schrecken, die neben einer gewissen Faszination aus dem Gesicht des Lernenden herausgelesen werden kann, der sich auf Geheiß des Meisters der Handschrift von Zhang Xu (張旭, 675-750) widmen soll. Die Handschrift vom „Verrückten Zhang“ 張顚, der mitunter seinen Kopf in einen Eimer voll schwarzer Tusche tauchte und anschließend mit seinen Haaren schrieb, erfährt erst in der verschnörkelten Kursivschrift (auch Grasschrift oder caoshu 草書) seine volle Entfaltung. Wollte man einige seiner Schriften mit einem Naturschauspiel vergleichen, so glichen sie einem dichten, gleichmäßigen Wasserfall. Selbst für Muttersprachler ist das scheinbare Schriftzeichenwirrwarr aus dem Pinsel Zhangs in etwa so überschaubar wie das Hochhausmeer Shanghais.

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Zhang Xu beweist mit seinem Schriftstück „Sitie“ (四帖) in seiner Handschrift eine bis dahin unerreichte Wildheit und Ungehemmtheit. Seine Kalligraphien haben einen außergewöhnlichen Charakter und halten sich doch an alle Regeln der Kalligraphie.

Vier Kaishu-Kalligraphen und vier Hogwarts-Ikonen

Wer sich neu der Kalligraphie widmet, erlernt meist zuerst die Regelschrift (Normschrift, Standardschrift oder kaishu 楷書). Die deutlichen Striche sind ideal, um einen ersten Schriftstil kennen zu lernen. Als vier gut erlernbare Kaishu-Handschriften haben sich vor allem die von Ouyang Xun (歐陽詢, 557-641), Yan Zhenqing (顏真卿, 709-785), Liu Gongqian (柳公權, 778-865) und Zhao Mengfu (趙孟頫, 1254-1322) bewährt. Natürlich hat jeder, der sich mit den vier Schrifttypen auseinander setzt, Vorlieben und Präferenzen. Sie alle verbindet aber eine individuelle Klarheit und einfach zu erkennende Ausgeglichenheit – zwei Grundtugenden der Regelschrift. Wer könnte nun das Pendant zu den vier bekanntesten Vertretern der Regelschrift in der Harry Potter Welt sein?

Es sind die vier Haushexen bzw. -zauberer von Hogwarts, die eine ähnliche Rolle einnehmen: sie dienen den Zauberlehrlingen als Vorbilder und geben neu identifizierten Jungmagiern eine Start- und Orientierungshilfe in der für sie noch ungewohnten Umgebung. Sie sind ein bisschen wie ein fernes Ideal, dem es nachzueifern gilt. Während man sich nach seiner Zeit unter ihnen an anderen Zielen und neuen Lehrern orientieren kann, bleiben sie doch immer ein Teil des Schülers.

Fast wie Zauberei: Kalligraphie und Selbstreflexion

Einen letzten Vergleich möchte ich noch anführen: Wie oft bekommt Harry eine Rückmeldung zu sich selbst – sowohl im Dialog mit Dumbledore oder Hermine (hier oft auch im Monolog), aber auch physisch, wenn er in den Spiegel der Wünsche, ins Wasser im verbotenen Wald oder in Dumbledores Spiegel über dessen Denkarium schaut? Harry bekommt also im Laufe seiner Geschichte immer wieder, ja, den Spiegel vorgehalten.

KalliPotter_03In der Psychologie geht man davon aus, dass ein regelmäßiges Reflektieren des eigenen Handelns den Kontakt zu sich selbst stärkt und man sich dadurch leichter hin zu den eigenen Idealen entwickeln kann. Auch hier fühle ich mich doch sehr an die Kalligraphie erinnert: Viele sehen in der Kalligraphie eine Form der Entspannung, eine Achtsamkeitsübung, um zur Ruhe zu kommen, sich aus dem Arbeits- und Alltagsstress herauszunehmen und als Resultat daraus sich selbst wieder besser wahrzunehmen. Lehne ich mich also zu weit aus dem Fenster wenn ich sage, dass die Kalligraphie, sofern richtig angewandt, den Menschen reifen und sich selbst besser verstehen lässt?

Zwei Theorien die alles erklären

Das Fazit meines Vergleichs von Kalligraphie und Harry Potter sind zwei nerdige Theorien. Die erste: Joanne K. Rowling verehrt heimlich die chinesische Kalligraphie und versucht nun, sie über den umständlichen Weg heimlich in die britische Kultur einzuschleusen. Bitter, dass ihr Fantasy-Roman so ein Erfolg wurde und sämtliche Geheimnistuerei und sukzessive Unterwanderung durch die internationale Aufmerksamkeit zunichte gemacht wurden.

Meine zweite Theorie: Rowling hat mit ihrem Roman ein breites Publikum angesprochen, weil sich viele zu einem gewissen Teil in den fiktiven Charakteren wiederfinden und sich mit ihnen – bewusst oder unterbewusst – identifizieren. Ironie ist, dass die Kalligraphie ein effektives Instrument der Selbstreflexion ist. Warum sich also mit Zauberern identifizieren, wenn man nur den Pinsel in die Hand nehmen muss und plötzlich sich selbst (das Original!) bekommt? Vermutlich weil zweites auch anstrengend und nervenaufreibend sein kann. Wer mag schon alles an sich. Und die Schriftzeichen schreiben sich auch nicht von alleine. Vor allem nicht schön. Halten wir also fest: Kalligraphie, das ist ja wie Zauberei!

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Die Rechte vom Titelbild und dem letzten Bild liegen bei Jana Brokate. Alle anderen Bilder im Text wurden von Kolja Quakernack zur Verfügung gestellt.

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Über den Autor

Kolja Quakernack

Kolja Quakernack hat Chinastudien und Philosophie in Münster studiert. Als Kalligraphieliebhaber hat er ein Faible für Langzeichen, weshalb handgeschriebene Antworten auf Chinesisch immer etwas länger dauern. Seit 2013 lebt er mit seiner Frau und seiner Tochter in Shanghai, gibt Kalligraphieunterricht an der Deutschen Schule und verfasst Gastbeiträge zur chinesischen Kalligraphie. Privat spielt Kolja gerne Schach. Außer in seinem Denkschema gibt es also in seinem Leben viel schwarz und weiß.

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