Maler der Geschichte: Feng Zikai

Wer in Deutschland kennt schon Feng Zikai 丰子恺 (1898-1975)? Viel zu wenige, finden wir! Dabei wird der Karikaturist in China groß gefeiert, sei es nun als Re-Importeur des japanischen Mangas, als Begründer der modernen chinesischen Karikatur oder, allgemeiner, als einer von Chinas „Großen Meistern“ (大师). Damit wir endlich mehr über Feng erfahren, gibt uns Felix einen feinsinnigen Einblick in dessen weitreichendes Lebenswerk, das stark von dem Chaos der 30er Jahre geprägt wurde:

Der Maler, Pädagoge und Literat Feng Zikai machte sich einen Namen als glänzender Karikaturist. Das geschah in den stürmischen 1920er und 30er Jahren, als kein Bereich des chinesischen Kulturbetriebs vor den jungen Intellektuellen sicher war. Seine erste Begegnung und die daraus entstehende Korrespondenz mit Lu Xun, dem mutmaßlichen Begründer der modernen chinesischen Literatur, gab ihm Mitte der 20er Jahre den Anstoß zu einer genreübergreifenden “Art Novel”. Ihr Entstehungsprozess war von etlichen Rückschlägen geprägt und ist repräsentativ für Literatur, die in den Kriegsjahren der 1930er unter größten Schwierigkeiten publiziert werden musste. Feng brauchte gar drei Anläufe, bis er das “Manga der Wahren Geschichte des Herrn Jedermann” (漫画阿Q正傳) veröffentlichen  konnte.

Im Westen unbekannt – in China glorifiziert

Trotz seiner großen Bedeutung findet Feng Zikais Lebenswerk außerhalb des chinesischsprachigen Kulturraums – mit wenigen Ausnahmen wie im Bereich der Wissenschaft und Forschung – keine nennenswerte Beachtung. Es mag daher wie ein Blick durch ein umgekehrtes Fernglas anmuten, entrückt und verkleinert, wenn wir die Person Feng Zikai an dieser Stelle lediglich skizzenhaft und aus großer zeitgeschichtlicher Entfernung betrachten. Sein Werk verliert dadurch jedoch nicht an Leuchtkraft und Schärfe. Vielmehr liegt es uns am Herzen, dass dieser Artikel bei einigen sinonerds Neugier weckt, denn gerade im Internet gibt es doch noch so manchen “Schatz” zu bergen.

In der Reihe der gnadenlos glorifizierten Intellektuellen der chinesischen Welt ist Feng Zikai nicht wegzudenken. In den Kulturkanonisierungen gebührt ihm gar ein eigener Platz zwischen den “Großen Meistern” (da shi 大师) der chinesischen Moderne: als “Re-Importeur” des Mangas nach China zeigte die Google-Startseite eigens zu Fengs 114. Geburtstag ein Doodle ganz im Stile seiner Zeichnungen und seit 2009 wird in der Volksrepublik jährlich der Chinesische Feng Zikai Kinderbilderbuchpreis ausgeschrieben. Fengs Leben wird zudem in zahlreichen Dokumentationen behandelt, aber manchmal auch verklärt. Eine der besseren Dokumentationen könnte den Einstieg in die Karikatur des 20. Jahrhunderts liefern und kann hier gefunden werden. Eine fundierte Rechtfertigung, Fengs Karikaturen auszudrucken und an die Wand zu nageln, wird sich also ohne weiteres finden lassen.

Ein Buch, zwei Übersetzungen: Lu Xun trifft Feng Zikai

Feng Zikai, der aus Zhejiang stammt, nahm wie so viele nach seinem chinesischen Universitätsabschluss ein Studium in Japan auf. Ab 1919 studierte er dort Musik und Kunst. Drei Jahre später kehrte er nach Shanghai zurück und arbeitete fortan als junger Lehrer. Im Vergleich zu vielen seiner Weggefährten galt er als ausgesprochen unpolitisch. Aus dem Wandel und den damit einhergehenden Gefahren innerhalb der chinesischen Zivilgesellschaft leitete er vielmehr einen humanistischen Auftrag ab, der sich in seinen Zeichnungen wiederfindet. Diese Gegenposition ist offensichtlich und es war nicht selbstverständlich, dass er sich mit einem Schriftsteller wie Lu Xun anfreundete.

Feng Zikai arbeitete nach seiner Rückkehr 1921 als literarischer Übersetzer aus dem Japanischen und ein von ihm übersetztes Manuskript stand kurz davor, lektoriert und im Anschluss publiziert zu werden. Lu Xun, seines damaligen Zeichens bekannter Autor, Publizist und Hochschuldozent an der Pädagogischen Hochschule Beijing hatte das besagte Buch bereits ins Chinesische übertragen. Als er von den Bemühungen des jüngeren Feng hörte, ließ er ihn sogleich zu sich zitieren.

Dieses erste Treffen ist gut dokumentiert und entgegen Fengs Befürchtung stellte für Lu Xun eine zweite Übersetzung kein Problem dar: “Entspann dich. Es kann ruhig zwei Übersetzungen desselben Textes geben. In Japan findet man oft zwei oder gar drei verlegte Übersetzungen für fremdsprachige Literatur. Das ist dort gängige Praxis.” Während die beiden sich kennen und schätzen lernten, begann für Feng die geschäftigste Phase seines Lebens. Ab 1925 veröffentlichte er seine „Zikai Manhua“ (子恺漫画) im Periodikum der Literaturwochenzeitung (Wenxue zhoubao 文学周报) und gab nebenher zahlreiche Essays heraus.

Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg

Als Lu Xun im Jahr 1936 verstarb, entschloss sich der trauernde Feng Zikai dazu, einige Erzählungen des Schriftstellers in Mangas umzusetzen. Während des Frühjahrs 1937 machte er sich ans Werk, ungefähr zur gleichen Zeit, in der er seinen Mangaband zur “Wahren Geschichte des Herrn Jedermann” vollendet hatte. Die Manuskripte wurden jedoch kurz darauf im Bombenfeuer der Japaner vernichtet. Als Feng die Kunde der Vernichtung seiner Zeichnungen erreichte, war er am Boden zerstört. Sein Seelenleben glich einem Scherbenhaufen. Da auch sein Zuhause dem Bombenteppich der Japaner zum Opfer gefallen war, blieb ihm nichts anderes mehr übrig, als aus Shanghai fortzuziehen. Sein Wunsch, den Manga zu veröffentlichen, trotzte jedoch allen Widrigkeiten. Bereits ein Jahr darauf tat sich ihm eine weitere Chance auf, genau das in die Tat umzusetzen. Eines Tages lud ihn ein befreundeter Schriftsteller ein im fernen Guangzhou die Mangas in einer Zeitschrift zu veröffentlichen. Das Paket mit Fengs neuen Zeichnungen war jedoch langsamer als der Krieg, der wenig später auch über Südchina hereinbrach und dem Karikaturisten gewissermaßen einen weiteren Strich durch sein Vorhaben zog.

Im Juli 1939 machte er sich erneut an Zeichnungen zu Lu Xuns Erzählung, die letzten Endes im Kaiming Verlag (Kaiming chubanshe 开明出版社) veröffentlicht werden konnten. Stolz und trotzig nahm er seinen Triumph entgegen: “Da kann man einmal sehen, dass die Bomben zwar meine Manuskripte, nicht aber meinen Willen zerstören konnten. Solange der Wille da ist, muss der Unterlegene es immer wieder probieren, der Vernichtete immer wieder aufs Neue auferstehen.” Die  insgesamt 54 Zeichnungen riefen den damaligen Lesern unwillkürlich die Unwegsamkeiten der damaligen Epoche in Erinnerungen. Die geflickte Jacke des Helden und seine hervorstehende Rippen gaben der bitteren Armut Ausdruck und Lu Xuns Kritik an der phlegmatischen Haltung des Einzelnen fand sich nun auch in Fengs Karikaturen wieder, deren schmale, zweifelnde Augenbrauen argwöhnisch dem Betrachter entgegen und in eine ungewisse Zukunft starrten.

Feng Zikai verstand sich blendend darauf, regionale Eigentümlichkeiten aufzusaugen, mit denen der Autor in seinen Texten arbeitete und durch die er seine Kritik an der Bevölkerung formulierte. Dass Feng aus seinem eigenen Erfahrungsschatz schöpfen konnte, war für ihn gewiss von Vorteil. Ihm gelang es vortrefflich, sich in den gesellschaftlichen Kontext der Texte Lu Xuns und in die Protagonisten hineinzuversetzen.

“Für ihn [Lu Xun] zu zeichnen, ging mir gut von der Hand; [die Charakteristika]der damaligen Epoche konnte ich in jungen Jahren selbst noch erleben […] und schließe ich die Augen, fällt es mir recht leicht, die damaligen gesellschaftlichen Merkmale wieder heraufzubeschwören. Im Vergleich zu unter 40-jährigen Zeichnern sind dergleichen Zeichnungen für mich gewiss leichter anzufertigen.”

Feng Zikais unbändiger Wille, als Zeitgenosse Lu Xuns dessen Texte fast wörtlich unter Beschuss stehend zu zeichnen und zu veröffentlichen, ließ ihn zum besten Gegenbeispiel einer allzu trägen Zivilbevölkerung werden. Oft ist der Blick über den Tellerrand der damaligen Zeit nicht schwer und es braucht nicht jedes Jahr ein Doodle zu Feng, um sich seiner bedeutenden Rolle für die Kulturlandschaft bewusst zu werden.

Titelbild: Zeichnung von Feng Zikai. Flickr photo by Yvonne Kao shared under a Creative Commons (BY-NC-ND 2.0) license. Bild: Fengs Haus in Shanghai. Flickr photo by Lawrence Wang shared under a Creative Commons (BY-NC-ND 2.0) license.

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sinonerds-Autor*in

Felix Hille

Felix studierte zunächst in Heidelberg Sinologie, lag später bei Hamburg vor Anker und schloss in der Hansestadt 2014 seinen Master ab. Zwischenzeitlich verschlug es ihn für eineinhalb Jahre nach Shanghai. Aus seiner Leidenschaft für die Literatur heraus hat sich mittlerweile auch die moderne chinesische Literatur und die Popkultur zu einem Herzensanliegen entwickelt, für das er gerne auch andere begeistern möchte. Derzeit arbeitet er im Rahmen eines Stipendienprogramms für Exilschriftsteller als Projektmitarbeiter für eine deutsche Schriftstellervereinigung

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