Mā, má, mǎ, mà: Wie lernt man Töne?

Die geballten sinonerds-Tipps für eine fehlerfreie Aussprache

Die Bedeutung von Tönen für die Sprachkompetenz im Chinesischen wird gerne unterschätzt. Dabei sind die vier Töne genauso Teil der Sprache wie Schriftzeichen, Grammatik und andere Ausspracheregeln. Wer sie nicht fleißig lernt, tappt leicht in die ein oder andere Falle.

Die wenigsten Sprachschüler haben schon nach zwei Wochen im Unterricht die Gelegenheit, ihren Lehrer oder Lehrerin zu einem Kuss aufzufordern. Bei Chinesischlernern ergibt sich das oft von selbst. Denn äußerst zahlreich sind die Fettnäpfchen, die das Chinesische auszubreiten vermag. Ein ganz bestimmtes wartet schon zu Beginn auf die Newbies: Die allgegenwärtige Floskel „Entschuldigen Sie, …“ unterscheidet sich nämlich nur durch seine Töne von „Küssen, bitte“. Aber keine Bange: Mit der richtigen Übung geht ihr nicht nur ungewollten Anzüglichkeiten aus dem Weg, sondern poliert eure Ton-Technik auf Hochglanz.

Genau wie Grundschüler mit einzelnen Buchstaben anfangen zu schreiben, geht es beim Tönelernen mit einzelnen Silben los. Die Grundeinheit im Chinesischen ist das Zeichen. Dieses repräsentiert jeweils eine Silbe, in die einer von vier Tönen integriert ist. Der erste Ton ist gerade (mā), der zweite steigend (má), der dritte fallend und steigend in einer Kurve (mǎ) und der vierte fallend (mà). Dazu gibt es tonlose Silben (ma), mit denen deutsche Muttersprachler aus dem täglichen Sprechen vertrauter sind. Wenn man gerade die ersten Erfahrungen mit Tönen macht, ist es eine gute Strategie, sich einen eigenen sprechmotorischen Fahrplan für diese Töne auszudenken. Etwa so: Erster Ton – geradeaus; zweiter Ton – Fahrstuhl; dritter Ton – Kinn runter und leicht wieder hinauf; vierter Ton – Slam.

Gut Ton will Weile haben

Aber Vorsicht: Bevor wir uns Hals über Kopf in Ausspracheübungen stürzen, müssen wir uns im Kopf auf ein paar Dinge einstellen. Erstens, Töne lernen sich nicht von selbst. Besonders als Anfänger – aber auch als Fortgeschrittener – sind aktives Hören und bewusstes Sprechen enorm wichtig. Zweitens, mit Tönen ist nicht zu spaßen. Aus einem Schnitzel (zhū pái) kann leicht ein Trumpf (zhǔ pái) werden, ein Plan (dǎ suàn) verwandeltet sich ungewollt in Knoblauch (dà suàn) oder, schlimmer, die Verteidigung der Abschlussarbeit (dá biàn) ist plötzlich ein Haufen Scheiße (dà biàn).

Kurzum, beim Chinesischlernen hängt ein großer Teil unserer Sprachkompetenz an Tönen. Haben wir uns mit diesem Grundgedanken angefreundet, können wir uns auf die ersten Schritte konzentrieren: Die neuen Laute nach dem Hören einer klaren Vorgabe (etwa einer Lehrbuch-CD oder einem Video) zu artikulieren. Und zwar laut und deutlich! Es kostet am Anfang Überwindung, eine Silbe wie xíng, wā oder luò aus sich herauszuschmettern, aber nur so kann man sich der eigenen Aussprache bewusst werden und die für einen Anfänger natürliche Zurückhaltung ablegen. Zum Warmwerden kann es hilfreich sein, ein paar Durchgänge der vier Töne mit den harmloseren Silben (wie ba, mang, lu etc.) zu proben, bevor man die exotischeren angeht (z.B. alle, deren Anlaut ein x, j oder q ist).

Zeig Dir was Du kannst

Um eine chinesische Vokabel effektiv zu lernen, müssen wir so viele Synapsen wie möglich aktivieren. Der Ton einer Silbe gehört genauso dazu, wie die Strichreihenfolge des dazugehörigen Zeichens und seine Bedeutung. Ein genauso simpler wie wirksamer Trick ist es, beim Schreiben des Zeichens und des Pinyins die Silbe mit Elan auszusprechen und eine neue Sprechmotorik kennenzulernen und wertzuschätzen. Dabei kann man gar nicht kritisch genug sein, denn was sich für uns ungefähr richtig anhört, kann auch leicht – aber entscheidend – daneben liegen. Eine Übung ist daher am Anfang besonders ratsam: Ich spreche eine Silbe möglichst sauber aus (z.B. hěn) und eine zweite Lernende (vielleicht auch eine Fortgeschrittene oder gar eine Muttersprachlerin) schreibt auf, was sie hört. Dieses Spiel lässt sich beliebig ausweiten, wechselseitig und mit Sequenzen von Silben. Wer lieber alleine lernt, der kann eine Tonaufnahme der eigenen Übungen erwägen.

Natürlich ist das Aufsagen einzelner Silben nur das Fundament, denn chinesisches Sprechen verlangt viel mehr. Auch für simplere Sätze müssen viele Töne aneinandergereiht werden und trotzdem noch richtig klingen. Als Lerner wollen wir also so früh wie möglich beliebige Tonabfolgen beherrschen. Das beste Sprungbrett zu diesem Level ist die Tontabelle: beim Vorlesen dieses simplen Rasters trainieren wir anhand von zweisilbigen Wörtern alle im Chinesischen möglichen Tonkombinationen* (erster Ton folgt auf erster Ton, zweiter auf erster usw.):

sinonerds chinesische Toene Tabelle

* Folgen zwei dritte Töne aufeinander, wird der erste davon zu einem zweiten Ton.

