Instrumentalunterricht statt Zeit mit den Eltern

Die drei Geschwister Hsin-Yi, Yi-Hsiang und Ya-Ching wohnen seit sieben Jahren in einem taiwanischen Musikkonservatorium mit Wohnheim in der österreichischen Stadt Graz. Für dieses Interview beantworteten sie uns ein paar Fragen zu ihrem Leben und ihrer Identität zwischen Österreich und Taiwan.

sinonerds: Also erst mal, wenn ich so direkt fragen darf, wieso seid ihr eigentlich hier in Österreich? Was war euer Grund, hierher zu kommen?

Hsin-Yi: Als ich im letzten Jahr des Gymnasiums in Taiwan war, haben meine Mutter und ich Herrn Chen, den Leiter dieses Musikwohnheims, kennengelernt. Wir kannten auch schon andere Familien, deren Kinder hier waren, um in Graz zur Schule zu gehen und in Herrn Chens Konservatorium Musikunterricht zu nehmen. Für mich war immer schon klar, dass ich nach der Schule aus Taiwan weg wollte, weil Erziehung und Ausbildung dort einfach so stressig sind. Von sieben bis fünf Uhr ist man den ganzen Tag in der Schule, und es gibt nichts anderes im Leben. Also dachte ich, nach Österreich zu gehen, um Musik zu studieren, ist eine gute Gelegenheit.

Und wie war das bei Euch? Ihr wart ja noch zu jung, um selbst zu entscheiden.

Yi-Hsiang: Unsere Familiensituation war ein bisschen stressig und daher wollte meine Mutter uns auch wegschicken. Außerdem hat sie gesehen, dass es Hsin-Yi in Österreich sehr gut geht. Als wir damals nach Österreich kamen, waren wir noch zu klein, um zu verstehen, was los ist. Ich dachte nur daran, dass ich mit dem Flugzeug fliegen werde, weiter habe ich nicht gedacht.

Ya-Ching: Ich wusste auch nichts, ich war einfach plötzlich hier. Als wir hier ankamen, kannten wir niemanden im Wohnheim, und da wir weder Deutsch noch Englisch verstanden, konnten wir uns mit niemandem außerhalb des Wohnheims und in der Schule verständigen. Wir waren jeden Tag in der Grundschule, haben aber nichts geredet und saßen nur still da.

Hsin-Yi: Die anderen Kinder und Lehrer waren aber sehr nett. Freunde von Yi-Hsiang haben ihn immer wieder zu Geburtstagsfeiern eingeladen und Ya-Ching konnte immer mitkommen. Sogar ich war manchmal dort (lacht).

Ya-Ching: Sie haben auch oft versucht, uns etwas mit Zeichnungen zu erklären. Es hat circa zwei Jahre gedauert, bis wir was verstanden haben. Seit der Mittelschule haben wir aber auch Freunde aus der Schule und bekommen Noten.

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Was war der Grund für Eure Eltern, Euch auf diese Musikschule zu schicken?

Hsin-Yi: Der erste Grund für mich war, dass ich nach der Schule von Taiwan weggehen wollte, eigentlich egal wohin. Der zweite Grund war, dass meine Mutter dachte, die Ausbildung in Österreich wäre sehr gut und die Umwelt auch schöner und gesünder als zuhause.

Aber der eigentliche Grund, warum wir alle Musik machen und in diesem Musikkonservatorium sind, ist nicht, weil wir von klein auf Musik machen wollten, sondern weil dieses Wohnheim uns ein Visum verschaffen konnte. Vielleicht wollen meine Geschwister nach dem Abitur Musik ja nur noch als Hobby weitermachen und nicht Musik studieren, so wie ich.

Wie war das mit dem Musikunterricht? Musstest Ihr sehr viel üben?

Hsin-Yi: Ja, als ich hier ankam, war ich noch nicht so gut am Klavier. Deshalb hatte ich eine Klavierlehrerin, die mich auf die Aufnahmeprüfung für die Musikuniversität vorbereiten sollte.

Yi-Hsiang: Wir hatten auch einmal pro Woche Instrumentalunterricht. Als wir hierherkamen hat uns Herr Chen die Wahl zwischen einigen Instrumenten gegeben. Er sagte uns, mit welchen Instrumenten wir die besten Chancen haben werden, später mal in die Musikuniversität aufgenommen zu werden.

Was sind die Unterschiede zwischen Eurem Leben hier und dem Leben in Taiwan?

Hsin-Yi: Eigentlich alles (lacht). In Taiwan folgte ich allem, was Schule und Lehrer mir sagten. Ich hatte eigentlich nie Zeit, darüber nachzudenken, was ich machen will und was ich lernen möchte. Je länger ich hier bin, desto mehr merke ich, was ich eigentlich machen will und warum. In Taiwan macht man etwas nur, weil es eine Prüfung gibt.

