Zurück auf Los: Chinesisch lernen mit 33

Warum sich der lange Kampf mit Tönen und Zeichen lohnt

Jost hat mit 33 Jahren nochmal seine Koffer gepackt und verbringt als Stipendiat des DAAD-Programms „Sprache und Praxis“ 16 Monate in China. Nachdem er in den letzten Ausgaben seiner Kolumne „Zurück auf Los“ für sinonerds über die Herausforderungen beim Einleben in China berichtet hat, wird es nun handfester: aus dem Büro noch einmal zurück auf die Schulbank und Chinesisch lernen. Kann das gut gehen?

In der letzten Kolumne hatte ich schon über eine der Herausforderungen in meinem Chinesisch-Unterricht berichtet. Ich möchte dem Thema Chinesisch lernen hier aber noch einmal etwas mehr Raum geben. Es ist zum einen die zentrale Aufgabe der ich hier im Moment nachgehe. Zum anderen habe ich schon häufig zu hören bekommen, dass es etwas ungewöhnlich ist, mit 33 Jahren mit Chinesisch als Fremdsprache zu beginnen.

Kurz zusammengefasst: es ist schwierig. Zumindest, wenn man es in Deutschland neben der Arbeit versucht. Ich konnte mich neben dem Beruf kaum motivieren, Vokabeln, Aussprache und Töne so intensiv zu üben, dass ich ein substantielles Ergebnis erzielen würde. Der einzige Lernerfolg meiner zwischenzeitlich allwöchentlichen Sonntags-Einheiten war „我要蛋糕“ (wǒ yào dàn gāo – „Ich will Kuchen“), das ich dann immerhin noch zu „我要巧克力蛋糕“ (wǒ yào qiǎo kè lì dàn gāo – „Ich will Schokoladen-Kuchen“) ausgebaut habe. Ansonsten hatte ich die meisten Vokabeln, wenn ich sie mir überhaupt für die Dauer einer Lernsitzung merken konnte, spätestens eine Woche später wieder vergessen.

Schon anders sieht es aus, wenn man die Möglichkeit hat, sich in China Vollzeit mit der Sprache zu beschäftigen oder zumindest täglich an der Sprache arbeiten kann. Mit Blick auf objektive Kennzahlen fällt mein Fazit zum Chinesisch lernen im ersten Semester positiv aus. Ich war nach gut drei Monaten in der Lage, meinen Alltag weitestgehend selbst zu bewältigen, das heißt, einkaufen zu gehen, dem Friseur zu vermitteln, wie er meine Haare schneiden soll, Zugfahrkarten zu kaufen oder Essen zu bestellen. Zugegeben, ich esse bis heute sehr oft „这个“ (zhè ge – „das da“). Nach fünf Monaten liegt mein Wortschatz bei geschätzt 900 Wörtern, die ich lesen und sprechen kann und von denen ich circa zwei Drittel schreiben können sollte, wenn nicht der Kampf gegen das Vergessen so schwer wäre. Zum Ende meines Kurses im Sommer soll sich mein Wortschatz bei rund 2000 Wörtern bewegen, was zumindest eine noch deutlich bessere Verständigung im Alltag sowie im täglichem Austausch mit Freunden, Kommilitonen und Kollegen ermöglichen dürfte.

Jost schreibt Zeichen

Wer nicht lernt, vergisst: auch im Urlaub werden Zeichen gelernt

Chinesisch lernen mit 33 – geht das überhaupt noch?

