Taiwan calling: auf einen Tee mit Deike Lautenschläger

Jasmin spricht mit der Autorin des "Fettnäpfchenführer Taiwan" über ein Leben auf der Insel (fast) ohne Sorgen.

Eigentlich war Deike zum Chinesischlernen nach Taiwan gekommen. Dann verliebte sie sich in das Land und ist inzwischen seit 12 Jahren dort zu Hause. Sie lebt jetzt als freie Autorin und Deutschlehrerin in Taipei, wo sie bei schweren Entscheidungen die Götter im Tempel nebenan um Rat fragt und sich in jeder freien Minute vom Meer den Sand zwischen die Zehen spülen lässt. 

sinonerds: Liebe Deike, letztes Jahr kam dein Fettnäpfchenführer* Taiwan in den Buchhandel. Was hat dich dazu bewegt dieses Buch zu schreiben? Und welche Leser wolltest du mit dem Buch ansprechen?

Deike: Der marokkanische Gelehrte Ibn Battuta, den man auch den „orientalischen Marco Polo“ nennt, hat geschrieben: »Reisen – es lässt dich sprachlos, dann verwandelt es dich in einen Geschichtenerzähler.« So geht es mir wohl auch. Ich habe mir schon immer gern Geschichten ausgedacht. Das Reisen hat mir immer mehr Stoff dazu geliefert und je länger ich in Taiwan bin, umso mehr habe ich die Hintergründe und Zusammenhänge verstanden und bin in den Alltag eingetaucht. So hat sich dieser Stoff vertieft. Ich habe das alles irgendwie in mir gesammelt und besonders auf Bus- oder Metrofahrten beim Blick aus dem Fenster zu Geschichten verdichtet.Deike_Lautenschläger_Interview

Dazu kam, dass ich durch den Deutschunterricht, den ich in Taiwan gebe, immer mehr über die Schönheit der deutschen Sprache nachgedacht habe. Die deutsche Sprache ist im Ausland eine Art Heimat für mich geworden, in die ich von überall mit nur einem Stift und etwas Papier zurückkehren kann.

Hier in Taiwan konnte mich erstmals auszuprobieren und atmosphärische Texte schreiben, in die ich meine Eindrücke und Erfahrungen packen und vermitteln konnte. Ich habe angefangen, Kurzgeschichten für Literaturwettbewerbe und Literaturzeitschriften zu schreiben und bekam positive Rückmeldungen, wurde veröffentlicht. Das ist natürlich ein unheimlich schönes Gefühl, wenn das Geschriebene von anderen gelesen wird und ihnen dann auch noch Freude bereitet.

Was ist denn das Neue an deinem Fettnäpfchenführer? Ähnliche Bücher gibt es ja schon seit längerem.

Der Auslöser für dieses Buch war tatsächlich, dass ich Buchreihen entdeckt habe, in denen Menschen, die für eine längere Zeit im Ausland leben, über ihre Erlebnisse schreiben. In diesen Reihen fehlte immer Taiwan, was mir völlig unverständlich war. Denn ich finde , dass gerade Taiwan einzigartig ist – ein modernes Land, in dem uralte Traditionen, Religion und Aberglauben im modernen Leben seinen Platz haben. Ich wollte die Welt da draußen auf Taiwan neugierig machen und war mir auch sicher, dass Taiwaner auch selbst gern über ihre Kultur lesen, bei meinem Buch natürlich besonders die, die in den deutschsprachigen Ländern waren und nun vergleichen können.

* Deikes „Fettnäpfchenführer Taiwan – Wo Götter kuppeln und Ärzte gebrochene Herzen heilen“, der 2016 beim Conbook Verlag erschien, ist besonders für all diejenigen interessant, die für eine Reise nach Taiwan kulturellen Missverständnissen vorbeugen möchten. In ihrem Buch verpackt sie auf unterhaltsame Weise alltägliche Fallen und No-Gos und stattet den Leser gleichzeitig am Ende jedes Kapitels mit Wissenshäppchen über die Kultur und Geschichte der Insel aus. Obwohl ich nun selbst schon seit fast einem Jahr auf Taiwan lebe, habe ich einiges aus dem Buch gelernt: zum Beispiel, was es mit den roten halbmondförmigen Steinen in den Tempeln auf sich hat und was diese mit den Opfergaben für die Götter zu tun haben.

In dem Buch geht es um Sophie, die zum ersten Mal nach Taiwan kommt und eine Trennung in Deutschland hinter sich lässt, eine neue Kultur erleben möchte, anfängt Chinesisch zu lernen und Deutsch zu unterrichten. Wie viel Autobiographie steckt in dem Buch?

