Rocken in China – Das Taihu MIDI Music Festival 2016

Musikfans kommen im Reich der Mitte auf ihre Kosten

Zwei Tage später pfeift es noch in meinen Ohren, aber es hat sich gelohnt: Vom 30. April bis 2. Mai 2016 hat das Taihu MIDI Music Festival (太湖迷笛音乐节) wieder ordentlich gerockt, gefetzt und getobt. Ein persönlicher Bericht darüber, warum man die kostbaren Mai-Feiertage auf Chinas bekanntestem Festival verbringen sollte.

Wer Anfang Mai schon einmal in China unterwegs war, der weiß: jetzt ist das ganze Land auf Achse. Zugtickets sind im Handumdrehen ausverkauft und Millionen von Chinesinnen und Chinesen machen sich auf den Weg zu ihren Familien oder nutzen die Gelegenheit, beliebte Reiseziele anzusteuern. Die Vernunft rät nachdrücklich, sich in diesen drei Tagen nicht auf einen Trip durchs chinesische Festland einzulassen. Doch wer redet hier schon von vernünftig sein?! Ab geht es zu MIDI, wo Metal-Heads, Punks und Indie-Rocker fern von daheim so richtig abgehen können (und auch Normalos, so wie ich)!

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Willkommen zum MIDI Music Festival!

Angekommen am Gelin Park (苏州格林乡村公园), der direkt am 2.250 km² großen See Taihu (太湖) bei Suzhou (苏州) liegt, bauen wir erst einmal die Zelte auf. Vor den Toren zu MIDI hat sich bereits ein Teppich an bunten Schlafplätzen ausgebreitet. Noch schnell ein Armbändchen holen und durch die Sicherheitskontrolle, dann geht’s rein in die riesige Anlage aus Grünflächen, Hügeln, und Seen. Doch Moment mal, Achterbahnen? Ein Pool? Und was suchen diese deutschen Fachwerkhäuser hier?

Die Besucher sind so besonders wie der Ort

Ein ehemaliger Vergnügungspark, der nun für Feierlichkeiten wie das Frühlingsfest oder eben das MIDI Music Festival gemietet wird, beherbergt für drei Tage einen bunten Querschnitt aus Chinas Jugend. Bunte Haare, Piercings, Tattoos und Iros stechen mir ins Auge und ich kann mich kaum sattsehen an all den Menschen, die ihrem Stil treu bleiben und locker und verspielt ins Festival-Getümmel eintauchen.

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Alle haben ihren persönlichen Stil

Die Bühnen sind nach den historischen Epochen Zhanguo (战国) und Tang () benannt und von 13 bis 21 Uhr geht auf ihnen die Post ab. Chinesische Bands wie die Punk-Gruppe SMZB (生命之饼 shēngmìng zbǐng = the cake of life) aus Wuhan und internationale Bands wie Gevolt aus Israel, heizen dem Publikum mit vibrierender Musik ein und das junge Publikum heizt ordentlich zurück. Auf der Zhanguo-Bühne, die an die Zeit der Streitenden Reiche erinnert, werden härtere Töne gespielt und es ist garantiert was für begeisterte Metal-Fans dabei. Die Tang-Bühne dagegen soll die Blütezeit chinesischer Kultur darstellen. Dort ertönen melodische Klänge, wie zum Beispiel von Nova Heart, die ich in Berlin verpasst und auf die ich seit Wochen aufgeregt gewartet hatte.

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Die Zhangguo Bühne

Um mich herum schütteln die Fans ihre Köpfe gekonnt von vorne nach hinten und lassen ihre Haare fliegen, bauen Deathwalls, schwenken Fahnen und zünden bengalische Feuer. Ich fühle mich inmitten der Bewegung wie in einem Traum. Das chinesische Publikum lässt sich fallen, taucht in die Musik ein und scheint dabei den Alltag zu vergessen. Am dritten Tag, an dem es wie aus Kübeln gießt und der Boden einem Schlammfeld gleicht, nutzt der ein oder andere die Gelegenheit, ein ausgiebiges Bad im braunen Matsch zu nehmen. Ich stehe daneben in meiner gerade ergatterten MIDI-Festival-Regenjacke und pitschnassen Schuhen und erfreue mich an dem Spektakel.  

Festival-Gänger kennen es aus Erfahrung

Nach dem Headbanging-Ausdauer-Workout kommt der Hunger. Leider ist das Mitbringen von Getränken und Essen in den Park nicht gestattet, sodass ich mir etwas kaufen muss. Essensstände, die Lammspieße, Liangpi (凉皮 = kalte Nudeln), deutsche Bratwurst, Burger, Shakes und Eis verkaufen, versorgen uns zwar relativ abwechslungsreich, nehmen aber keine große Rücksicht auf unsere Geldbeutel. Doch wenn es eng wird, habe ich einen Geheimtipp: es gibt eine Familie, die in dem Park wohnt und dort auch kocht und Getränke ausschenkt. Außerdem gibt es nicht weit entfernt vom Zeltlager, welches außerhalb des Festivalgeländes liegt, eine Straße mit vielen günstigen Garküchen, wo den ganzen Tag über Betrieb ist. Gerettet. Auch mit Wasser sollte man sich dort gut auftanken, sonst wird es drinnen teuer (Ein Becher Wasser  = 5 RMB)!

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Zwischendrin das Essen nicht vergessen

Zum Schluss noch ein kleiner “fun fact” zu MIDI: Zu meiner Überraschung gibt es eine weitere Bühne etwas fernab, für die (sehr) kleinen Nachwuchsmusiker. Auf der Haimi-Bühne (孩迷) spielen Acht- bis Zwölfjährige und präsentierten ihre Bands, die Namen wie Pop Bomb oder Xiao Guai (小怪= klein und komisch) tragen, bis in den Abend hinein. Die Mini-Rocker habe ich dieses Mal nicht gesehen, aber beim nächsten Mal ganz bestimmt – denn zum letzten Mal war ich bestimmt nicht dabei!

Das MIDI Music Festival wurde 2000 von Zhang Fan, dem Schuldirektor der MIDI Musikhochschule, ins Leben gerufen und ist Chinas größtes und ältestes Musik-Festival. Es findet jedes Jahr an unterschiedlichen Standorten, meist bei Taihu, Shenzhen, Shanghai und Peking, statt. Die auftretenden Bands bewegen sich zwischen den Genres Indie-Rock, Metal, Punk und Folk. Wer besonders auf Jazz oder Electronic steht, der dürfte sich vielleicht für das MIDI Jazz bzw. MIDI Electronic Festival interessieren.

MIDI Music Festival Details

Wo?                 Taihu, Shenzhen, Shanghai (und Peking)
Wann?             Mehrmals jährlich (i.d.R. Mai, Juni, Oktober und Neujahr)
Wie teuer?       120 – 450 RMB
Facebook:       https://www.facebook.com/midifestival/?fref=ts
Mehr Info:       www.midifestival.com

Die Rechte der Bilder im Artikeltext liegen bei Jasmin Oertel, das Titelbild ist von Wang Wei.

Videos zum Festival:

https://youtu.be/nPhtMq9QLm4
http://v.youku.com/v_show/id_XMTU1NDc5ODY5Ng==.html?from=s1.8-1-1.2#paction

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sinonerds-Autor*in

Jasmin Oertel

Jasmin war das erste Mal mit elf Jahren in China und hat in Peking und Hongkong gelebt. Sie hat ihren Bachelor in Chinastudien abgeschlossen und studiert nun einen Master in Taiwan. Sprachen, Fotografie, Film und Musik gehören zu ihren Leidenschaften.

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