Eine Reise von 1000 Schritten beginnt mit einem guten Buch: Die besten chinesischen Bücher auf Deutsch

Bisher wurde vergleichsweise wenig chinesische Literatur ins Deutsche übersetzt, aber zu entdecken gibt es vieles

Chinesische Literatur ist im deutschen Mainstream bisher nicht angekommen. Nach dem Nobelpreis für Mo Yan 2012 und dem weltweiten Erfolg von Liu Cixin in den letzten Jahren ändert sich das, wenn auch langsam. Wir nehmen das zum Anlass für eine Bestandsaufnahme der besten Bücher auf Chinesisch oder von AutorInnen aus dem chinesischen Kulturraum in deutscher Übersetzung.

Über 600 Bücher, die auf Chinesisch oder von Autor:innen aus dem chinesischen Kulturraum verfasst wurden, wurden ins Deutsche übersetzt und werden in Deutschland verlegt. Davon sind 320 Romane und andere Werke der Belletristik. Das ist das Ergebnis einer Liste, die sinonerd Arnaud für das Buchinformationszentrum der Frankfurter Buchmesse (BIZ) erstellt hat. 

Überraschend an dieser Liste ist, dass sich über die Jahre zwar ein kleiner Trend nach oben abzeichnet, aber die meisten Werke pro Jahr zwischen 2005 und 2009 übersetzt wurden. Ein Grund dafür dürfte sein, dass China 2009 das Gastland der Frankfurter Buchmesse war und im Nachklang der olympischen Spiele besondere Aufmerksamkeit genoss . Die am häufigsten übersetzten Autoren:innen sind unter anderem der Romanautor Ha Jin, die Literaturnobelpreisträger Mo Yan und Gao Xingjian, die chinesisch-amerikanische Schriftstellerin Amy Tan, die bekannte Feministin Xue Xinran, Krimi-Autor Qiu Xiaolong, Jugendbuchautor Chen Jianghong, der politische Autor Liao Yiwu und die für ihre starken weiblichen Charaktere bekannte Autorin Anchee Min. In den letzten 20 Jahren waren es ungefähr 50 ÜbersetzerInnen, die aktiv chinesische Bücher ins Deutsche übersetzen. Zusätzlich werden chinesische Bücher aus anderen Sprachen ins Deutsche übersetzt.

Die meistübersetzten Bücher haben einen klaren Bezug zur chinesischen Gesellschaft oder Geschichte, darunter die Werke von Mo Yan, Yu Hua und Liao Yiwu. Letzterer wird gemessen an der Anzahl der Bewertungen auf Goodreads besonders viel gelesen. Das mag daran liegen, dass Liao in Berlin im politischen Exil lebt und deshalb in Deutschland bekannt ist. Im Jahr 2012 erhielt er den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.  Auch die Biographie des im Hausarrest verstorbenen Liu Xiaobo (Friedensnobelpreisträger 2010) “Ich habe keine Feinde, ich kenne keinen Hass” ist bei deutschen Leser:innen populär. 

Nicht alle Autor:innen der Liste schreiben übrigens auf Chinesisch. Ha Jin, Xue Xinran, Qiu Xiaolong, Li Yiyun, die in England oder den USA leben, und Amy Tan schreiben auf Englisch. Die Bücher von Francois Cheng und Chen Jianghong erscheinen im Original auf Französisch. Han Suiyin lebte bis zu ihrem Tod 2012 in der Schweiz und schrieb sowohl auf Englisch als auch Französisch. Im Original auf Deutsch lesen lassen sich insbesondere die Werke von Lin Jun (“Mein deutscher Geliebter”) und Xu Pei (“Der weite Weg des Mädchen Hong”). 

Ein Welterfolg im Genre der Science Fiction

Insgesamt sind auf Goodreads wenige Bücher mit Bewertungen nahe der vier Sterne zu finden, eine Grenze, die ich als Faustregel für Bücher verwende, zu denen ich keinen Bezug oder eine persönliche Empfehlung habe. Unter den stärksten Werken sind viele Klassiker. Allen voran die “Beatles” der chinesischen Literatur: “Die Reise in den Westen” (Xiyouji), “Der Traum der Roten Kammer” (Hongloumeng), “Die Geschichte der Drei Reiche” (Sanguoyanyi) und “Die Räuber vom Liang-Schan-Moor” (Shuihu Zhuan) – ziemlich alt und teilweise auch in sehr altbackener Übersetzung. Die vier Klassiker belegen, dass nicht nur in Europa zeitlose Romane geschrieben werden. Die Reise in den Westen ist ein Werk aus dem 14. Jahrhundert und wurde erst vor kurzem vollständig auf Deutsch übersetzt. In dem Werk verschmelzen tausend Jahre alte Mythen und daoistische Philosophie zu einer Abenteuergeschichte, die vor allem Kinder in Asien begeistert. Für die Übersetzung brauchte Eva Lüdi Kong 19 Jahre, hauptsächlich wohl um die Vielschichtigkeit des Werkes zu verstehen, und einen Teil der Zeit wohl auch, um die 1320 Seiten Korrektur zu lesen.