Deike Lautenschläger: Fettnäpfenführer Taiwan, 2016 © Deike Lautenschläger

Deike Lautenschläger: Fettnäpfchenführer Taiwan, 2016 © Deike Lautenschläger

Einen autobiografischen Charakter hat es auf jeden Fall. Bei mir kam noch die berufliche Unzufriedenheit dazu. Ich war damals selbstständige Fernsehjournalistin und das Leben war mit Steuererklärungen, Versicherungen, Konkurrenzkampf etc. ungemein kompliziert geworden. Ich musste raus und das Leben in Taiwan entpuppte sich dann als unkompliziert und spannend zugleich. Auch die Personen neben Sophie im Buch – Queenie, Mei-yin und Yi-fan – gibt es tatsächlich, auch wenn natürlich einige Personen in ihnen verschmolzen sind. Auch einige Fettnäpfchen sind mir selbst passiert oder fast passiert.

Bist du auch selbst in die Fettnäpfchen gestolpert, in die Sophie hineintritt? Hast du ein besonderes, von dem du erzählen möchtest?

Die meisten der Fettnäpfchen habe ich tatsächlich selbst erlebt, auch wenn ich sie vielleicht nur gestreift habe oder nicht ganz tief hineingetreten bin. Manchmal bin ich davor gewarnt worden, manchmal habe ich sie selbst erkannt: Beobachten, was die Einheimischen machen, es ihnen gleichtun und an passender Stelle nachfragen, warum sie das so machen, ist eine gute Strategie, Fettnäpfchen zu umgehen und später zu verstehen.

Was ich am Anfang sehr schwer zu verstehen oder zu interpretieren fand, war das Lächeln, manchmal gar Kichern der Taiwaner, wenn es ein Missverständnis gab oder etwas Peinliches passiert ist. Während Deutsche da eher die Stirn runzeln oder ihren Missmut laut kund tun, will man hier in Taiwan das Gesicht bewahren. Oft habe ich z.B. am Anfang meine Deutschschüler gefragt: „Alles klar?“ und sie lächelten, was ich dann als ja interpretiert habe und später ganz erstaunt war, als niemand die Grammatik oder den Inhalt verstanden zu haben schien.

Dieses etwas scheue, betretene Lächeln ist oft auch ein guter Indikator, dass man gerade ein Fettnäpfchen getroffen hat – in den seltensten Fällen würden die Taiwaner offen sagen: „Eh, das hast du gerade falsch gemacht.“

Was für Tipps hast du für diejenigen, die neu in Taiwan sind? Wie taucht man am besten ein in die taiwanesische Kultur und lernt lokale Freunde kennen?

In den Chinesischkursen trifft man die ganze Welt, aber man hat schwer Kontakt zu Einheimischen. Etwas fachliches zu studieren war für mich sehr hilfreich, selbst wenn es ein englischsprachiges Programm ist. In Kursen und Uni-Veranstaltungen, Clubs und Aktivitäten trifft man schnell junge Taiwaner und schließt Freundschaften – übrigens egal, wie gut oder schlecht man Chinesisch spricht. Chinesisch ist sicher wichtig, um engere Freundschaften zu haben und mehr über die Kultur zu verstehen, aber besonders junge Taiwaner sprechen oft sehr gut Englisch und freuen sich auch, auf Englisch zu kommunizieren.

Gerade auch an der Universität haben die Taiwaner noch Zeit und wenige Verpflichtungen. Sobald sie ins Berufsleben einsteigen und selbst Familien gründen, ist es schwer Freundschaften zu knüpfen und gar aufrecht zu erhalten, einfach weil im Alltag die Zeit fehlt. Da zeigt sich dann auch, wie sehr familienbewusst, familienverbunden die Taiwaner sind.

Du lebst jetzt seit mehr als 12 Jahren in Taiwan. Was hat sich auf der Insel in der Zeit alles so getan, verändert und was hält dich hier?

Tropischer Balkon in Taipei

Auf Deikes Taipeier Balkon

Taiwan ist viel bequemer und sauberer geworden, als es ohnehin schon war: Die Metro ist weiter ausgebaut, es gibt U-Bikes, die man sich an jeder Ecke leihen kann, in den Geschäften findet man noch mehr internationale Produkte, es gibt gar immer mehr Bioläden und vegane Restaurants. Auch die kleinen, liebevoll gestalteten Cafés findet man jetzt überall und kann nur schwer daran vorbeigehen. Vieles ist nun auch in Englisch beschriftet. Man sieht auch wesentlich mehr Ausländer in den Straßen.

Auf der anderen Seite ist vieles beim Alten geblieben. Die kleinen Gassen, die von den Hauptstraßen abgehen, haben sich kaum verändert: hier fahren noch kleine Karren durch und bieten mit lautem Rufen an, den Abfall mitzunehmen, die Messer zu schleifen oder Glas zu reparieren, auf den Balkonen wachsen Büsche, ja sogar Palmen und andere Bäume, vor den Häusern stehen Kübel und Töpfe mit Pflanzen, an Mauern hängen Orchideen und der Efeu klettert. Alte Leute treffen sich im Park und machen Taichi und aus dem Tempel nebenan säuselt ein Singsang herüber und Räucherstäbchenduft liegt in der Luft.

