Chinas „Goldenes Zeitalter der Archäologie“

In der Volksrepublik China durchläuft derzeit eine schiere Explosion in archäologischer Forschung und entsprechenden Entdeckungen.

In der Volksrepublik China wurde in den letzten Jahren eine Vielzahl bedeutsamer archäologischer Entdeckungen gemacht, die nicht nur das chinesische, sondern auch das aktuelle Geschichtsverständnis der gesamten Menschheit revolutionieren. Drei zentrale Phänomene begünstigen diese Entwicklung in der Volksrepublik: die starke Förderung der Archäologie durch die Regierung, die enorme Bautätigkeit im Land und die Grabräuberei.

Ich erinnere mich noch gut an den Chinesischunterricht in meinem dritten Semester an der FU Berlin. In einem Kapitel über die Geographie Chinas lernten wir unter anderem das Wort 摇篮 yáolán, was „Wiege“ bedeutet. In dem Lehrbuchtext ging es darum, dass der Gelbe Fluss die Wiege der chinesischen Zivilisation sei – eine Aussage, die wahrscheinlich viele Menschen in Geschichtsbüchern oder Museumsausstellungen schon einmal gehört haben.

In der Tat entstanden viele der frühesten chinesischen Dynastien wie z.B. die Shang (ca. 1600-1046 v.u.Z.), die Zhou (1046-221 v.u.Z.) und die Qin (221-206 v.u.Z.), welche das Reich unter einem Herrscher vereinte, im Einflussbereich des Gelben Flusses und seiner vielen Nebenflüsse. Doch neuere archäologische Erkenntnisse unter anderem aus Sichuan im Westen Chinas stellen diese Darstellung von der „einen Wiege“ der chinesischen Zivilisation in Frage. Besonders die Ausgrabungsstätte Sānxīngduī (三星堆) sorgt mit aufsehenerregenden neuen Entdeckungen für viele Schlagzeilen in China.

Grün: Hauptstadt der Shang-Dynastie in Anyang; Gelb: Die Ausgrabungsstätte Sanxingdui im Sichuan-Becken; Blau: Derzeit wichtige Städte in Festlandchina

Sanxingdui liegt etwa 40km nördlich von Chengdu im Sichuan-Becken. Abgegrenzt durch das Qinling-Gebirge vom weiter nördlich gelegenen Einflussgebiet des Gelben Flusses entstand hier im 12.-11. Jahrhundert v.u.Z., also etwa zeitgleich mit der Shang-Dynastie, eine eigenständige Kultur, die beeindruckende Fundstücke hinterlassen hat. Allein in den letzten anderthalb Jahren wurden fast 2000 neue Relikte entdeckt, darunter goldene Masken, reich verzierte Kupfergefäße und Elfenbeinstücke. Bei früheren Ausgrabungen fanden die Archäologen beispielsweise einen 4m großen „Baum des Lebens“ aus Kupfer. Bei den geborgenen Darstellungen von Gesichtern fallen besonders die großen, spitzen Ohren und hervorstehenden Augen auf, die charakteristisch für die Sanxingdui-Kultur sind. Sie zeugen von einer anderen kulturellen Tradition als im Bereich des Gelben Flusses, die aber dennoch in ihrer Kunstfertigkeit den Funden aus der zentralchinesischen Hochebene rund um Anyang in nichts nachsteht. Diese Entdeckungen stellen die etablierte Vorstellung eines einzigen zentralen Kerns der chinesischen Zivilisation in Frage. Vielmehr muss davon ausgegangen werden, dass sich schon früh in mehreren Regionen Chinas unterschiedliche Kulturen entwickelten, die über Jahrhunderte miteinander verschmolzen.

Eine goldene Maske der Sanxingdui-Kultur in Sichuan, Foto von Momo auf FlickrDer vier Meter hohe „Baum des Lebens” aus Kupfer, ebenfalls aus Sanxingdui, Foto von Thomas Cheang auf Flickr

Dass diese bedeutenden Entdeckungen gerade jetzt gemacht werden, ist in der Tat kein Zufall. Nach Ansicht einiger Experten befindet sich die Volksrepublik China derzeit in einem „Goldenen Zeitalter der Archäologie.“ Laut der Historikerin Liu Li von der Universität Stanford sind dafür vor allem drei Faktoren ausschlaggebend. Erstens wird die Archäologie in umfassendem Maße von der chinesischen Regierung gefördert, besonders unter Xi Jinping.  So rief der Präsident Ende 2020 dazu auf, die Bedeutung der Archäologie für das Land stärker anzuerkennen, hochwertige archäologische Arbeit und Forschung zu leisten und die entsprechenden Ergebnisse national als auch international im Sinne der Regierung effektiv zu nutzen. Im November 2021 veröffentlichte das chinesische Amt für Kulturerbe dann den ambitionierten Plan, in den nächsten fünf Jahren 10-15 neue archäologische Stätten unter Schutz zu stellen, 4000 neue Archäologen auszubilden und jedes Jahr 80-100 Ausgrabungen durchzuführen. Die nötigen Finanzmittel dazu werden allein von der Regierung in Peking bereitgestellt, da in der Volksrepublik privat finanzierte Ausgrabungen untersagt sind.