Auch einen “fünften Beatle” der klassischen chinesischen Literatur gibt es: “Die goldene Vase”(Jinpingmei) war das “Fifty Shades of Grey” der späten Ming-Dynastie. Das Sittengemälde wurde wohl aufgrund seines erotischen Inhalts schon im 18. Jahrhundert durch den Traum der Roten Kammer ersetzt. Die am weitesten verbreitete deutsche Fassung ist eine “stark kürzende und recht freie, vor allem in sexualibus zurückhaltende Übersetzung” von Franz Kuhn, aus dem Jahr 1931 (Zitat Wikipedia). Die vollständige deutsche Übersetzung in fünf Bänden stammt aus den 1920er Jahren und konnte erst Jahrzehnte später komplett verlegt werden. Sie ist unter dem Titel “Djin Ping Meh: Schlehenblüten in goldener Vase” mit etwas Glück antiquarisch zu finden.

Chinesische Gedichte mal anders

Mit dem expliziten Wunsch, den binären Stereotyp der “Pflaumenblüten und Dissidenten” aufzubrechen, hat Lea Schneider mit “Chinabox” 2017 einen Gedichtband mit Übersetzungen neuer Lyrik aus der Volksrepublik vorgelegt. In unbekannte Welten hat sich das Interesse des weltweiten Buchmarkts mit der Trisolaris-Reihe entwickelt. Der Autor Liu Cixin entfaltet eine Geschichte, die mit ihrem Blick auf das gesamte Universum den Nerv der Zeit trifft und in den Bewertungen einschlägt. Die drei Bücher der Serie und seine Novelle “Spiegel” sind die bisher einzigen Science-Fiction-Bücher aus China auf dem deutschen Mainstream-Buchmarkt, aber hoffentlich nur der erste Kontakt. Jenseits der großen Verlagshäuser tut sich hier schon etwas: Das Kapsel-Magazin aus Berlin übersetzt und diskutiert chinesische Sci-Fi-Kurzgeschichten in bisher zwei Ausgaben. 

Bisher zeichnet sich in der Anzahl der Übersetzungen nicht ab, ob der kommerzielle Erfolg von Liu Cixin den Markt für chinesische Bücher in Deutschland nachhaltig weiter geöffnet hat. Allerdings erschien bereits im September 2019 der Roman “Die Siliziuminsel” von Chen Qiufan. Für 2020 sind außerdem deutsche Übersetzungen der Kurzgeschichtensammlung “Zerbrochene Sterne” und “Quantenträume” geplant, die über ein Dutzend der Größen des chinesischen Sci-Fi zusammenführen. Für alle, die nicht so lange warten können, gibt es hier unsere sinonerds Empfehlungen unserer Lieblingsbücher. Lest sie, lasst euch begeistern und empfehlt sie euren Freunden und Eltern!

Die sinonerds-Empfehlungen

  • “Die Arche” von Zhang Jie
  • “Frösche”, “Die Knoblauchrevolte” und “Das rote Kornfeld” von Mo Yan
  • “Dem Volke dienen” von Yan Lianke
  • “China in zehn Wörtern”, “Leben” und “Der Mann der sein Blut verkaufte” von Yu Hua
  • Trisolaris-Reihe von Liu Cixin
  • “Die Drei Reiche” (Der historische Roman der mit 500 Jahren selbst historisch ist)
  • “Oberchaoten” von Wang Shuo
  • “Du fliegst jetzt für meinen Sohn aus dem fünften Stock!” von Luo Lingyuan

Euer Lieblingsbuch war nicht dabei? Schreibt uns gerne, falls ihr Bücher kennt, die wir übersehen haben.

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sinonerds-Autor*in

Arnaud Boehmann

Arnaud Boehmann, halb Deutscher, halb Franzose, erlebte mit zwölf Jahren in China seinen ersten Kulturschock, hat sich gut davon erholt und ist dem Land und seiner Kultur treu geblieben. Seit 2014 studiert er Sinologie und Soziologie an der Universität Hamburg. In seiner Freizeit begeistert er sich für Literatur und Film, trainiert mehrere asiatische Kampfkünste und legt seinen Interessenschwerpunkt auf kulturellen Austausch und internationale Militär- und Sicherheitspolitik.

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