Was findest du auch noch jetzt gewöhnungsbedürftig?

Den Verkehr, auch wenn es da in Taiwan im Vergleich zu anderen Ländern in Asien sehr geregelt zugehen mag. Aber es scheint mir oft, dass die sonst so auf Höflichkeit bedachten Taiwaner diese Einstellung beim Steuern von Fahrzeugen sehr schnell vergessen.

Was vermisst du am meisten, wenn du zurück in Deutschland bist?

Das erste ist das Wetter – ich mag heißes Wetter, Strand und Meer. Das zweite ist das bequeme Leben: dass man innerhalb von kurzer Zeit raus aus der Innenstadt von Taipei mitten in der Natur stehen kann. Danach kommen die öffentlichen Verkehrsmittel, die einen unabhängig und flexibel sein lassen, die Annehmlichkeiten von 7/11, Nachtmärkten, 24h-Buchläden, der Trubel in den Tempeln, Parks, Garküchen, und so weiter.

Und was vermisst du am meisten an Deutschland, wenn du in Taiwan bist?

Wenn ich wirklich mal krank sein sollte oder einen Gesundheitscheck brauche, dann vermisse ich die Privatsphäre in den Krankenhäusern und beim Arzt. Hier wird den Leuten auf dem Gang an einem Tresen Blut abgenommen und während der Behandlung im Arztzimmer sitzt oft der nächste Patient hinter einem. Oder andere Patienten klopfen an die Tür, um sich anzumelden, irgendwelche Papiere abzugeben oder um etwas zu fragen. Man ist eben einer unter vielen in einem dicht bevölkerten Land und einer riesigen Stadt. Aber sonst vermisse ich, glaube ich, nichts.

Inwiefern hat dich die Zeit in Taiwan geprägt?

Ich finde – und so sehen das auch viele meiner ausländischen Freunde und Bekannten hier – dass es schwer bis unmöglich ist, sich als Ausländer wirklich zu integrieren, egal wie gut man Chinesisch oder Taiwanisch spricht oder sich anpasst. Man lebt zu einem gewissen Grad immer in einer Parallelwelt. Man hat mit Taiwanern natürlich jeden Tag Kontakt und pflegt auch gute Freundschaften, aber weiter geht es nicht. Das liegt an einigen Gesetzen, an der Kultur selbst und natürlich daran, dass man auffällt, weil man einfach anders aussieht. Daran muss man sich gewöhnen und auch die Vorteile sehen.

Ich schätze das unkomplizierte, fast sorgenfreie Leben hier. Oft kommt man mit dem „cha bu duo“ durch, das ich auch im Buch beschreibe, weil es einfach keine Regel gibt oder niemand sie kennt oder niemand sich daran hält. Das Leben der Taiwaner ist allerdings sehr von Regeln in der Familie bestimmt und im extrem stressigen Arbeitsalltag bleibt wenig Zeit für Hobbys oder Entspannung. Ich führe da schon ein ganz anderes Leben: ich arbeite zwar auch viel, aber ich habe auch eine Menge Freizeit und außer meiner Arbeit keine Verpflichtungen.

Was mich geprägt hat, ist, dass sich hier jeder in der sowieso schon knappen Freizeit auch noch weiterbildet, sei es mit Büchern in Bibliotheken oder Buchläden, Sprachkursen oder Bildungsreisen. Ich besuche nun auch Kunstkurse, habe einen zweiten Master gemacht und arbeite an einem Phd und habe eine Ausbildung zur Yogalehrerin absolviert.

Gibt es Ecken in Taiwan, die du noch nicht erkundet hast und die noch auf deiner Liste stehen?

Ja, die Insel Penghu. Und ich würde sehr gern mal eine Inselrundreise mit dem Fahrrad machen!

Arbeitest du momentan an einem neuen Buchprojekt? Wenn ja, um was geht es?

Ich arbeite sogar an zwei Manuskripten, die ich gern Ende des Jahres Verlagen anbieten möchte, aber was genau ist leider noch geheim. Natürlich geht es wieder um Taiwan, aber diesmal um zwei etwas andere Aspekte.

Jasmin und der Rest von sinonerds bedanken sich herzlich für das Interview und wünschen weiterhin alles Gute in Taiwan!

Titelbild credit: „Thai Tea“ by macabrephotographer shared under a Creative Commons (BY-SA) license. Alle anderen Bilder soweit nicht anders angegeben © Jasmin Oertel für sinonerds. 

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Über den Autor

Jasmin Oertel

Jasmin war das erste Mal mit elf Jahren in China und hat in Peking und Hongkong gelebt. Sie hat ihren Bachelor in Chinastudien abgeschlossen und studiert nun einen Master in Taiwan. Sprachen, Fotografie, Film und Musik gehören zu ihren Leidenschaften.

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