Zurück auf Los: 北京欢迎你!

Nach ersten Berufsjahren zum ersten Mal in China leben

Zeichen büffeln statt Akten wälzen und Geschäftstermin. Jost hat mit 33 Jahren noch einmal das Arbeitsleben verlassen und verbringt als Stipendiat des DAAD-Programms „Sprache und Praxis in China“ 16 Monate in China. Für sinonerds berichtet er darüber, wie es ist, einen Neuanfang in Beijing zu machen.

An diesem Sonntag war ich für einige Beijinger, die sich über die letzten Jahre an den Anblick von Ausländern gewöhnt haben, doch mal Teil einer Attraktion. Gemeinsam mit meiner Chinesisch-Klasse machte ich einen Ausflug in den Ditan-Park (地坛公园) und den Blicken nach zu urteilen machte die Kombination aus jungen Malaysiern, Nepalesen, Thai, Japaner, sowie jeweils einer Albanierin und Mexikanerin und mir, dem recht hoch aufgeschossenen Deutschen, dann doch was her.

Manchmal muss ich mich kneifen, um festzustellen, dass ich jetzt tatsächlich in Beijing lebe und wieder Student und manchmal gar eine Attraktion bin. Bis zum Sommer habe ich in Berlin als Anwalt gearbeitet: Ein weitgehend sorgenfreier Alltag mit geregelten Arbeitszeiten, gelegentlichen Dienstreisen und den Vorzügen des Lebens in Berlin. Wären die nächsten Schritte Baum pflanzen, Haus bauen und Kind bekommen gewesen, hätte ich damit wohl niemanden überrascht. Aber ich hatte noch Lust auf Abwechslung und Abenteuer.

Ein gut betreuter Tapetenwechsel

Nach den ersten Wochen in Beijing schreibe ich ganz bewusst Abwechslung und Abenteuer. Denn ich befinde mich nach den ersten Wochen in einem merkwürdigen Zwischenstatus zwischen beidem, den ich vor meiner Abreise gar nicht erwartet hätte. Ich habe damals damit gerechnet, unmittelbar von diesem Land überwältigt und überfordert zu sein. Es stimmt auch: China ist anders als Deutschland, ich begegne ständig Menschen und Dingen, die mich überraschen und ich muss vor allem ständig selbst über meinen Schatten springen.

Und doch wirkt das Leben in Beijing für mich im Moment nicht so „abenteuerlich“, wie es vielleicht noch vor einigen Jahren war. Die wirtschaftliche Entwicklung des Landes und die Globalisierung haben unverkennbare Spuren hinterlassen, so dass ich mich sogar bei Bedarf mit deutschem Brot gefühlt nach Deutschland versetzen kann. In der U-Bahn werden die Stationen auch auf Englisch angesagt, so dass ich überall meinen Weg finde. Ich bekomme schon mit wenigen Worten Chinesisch alles, was ich für meinen täglichen Bedarf benötige. Ich könnte es mir in dieser Komfortzone bequem machen und wahrscheinlich jahrelang auf diese Weise hier leben. Ob das Leben in China für einen Westeuropäer abseits der Stadtgrenzen von Beijing oder auch Shanghai auch so komfortabel wäre, steht natürlich auf einem anderen Blatt.

Ein bisschen Business muss sein. Die DAAD-Stipendiaten beim Fototermin.

Einmal pro Woche aus der Uni zurück in die Business-Welt: die DAAD-Stipendiaten beim Fototermin.

Die Abstufung zwischen Abwechslung und Abenteuer hat auch entscheidend mit dem Programm zu tun, mit dem ich hier in China bin. Um es mit dem Monopoly-Spruch zu sagen bin ich nicht einfach “zurück auf Los”, sondern habe vorher bei der Bank noch ein bisschen Geld eingezogen. Das DAAD-Programm „Sprache und Praxis in China“ bietet für seine Stipendiaten insgesamt zehn Monate Sprachausbildung an der Beijing Foreign Studies University (北京外国语大学) sowie eine sechsmonatige Praxis-Phase, die die Teilnehmer in Unternehmen ihrer Wahl in China absolvieren. Daneben führen etwa 50 Besuche bei deutschen und chinesischen Unternehmen und Institutionen sowie verschiedene landeskundliche Veranstaltungen in die deutsch-chinesischen (Wirtschafts-)Beziehungen ein. Die Teilnehmer werden von den Mitarbeitern der DAAD-Außenstelle in Beijing betreut und kommen ohne Umwege mit dem Ehemaligen-Netzwerk vor Ort in Kontakt.