Gleichzeitig erstellen wir auch ein Tonmuster für jede neue Vokabel. Wenn ich nun z.B. das Wort für „Ball spielen“ (dǎ qíu) lerne, weiß ich, es hat die gleiche Tonfolge (3,2) wie hěn máng aus der Tabelle. Es hilft unwahrscheinlich viel, im Unterricht oder gemeinsam mit Sprachpartnern diese Schablone rigoros vorzusprechen und sich gegenseitig zu verbessern. Dabei ist es empfehlenswert, immer mit den gleichen Wörtern zu üben – was zu Beginn eintönig erscheint, sinkt tiefer ein und steigert den Wert des Musters.

Eine fortgeschrittene Strategie dieser Art ist das mentale Verbinden von Zeichen mit gleicher Aussprache. Um die Fixierung auf das Pinyin abzulegen, können wir uns ein einprägsames Zeichen merken, das exakt die gleiche Aussprache hat wie eines, mit dem wir Probleme haben. Beispiele dafür sind 卖 (verkaufen) für 脉 (Puls) – beide mài – oder 路 (Straße) für 鹿 (Hirsch) – beide lù. Wer will, kann dazu nach Lust und Laune Eselsbrücken bauen!

Die Königsdisziplin: der ganze Satz

Mit peniblem Hören und klarem Sprechen kann jeder zum Meister von kurzen Tonfolgen werden. Schon das ist viel wert, denn so kann man alle neuen Wörter korrekt intonieren! Der nächste Schritt ist die Königsdisziplin: Das fließende Sprechen von ganzen Sätzen.

Zunächst helfen dafür Bausteine, die man gut im Unterricht oder mit einem Tandempartner gebrauchen kann (lǎo shī qǐng wèn…, wǒ tīng bú tài dǒng…, qǐng nín zài shuō yī biàn etc.). Wir merken schnell, dass die Töne dem Sprechfluss gerecht werden müssen: Der dritte Ton leitet den darauf folgenden ein; der vierte Ton hat nicht mehr die volle Wucht seines Bruders auf der Lehrbuch-CD und so weiter. Der fließende Übergang von Tönen heißt aber nicht, dass wir uns mit Brummeln über die Runden retten können. Überzeugendes, natürliches Sprechen können wir nur mit echter Beherrschung von Tönen entwickeln – genau wie man klassische Kalligraphie studieren muss, um die abstrakte Schönheit eines Zeichens aus dem Pinsel fließen lassen zu können.

Sobald kürzere Phrasen ohne große Holprigkeiten fließen, drängt sich eine Strategie auf: Wie besessen Vorlagen aufsaugen und einfach nachplappern. Das lässt sich auf fortgeschrittenem Niveau prima im Alltag fortführen, denn im lockeren Gespräch stört es eigentlich niemanden und wenn es gerade wirklich nicht geht, kann man eine Phrase auch noch einmal im Kopf wiederholen. Wenn wir sorgfältig sind, den Mut zu Fehlern mitbringen und uns selbst verbessern, wirkt dieser einfache Trick Wunder: Immer mehr Phrasen und Sätze erscheinen uns natürlich. Wir schlagen prinzipiell keine falschen Töne mehr an, denn wir müssen nicht über die Töne nachdenken, sondern rufen sie aus dem motorischen Gedächtnis ab.

Der Weg zu einer makellosen Intonation ist schnell zusammengefasst: Genau hören, laut sprechen, kleinkarierte Selbstkontrolle. Natürlich gilt auch beim Lernen von Tönen die bewährte Weisheit „Aller Anfang ist schwer“, aber dieser Anfang kann mit intensiver und schamloser Übung rasch bewältigt sein. Keine Vorkenntnisse sind notwendig, denn Erfahrung zeigt, dass Menschen verschiedenster Begabungen Töne erlernen können. Für deutsche Muttersprachler ist das Lernen von Tönen eine Herausforderung für das Gehirn, die Sprechmotorik und nicht zuletzt das Selbstbewusstsein. Wer nach kontinuierlicher Arbeit endlich ein Gefühl für die Töne entwickelt hat, wird sich wie ein Marathon-Sieger fühlen. Dem Aufstieg in den Olymp der Chinesischlernenden steht dann nichts mehr im Wege.

Willst Du mehr über die ersten Schritte beim Chinesischlernen und die chinesische Schrift erfahren? Dann schau auch bei unserer Reihe Der Mandarin-Code vorbei!

Titelbild: “Yelling” by Kyle Taylor, Dream It. Do It. Shared under a Creative Commons (BY) license; danke und credits an Arseny für die Tontabelle!

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Über den Autor

Lewe Paul

Lewe hat Chinastudien an der Freien Universität Berlin studiert und in Australien einen Master in Asia Pacific Studies gemacht. Er ist begeistert von der chinesischen Sprache, liebt Taiwan und lebt zurzeit in Berlin.

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Johannes
Leser*in

So eine Erklärung hätte mir viel Frust erspart! Ich habe ungefähr ein halbes Jahr mit mir selbst geredet nur um falsche Töne wieder umzulernen.

Mein Lieblingsbeispiel ist:
小姐,睡觉多少钱一晚? (Was kostet eine ‘Schüssel’ ‘Jiaozi’? ^_^ )

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