Chinesische Zeichen mit Mnemotechniken lernen (Teil 1)

Kevin Li ist Mitgründer des Start-ups Zizzle, das sich zum Ziel gesetzt hat, das Erlernen der chinesischen Schriftzeichen durch Mnemotechniken spielerisch und gleichzeitig effizient zu gestalten. In dieser zweiteiligen Serie stellt Kevin anhand des Schriftzeichens 呆 (dāi) das Konzept hinter der Start-up-Idee vor.

Die Herausforderung chinesischer Schriftzeichen

Kaum eine andere Sprache erweckt wie Chinesisch schon beim bloßen Anblick den Eindruck, schwer erlernbar zu sein: Eng aneinander gereihte Schriftzeichen, denen man auch mit größter Anstrengung keinen Sinn zu entnehmen mag. Dabei enthält jedes Zeichen eine ganze Reihe von Informationen. Neben der Form des Zeichens sind es die Bedeutung, die Aussprache und schließlich noch der Ton des Zeichens. Nach dem ersten Einprägen dieser Elemente kämpfen viele Lernende aber damit, dass sie wieder relativ schnell wieder vergessen werden.

Wer sich schon etwas mit den Zeichen beschäftigt hat, weiß, dass die Situation tatsächlich nicht ganz so dramatisch ist. Schließlich bestehen diese Zeichen aus einfacheren Radikalen, die häufig auch noch Hinweise auf die Bedeutung oder die Aussprache des Zeichens geben. Auch dies ist oft jedoch nur eine unzureichende Hilfestellung: Denn zum einen funktioniert diese Methode nicht für alle Zeichen und zum anderen lassen sich dabei Unsicherheiten nicht vermeiden (das Zeichen wird mit –ang ausgesprochen, aber heißt es nun genau zhang oder gang etc.).

Inspiration für die Zizzle-Methode

Mit einer ähnlichen Schwierigkeit sind auch Gedächtniskünstler täglich konfrontiert: Auch sie müssen sich große Mengen scheinbar unzusammenhängender Informationen merken. Dafür haben sie aber schon seit langem eine Lösung gefunden: Die Memotechnik. Einfach erklärt erfinden die Gedächtniskünstler Eselsbrücken, indem sie Assoziationen mit einer Geschichte oder einem Bild formen. Auf diese Weise können sie die losen Informationen zusammenfügen und sich merken.

Zizzle mockup small

Eselsbrücken in der Zizzle App

Im Rahmen des Sprachenlernens wird schon seit langem die Memotechnik angewandt: Möchte ich mir zum Beispiel merken, dass das thailändische Wort khao Reis bedeutet, kann ich mir ein deutsches Wort ausdenken, dass in der Aussprache so ähnlich klingt wie khao, zum Beispiel die erste Silbe des Wortes „kaufen“. Um das Wort khao zu lernen, kann ich mir also vorstellen, wie ich gerade auf einem Markt Reis kaufe.

Auch beim Erlernen chinesischer Schriftzeichen wird diese Methode von vielen Sprachlernern bereits unbewusst angewandt. So fällt beispielsweise das Erlernen des Zeichens 火 für „Feuer“ den meisten Lernenden relativ leicht, da man das Zeichen schnell mit der Form einer Flamme assoziieren kann. Noch wichtiger ist allerdings, dass ein auf diese Art und Weise gelerntes Zeichen nur sehr schwer wieder vergessen wird.

Von Heisig über Hoenig bis Zizzle

Einen ersten systematischen Ansatz zum Erlernen von Schriftzeichen mithilfe von Assoziationen entwickelte Professor James W. Heisig. Heisig teilte die Schriftzeichen in Basiskomponenten und zusammengesetzte Zeichen auf. Für Basiskomponenten beschreibt Heisig ein „geistiges Bild“, das die Form des Zeichens darstellen soll. Zusammengesetzte Zeichen werden mithilfe einer kurzen Geschichte, die die Komponenten des Zeichens mit der Bedeutung verbindet, gelernt. Heisig wurde zum Vorbild verschiedener ähnlicher Methoden, so zum Beispiel auch für Dr. Alan Hoenig in seinem Buch Chinese Characters. Einen Schritt weiter ging noch das Matthews-Ehepaar in Learning Chinese Characters, welches in kurzen Memo-Geschichten nicht nur die Komponenten mit dem zu lernenden Zeichen verbindet, sondern auch die Aussprache und den Ton integriert. Damit überwanden die Matthews die große Schwäche der vorherigen Methoden, nämlich dass mit Heisig und Hoenig nicht gleichzeitig die Aussprache der Zeichen gelernt werden konnten. Aber auch wer sich noch nicht eingehend mit Memotechniken auseinandergesetzt hat, kennt wahrscheinlich zumindest ein Werk, das auf diesen Methoden basiert: Das populäre Chineasy verwendet nämlich letztlich ebenfalls die Idee, die auch Heisig schon hatte.