Die Abenteuer kommen noch

Zugleich merke ich, dass es hier noch ganz viele Abenteuer zu erleben gibt. Wie in einem Adventskalender versteckt hinter kleinen Türchen, die ich nach und nach öffnen kann, wenn ich mir mit den Chinesisch-Vokabeln die erforderlichen Schlüssel erarbeitet habe. Dann kann ich mich ein wenig in Menschen einfühlen, die in den letzten Jahrzehnten einen unfassbaren Wandel erlebt haben. Bei einem unserer ersten Unternehmensbesuche schilderte der Geschäftsführer, dass die Mitarbeiter, die nun Solaranlagen fertigen zuvor „keine Ausbildung und meistens ihr eigenes Feld bestellt“ haben. Wie ist es für diese Menschen, in einem Land zu leben, das den Plan „Made in China 2025“ ausgerufen hat? Und wie gehen damit die Studenten an meiner Uni um, die den größten Teil ihres Lebens damit zugebracht haben, Wissen in sich aufzusaugen, um es überhaupt an diese Uni zu schaffen und die die Zukunft des Landes prägen sollen? Und wie gehe ich mit diesen Menschen um, wenn ich in meiner Praxisphase hier arbeiten werde? So viel Abenteuer ist versteckt in den Köpfen der Menschen hier.

Das neue täglich Brot: Schriftzeichen statt Verträge.

Das neue täglich Brot: Schriftzeichen statt Verträge.

Raus aus dem Job, rein in die Uni. Eine gute Entscheidung?

Für mich ein eindeutiges ja. Die Vorzüge liegen auf der Hand: das komfortable DAAD-Paket hat mir die Entscheidung, mein Leben in Berlin in ein paar Kartons zu packen und einen Neustart in China zu wagen, deutlich vereinfacht. So lebe ich nun zum ersten Mal in China, versuche mich mit meinen zum größten Teil fast fünfzehn Jahre jüngeren Mitschülern an chinesischen Schriftzeichen und den für mich quälend langsam zu erlernenden Tönen, bin beglückt, wenn ich in der U-Bahn ein paar Zeichen erkenne oder es mir gelingt, alleine Essen zu bestellen und ich dann tatsächlich die Nudeln bekomme, die ich mir gewünscht habe. Ich staune, dass ich an Street-Food-Ständen mit dem Handy bezahlen kann und suche meine innere Mitte, wenn ich mit vielen (wirklich sehr, sehr vielen) Menschen die U-Bahn teile, die ja schon im – für einen Berliner völlig unvorstellbaren – 2-Minuten-Takt fährt. Oder wenn ich morgens nach dem Duschen den Boden wische, weil das Wasser auf dem unebenen Boden leider nicht zum Abfluss fließt.

Ich bin gespannt auf das, was die nächsten Monate kommt, auf die Freuden und Frustrationen, die mir das Leben in China schon jetzt verheißt und zweifellos zuhauf bieten wird. In dieser Kolumne will ich einmal im Monat  berichten: Über das Einleben im fremden Land, meine ganz persönlichen Herausforderungen im chinesischen Alltag anzukommen und über die Erfahrungen, die ich im Austausch mit Chinesen und anderen hier lebenden Ausländern mache. Zunächst mit den Augen eines China-Anfängers und hoffentlich mit einem halbwegs verständigen Blick (wenn das bei diesem riesigen Land überhaupt möglich ist), wenn sich mein Aufenthalt dem Ende neigt.

Allen, die Lust haben, meinen Artikeln zu folgen, wünsche ich viel Spaß beim Lesen, Sich-Erinnern an die eigenen China-Anfänge oder dem Kennenlernen neuer Erfahrungen und Ansichten!

Willst du wissen, wie es weitergeht? Dann solltest du Josts zweiten Bericht aus Beijing lesen.

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Über den Autor

Jost Blöchl

Jost ist fasziniert von anderen Kulturen. Ursprünglich aus dem deutschen Norden kommend, zieht es ihn immer wieder in den Osten. Nachdem er in Polen und Litauen gelebt hat, hat nun China sein Interesse geweckt. Eine Erkenntnis dort: chinesische Plattenbauten sorgen für Heimatgefühle beim Osteuropa-Reisenden.

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