520 = Ich liebe dich!

Josefine hat in der chinesischen Internetsprache gestöbert und erklärt, warum man dort als Laie oft nur Bahnhof versteht.

Zum ersten Mal stutzig geworden bin ich, als sich meine sonst so herzliche Freundin Yu Ting in ihren Nachrichten nicht einmal mehr richtig von mir verabschiedete — statt eines Grußes beendete sie ihre SMS neuerdings mit drei Zahlen, die mir zunächst mal ein Rätsel waren: 886! Als ich sie darauf ansprach, lachte sie nur und erklärte, dass die Zahlenfolge „Tschüß“ bedeutet, dass man „das jetzt so mache“ weil das schneller ginge und dass ich mich mal im Internet umsehen sollte, da „886“ nicht die einzige Abkürzung sei, die das Netz so zu bieten hätte. Gesagt, getan: Ich habe ein wenig gestöbert und bin auf viel Kurioses, Neues und vor allem viel Interessantes gestoßen.

Was man in chinesischen Chatrooms zu lesen bekommt, hat nur noch wenig mit dem Mandarin zu tun, wie man es in den Lehrbüchern findet. Neben den „gewöhnlichen“ Schriftzeichen stößt man zunehmend auf (arabische) Ziffernkombinationen, lateinische Buchstabenkürzel und völlig neue Zeichen, die sich bisher noch in keinem Wörterbuch befinden — was geht da vor?

Im Osten viel Neues

Viele Menschen der älteren Generation sind – wie in so vielen anderen Ländern auch – empört von den neuen Entwicklungen der Jugendsprache und fürchten den Verfall ihres Schriftsystems; Sprachwissenschaftler hingegen sind fasziniert ob der Möglichkeiten, die das Chinesische für Kreativität lässt. Lediglich die Teenager vor ihren Laptops interessieren sich wenig für die langfristige Veränderung ihrer Sprache. Ihnen scheint es hauptsächlich darum zu gehen, sich in einem angemessenen Tempo im Netz unterhalten zu können (ob mit oder ohne Schriftzeichen) und ihren Gefühlen so in dem neuen Medium Ausdruck zu verleihen.

Chinesische Schriftzeichen haben eine lange Geschichte und gewiss viel Veränderung hinter sich — doch auf einer Tastatur zu schreiben hat eben andere Anforderungen an eine Sprache, als mit einem Pinsel auf Seide zu malen. Mit der zunehmenden Bedeutung der Internetkommunikation haben sich viele Ausdrücke entwickelt, die selbst bei Kenntnis der chinesischen Sprache für  „Laien“ schwer verständlich sind.

Die Sache mit den Zahlen

So zum Beispiel die Sache mit den Zahlen: Statt Schriftzeichen werden Ziffern aneinander gereiht, deren Lautfolge und Betonung in etwa dem Wort entsprechen, das sie ersetzen. Bekanntere Beispiele dafür sind unter anderem 520 für wǒ ài nǐ,„Ich liebe Dich“; 687 wird zu duì bù qǐ, für „Entschuldigung“ oder 886 für bai bai le, „Tschüß“. Für die Abkürzungen werden jedoch lediglich arabische Ziffern verwendet — um Zeit zu sparen. Mit ein wenig Kreativität lässt sich, wenn man es mit der Aussprache nicht ganz so genau nimmt, auch fast alles in Zahlen ausdrücken… 9494, jiù shì jiù shì, (就是就是, so ist es). Wo die Zahlen nicht reichen, greift man auf Buchstaben zurück, und so gibt es die Abkürzungen GG (哥哥, Bruder) und MM (妹妹, Schwester) als freundschaftliche Anrede im Chat, aus der Pinyin-Umschrift der chinesischen Worte „gē ge“ und „mèi mei“.

Sogar ganze Phrasen wie 拍马屁 (pāi mǎ pì), jemandem schmeicheln, oder das weniger freundliche „他妈的!” (tā mā de) können bei Bedarf auf drei Buchstaben reduziert werden: PMP und TMD. Diese Abkürzungen sind nicht nur zeitlich effizienter, sie werden auch dazu genutzt, die Zensur zu umgehen.

Außerdem bedient sich der Online-Jargon bereits bestehender Abkürzungen der englischen Jugendsprache und verwendet eher „BF“ (boyfriend) und „GF“ (girlfriend), als die chinesischen Equivalente 男朋友, nán péng you bzw. 女朋友 nǚ péng you. Auf einige Kurzformen trifft sogar beides zu: BB kann sowohl Abkürzung für „bǎo bèi“ (宝贝, Schatz, Liebling) als auch für das entsprechende Englische Wort „Baby“ sein — was für ein „Zufall“.

Die Macht der Gewohnheit

Viele Wortkreationen sind aus einfachen Tippfehlern heraus entstanden, die sich im Laufe der Zeit immer mehr eingebürgert haben. So zum Beispiel „dà xiá”, was im neueren Sprachgebrauch so etwas wie Internetexperte bedeutet und seinen Ursprung in dem Wort für Ritter, Held (大侠,) hat. Aus Eile ist so häufig der Tippfehler „大虾” (Garnele, dà xiā) entstanden, dass sich dieser Begriff mittlerweile für IT-Profis eingebürgert hat: Die Macht der Gewohnheit!

180px-脑残Besonders interessant sind die Neologismen, die aus einer Verschmelzung verschiedener Zeichen entstehen und meist einen kritischen Unterton haben. So zum Beispiel das nebenan abgebildete nan, das sich aus den 2 Zeichen 脑残 (nǎo cán- Hirnschaden) zusammensetzt und für Jugendliche verwendet wird, deren Patriotismus sie unfähig macht, Dinge kritisch zu hinterfragen.

Was ich im Internet an Zahlencodes und neuen Abkürzungen gefunden habe, wirft selbstverständlich die Frage auf, ob die älteren Menschen Recht damit haben, dass sie die Traditionen der chinesischen Sprache gefährdet sehen. Wenn alles immer schneller und effektiver sein muss, wird dann in 30, 40 Jahren überhaupt noch jemand mit den Zeichen arbeiten, die wir heute kennen oder werden Buchstabenkürzel demnächst zur Kommunikation ausreichen? Können Zeichensysteme wie das Chinesische langfristig im Netz bestehen?

Den scheinbar spielerischen Umgang mit der chinesischen Sprache im Internet finde ich wirklich faszinierend, und ich muss sagen ich bin fast ein wenig neidisch, wenn ich in diesem Bereich China und Deutschland vergleiche: LOL, YOLO und ROFL können wohl kaum mit der Kreativität der Chinesen mithalten!

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sinonerds-Autor*in

Josefine Schaefer

Seit Josefine während der Schulzeit ein Jahr in Beijing verbracht hat, zieht es sie, ob auf Reisen, für Praktika oder in Tagträumen immer wieder zurück nach China. Sie studiert Mehrsprachige Kommunikation an der Fachhochschule Köln und macht derzeit ein Praktikum in Hamburg.

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神貓
Leser*in
拍马屁 schmeicheln, wörtlich A*sch küssen?? Manche Phrasen sind echt lustig. Ich wollt ja noch was schreiben, aber mein Smertfon kann leider keine hanzi…. pì heißt auch Furz oder? (Hoffe das stimmt so, ich lerne noch) Ach und ich nenne mich wirklich shén māo (göttliche Katze), es hat sich einfach ergeben… weiterlesen »
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