Wenn es also schon all diese Variationen gibt, warum dann noch eine mit Zizzle? Gute Frage. In unserer Erfahrung zeigte sich, dass noch keine der Methoden für sich „vollständig“ war. Zum Beispiel bauen sie zwar alle auf visuellen Assoziationen auf, in den Büchern selbst werden allerdings keine oder nur wenige Bilder verwendet, sodass der Leser sich seine eigenen vorstellen muss. Ein weiteres Problem ist die begrenzte Zeichenzahl: Bis auf das Original von Heisig enthalten die weiteren Methoden alle nur einen mehr oder weniger großen Ausschnitt der Schriftzeichen, die man bis HSK 6 braucht. Schließlich sind die Methoden auch wenig flexibel, da die Zeichen zumindest teilweise in festen Reihenfolgen gelernt werden müssen, was nicht der Lernweise mit einem Lehrbuch entspricht.

Mit der Zizzle-App versuchen wir nun, zum ersten Mal eine umfassende und flexible Erweiterung der von Heisig begründeten Tradition zu schaffen. Am besten lässt sich die Methode anhand eines Beispiels, in unserem Fall das Zeichen 呆 darstellen. Vorab sei gesagt, dass die Memo-Geschichte, die dabei verwendet wird, auf Englisch sein wird, damit wir mit unserer App möglichst viele Lernende erreichen können.

Beispielszeichen 呆 (dāi)

Das Zeichen 呆 (dāi) bedeutet im deutschen in etwa „trottelig“ oder „albern“, auf Englisch „silly“. Wenn man sich das Zeichen genauer anschaut, erkennt man unschwer, dass es aus den beiden Komponenten 口 (kǒu) wie Mund (engl. mouth) und 木 () wie Baum (engl. tree). Es macht daher Sinn, sich zunächst die beiden Komponenten mit Hilfe der Zizzle-Methode zu merken.

Erste Komponente 口 (kǒu)

Für das Erlernen einfacher Schriftzeichen (Basiskomponenten) bietet es sich an, das Zeichen mit Hilfe eines Bildes zu veranschaulichen. Das Zeichen 口 (kǒu) ist eines der chinesischen Zeichen, bei dem man noch ohne weiteres den graphischen Ursprung erkennen kann. Mit einiger Fantasie kann man relativ einfach im Schriftzeichen die Abbildung eines geöffneten Mundes erkennen.

                       

Mithilfe dieser graphischen Darstellung kann man sich also bereits die Form mit der Bedeutung des Zeichens verknüpfen. Super! In einem nächsten Schritt wollen wir uns auch die Aussprache des Zeichens einprägen. Dies geschieht dadurch, dass wir uns ein englisches Wort überlegen, dass in der Aussprache so ähnlich klingt wie „kou“. Wir haben uns für das Wort „cold“ entschieden. Immer wenn wir nun an das Schriftzeichen 口 denken, kommt uns auch automatisch das Wort “cold” in den Sinn und wir wissen, wie das Schriftzeichen ausgesprochen wird. Diese Elemente können wir nun in einer kurzen Memo-Geschichte verknüpfen:

„With his MOUTH open, the dragon was standing out in the cold.“

Dem aufmerksamen Leser ist wahrscheinlich schon aufgefallen, dass in der obigen Geschichte auch noch ein Drache vorkommt. Das war selbstverständlich kein Zufall. Vielmehr ist der Drache einer von fünf Charakteren, die in der Zizzle-Methode die fünf verschiedenen Töne des Chinesischen symbolisieren. Jeder Charakter repräsentiert einen Ton und sobald ein bestimmter Charakter in einer Geschichte auftaucht, weiß der Lernende, welchen Ton das Zeichen hat. 口 (kǒu) besitzt den dritten Ton, der bei Zizzle mit dem Drachen dargestellt wird. Denn der Drache fliegt auf und ab, so wie auch der wellenförmige dritte Ton.

Und so spielend einfach kann man ein chinesisches Zeichen lernen und vor allem, langfristig behalten! Im zweiten Teil des Artikels werden wir uns der zweiten Komponente des Schriftzeichens zuwenden und das zusammengefügte Schriftzeichen betrachten.

 Alle Rechte an Bildern in diesem Artikel liegen bei Zizzle.

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Über den Autor

Kevin Li

Kevin ist in Berlin geboren und zweisprachig aufgewachsen. Er hat immer wieder während seiner Kindheit, der Schulzeit und dem Studium in China gelebt, zuletzt als Student an der Renmin University in Beijing. Mit dem Startup Zizzle versucht er die Art und Weise, wie chinesische Zeichen gelernt werden, neu zu definieren. Er hofft mit der App das Lernen der chinesischen Sprache zu erleichtern und so auch einen kleinen Beitrag zum Kulturaustausch zu leisten.

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