Der zweite Grund für die Häufung von bedeutsamen Funden und daraus folgenden wissenschaftlichen Veröffentlichungen liegt in der enormen wirtschaftlichen Entwicklung der Volksrepublik. Jeden Tag werden in Festlandchina tausende neue Häuser, Straßen, U-Bahntunnel und Flughäfen gebaut, bei denen mitunter zahlreiche archäologische Funde zu Tage treten. So wurden zum Beispiel Anfang 2021 in der Millionenmetropole Xi’an, die für die Terrakotta-Armee des ersten Kaisers der Qin-Dynastie bekannt ist, bei Arbeiten zur Erweiterung des Flughafens 3.500 Gräber und 4.600 Relikte gefunden. Diese mussten daraufhin innerhalb von zwei Wochen vor den voranschreitenden Bauarbeiten „gerettet“ werden, um sie für die Nachwelt zu erhalten.

Als dritten Grund für den Goldrausch der chinesischen Archäologie nennt Historikerin Liu Li die Grabräuberei. Personen auf der Suche nach dem schnellen Geld betrachten antike Grabstätten als sprichwörtliche Goldmine und arbeiten dabei sogar teilweise mit korrupten lokalen Beamten zusammen. Die Grabräuber gehen bei ihren Grabungen jedoch meistens sehr zerstörerisch vor, was auf den ersten Blick kein Vorteil für die Archäologie zu sein scheint. Doch wenn die Täter gefasst und ihre ausgegrabenen Fundstücke beschlagnahmt werden, können professionelle Archäologen die nachfolgenden Arbeiten übernehmen und sogar noch ausweiten. Auch in Sanxingdui suchten seit der ersten Entdeckung von Artefakten in den 1920er Jahren viele Grabräuber ihr Glück, blieben jedoch glücklicherweise erfolglos, weshalb die beeindruckendsten Stücke heute in öffentlich zugänglichen Museen zu bestaunen sind.

Eine Maske aus Sanxingdui mit für diese Ausgrabungsstätte typischen hervorstehenden Augen, Foto von Thomas Cheang auf Flickr

Leider erfährt man über dieses goldene Zeitalter der Archäologie in Deutschland nur sehr wenig. Wenn es archäologische Themen in die Abendnachrichten schaffen, dann sind dies meistens Entdeckungen aus Ägypten und dem Nahen Osten. In einer Übersicht von herausragenden Funden des Jahres 2021 der Deutschen Welle stammen gerade einmal zwei von 16 Entdeckungen nicht aus Europa und dem Mittelmeergebiet.

Zur Frage, warum zum Beispiel die beeindruckenden Relikte in Sanxingdui im Gegensatz zu ähnlichen Stücken aus Ägypten in westlichen Medien kaum Erwähnung finden, vermutet ein Journalist der Washington Post sogar eine tiefliegende kulturelle Romantisierung Ägyptens seitens der westlichen Länder, die die ägyptische Geschichte in kolonialer Tradition als Teil von „unserer Geschichte“ versteht und dabei gleichzeitig nicht-westlichen Geschichtsnarrativen die Relevanz absprechen. Dabei lohnt sich doch durchaus ein Blick über den eigenen historischen Tellerrand. Mir jedenfalls ist das chinesische Wort für „Wiege“, 摇篮 yáolán, bis heute in Erinnerung geblieben und dazu die Erkenntnis, dass es die eine Wiege der chinesischen Kultur so gar nicht gibt.

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sinonerds-Autor*in

Clemens Ruben

Clemens hat Chinastudien in Berlin und Peking studiert und inzwischen mehr als sieben Jahre in China und Taiwan verbracht. Besonderes Interesse pflegt er für chinesische Geschichte sowie für aktuelle Politik und Gesellschaft. Wenn er nicht gerade Hotpot isst, dann arbeitet er als Übersetzer (CH-DE, CH-EN) und Deutschlehrer. Man kann ihn auch auf Twitter (@chinaimbiss) und Instagram (@china.imbiss) erreichen.

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