Auch die Lebensart ist ganz anders. Es gibt fast keine Ablenkungen und das Leben ist ganz simpel und ruhig. In Taiwan gibt es Karaoke und tausend verschiedene Arten der Ablenkung, da kann man sich schlechter konzentrieren.

Wie ist Euer Kontakt mit der Familie und wie oft fahrt Ihr nach Hause?

Ya-Ching: Ungefähr alle zwei, drei Jahre fliegen wir nach Hause. Aber wir telefonieren sehr oft über Skype, und unsere Eltern haben ja auch Line und so… jetzt mit Smartphone ist das alles ja sehr einfach.

Yi-Hsiang: Am Anfang haben wir natürlich schon sehr viel geweint, aber ich muss ja auch weiterleben und kann nicht jeden Tag weinen (lacht). Die ersten Jahre haben wir auch alle drei zusammengewohnt. Wir waren die Jüngsten im Wohnheim und unsere Schwester hat sich sehr viel um uns gekümmert. Unsere Mutter war uns auch schon zwei, drei Mal besuchen.

Wie seht Ihr Eure Identität? Eher taiwanisch oder österreichisch?

Yi-Hsiang: Es ist ganz komisch: Wenn ich nach Taiwan fliege, ist es ganz ungewohnt für mich. Die Luft ist sehr schlecht und die Leute auf der Straße sind so gestresst … In Österreich ist alles in Zeitlupe (denkt kurz nach) eigentlich…. bin ich Österreich gewohnt.

Ya-Ching: Für mich ist auch das Tempo in Taiwan wirklich zu schnell.

Hsin-Yi: Mein Aussehen wird natürlich immer asiatisch sein, und ich werde nie für eine Österreicherin gehalten werden. Auch an der Uni merke ich noch oft, dass ich automatisch weniger oft aufgerufen werde. Auch wenn ich schon lange hier bin, glaube ich, wenn ich zurück nach Taiwan gehe, könnte ich mich sehr schnell wieder an alles gewöhnen.

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Deine Geschwister sind schon so früh nach Österreich gekommen, hast Du manchmal das Gefühl, sie sind un-taiwanisch?

(Alle lachen)

Hsin-Yi: Nein, ich glaube, die sind ganz taiwanisch.

Yi-Hsiang: Ich glaube auch. Ich bin auch ganz schüchtern. Auch mit Freunden bin ich manchmal eher still.

Hsin-Yi: Zu zweit zu reden ist kein Problem mehr, aber in einer Gruppe, mit mehreren Freuden ist es immer noch schwer, dann bin ich noch schüchtern. Viele sprechen so schnell und oft auch Dialekt. Anders als meine Geschwister, die Deutsch ja in der Schule gelernt haben, verstehe ich Jugendsprache und Dialekt eher nicht so gut.

In Zukunft, wollt Ihr eher hier bleiben oder zurück gehen?

Yi-Hsiang: Ich mache jetzt erst einmal Abitur, und danach gehe ich vielleicht studieren. Aber ich möchte eigentlich in Österreich bleiben, die Lebensqualität ist hier einfach besser. Wenn ich Student bin, kann ich auch endlich jedes Jahr für das chinesische Neujahr nach Hause fliegen. Jetzt haben wir im Winter nie Ferien und können nur im Sommer nach Taiwan.

Ya-Ching: Ich möchte schon lieber zurück nach Taiwan… eigentlich. Vielleicht aber erst nach dem Studium.

Hsin-Yi: Ich würde schon sehr gerne hier bleiben oder zumindest woanders in Europa leben. Das Ideal wäre natürlich, wenn man hier arbeiten, aber jedes Jahr einmal nach Hause fliegen kann. Leider ist es nicht so einfach, mit Musik Geld zu verdienen. Deshalb werde ich im Sommer, wenn ich mein Studium abgeschlossen habe, nach Dalian gehen, um zu arbeiten. In China kann man mehr verdienen, als in Österreich.

Würdet Ihr sagen, Eure Eltern haben eine gute Entscheidung getroffen?

Ya-Ching: Naja, also wir würden alle bleiben wollen und bereuen nicht, hierher gekommen zu sein. Aber wenn ich Kinder hätte, würde ich sie nicht so jung schon in ein fremdes Land schicken.

Yi-Hsiang: Es hat natürlich auch Vorteile, früh wegzugehen, weil man mehr und schneller lernt. Aber wenn man älter ist, weiß man besser, was man eigentlich lernen soll – und vor allem lernen will.

Hsin-Yi: Ich finde, kleine Kinder sollten bei ihren Eltern bleiben. Jetzt ist es eigentlich egal, wir alle drei sind schon groß, und wir können uns einmal im Jahr mit unserer Familie treffen, das genügt.

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sinonerds-Autor*in

Zita Fuxjaeger

Seit ihrem Abitur in Österreich lebte und studierte Zita knapp vier Jahre in Shanghai. Seit letztem Jahr vertieft sie ihr Studium der Sinologie an der Freien Universität Berlin.

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