Die mit Abstand größte Herausforderung beim Lernen bin ich selbst. Damit bin ich eigentlich mittendrin im Oberthema meiner Kolumne, nämlich wie es ist, sich mit 33 Jahren eine Auszeit vom Beruf zu nehmen und sich noch einmal einer solchen interkulturellen Erfahrung auszusetzen. Ich merke, dass meine Denk- und Lernstrukturen derart festgefahren sind, dass es mir zwischenzeitlich sehr schwer fällt, mich auf den Unterricht einzulassen. Wie aus der Business-Welt gewohnt, messe ich meinen Unterricht an Effizienz-Gedanken. Das verträgt sich leider oft nicht mit dem Unterrichtsplan meiner Lehrer für den ganzen Kurs. Und endet bei mir in Frust, wenn ich darauf warten muss bis alle meine 13 Mitschüler den einen auswendig gelernten Satz wiederholen müssen. Genauso geht es mir mit einigen Späßen meiner bis zu 15 Jahre jüngeren Mitschüler. Wo ich mich früher mit darüber gefreut hätte, dass wir eine Übung nicht mehr schaffen, bin ich nun unzufrieden, wenn wir unser Pensum nicht erreichen.

Bei all dieser Effizienz-Getriebenheit stelle ich auch fest, dass meine Geduld und Ausdauer beim Lernen deutlich nachgelassen hat. Einen Großteil meiner Arbeit als Rechtsanwalt bestand in der passgenauen Anwendung von Sprache. Im Moment spreche ich Chinesisch in den einfachsten Strukturen, Subjekt-Prädikat-Objekt-Sätze sind mir die liebsten. Das reicht einerseits zu Basis-Verständigung und Freude bereitender Unterhaltung, andererseits frustriert es mich hin und wieder, einen solch langen Weg gehen zu müssen, um ein annehmbares Niveau zu erreichen. Besonders quälend erscheint mir dies beim Zeichenlernen, weil es anfangs so lange dauert auch nur eine einzige Vokabel vollständig mit Zeichen, Bedeutung und Tönen zu lernen.

Eine weitere Hürde ist die oft fehlende Praxis im Alltag. Meine Universität – ich scheine allerdings nicht alleine mit dem Problem – unterstützt den Austausch zwischen ausländischen und chinesischen Studenten nicht besonders. Die ausländischen Studierenden sind in ihren Kursen in einem eigenen Unterrichtsgebäude untergebracht. Dasselbe gilt für die meisten universitären Aktivitäten. Die ausländischen Studenten, die auf dem Campus leben, wohnen in eigenen Ausländerwohnheimen. Für mich persönlich kommt hinzu, dass ich über zehn Jahre älter bin als die meisten chinesischen Studenten an der Uni. Ich bin außerdem älter als zwei meiner drei Lehrer aus dem ersten Semester. Geeignete Gesprächspartner und Themen zu finden, um sich auf Chinesisch zu unterhalten, fällt so bisweilen schwer.

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Die Frage der Alltagspraxis stellt sich für mich auch nach dem Ende meiner Sprachausbildung an der Uni. Wir Stipendiaten des DAAD-Programms “Sprache und Praxis” haben mittlerweile an die 30 Unternehmen in Beijing und Shanghai besucht. Die wenigsten der deutschen Mitarbeiter in diesen Unternehmen, die wir kennengelernt haben, nutzen ihre Chinesisch-Kenntnisse tatsächlich im beruflichen Alltag. Viele berichten, dass sie allenfalls in Pausen mit Kollegen Chinesisch sprechen und ihre Kenntnisse während der Berufstätigkeit mangels Zeit zum Wiederholen und Üben eher weniger geworden sind.

Warum die ganze Mühe?

Aus dem Blickwinkel einer oberflächlichen Kosten-Nutzen-Analyse könnte ich mir wahrscheinlich die weitere Mühe sparen. Mein Chinesisch reicht, um meinen Alltag zu bewältigen und dieses Minimum an Kenntnis werde ich wohl auch nicht mehr vergessen. Wenn ich länger in China arbeiten sollte, würde ich voraussichtlich in einem Umfeld landen, in dem ich als Arbeitssprache Deutsch oder Englisch verwenden würde. Warum also das Ganze?

Grund 1: das Lernen funktioniert trotz der zuvor geschilderten Schwierigkeiten ganz gut. Mein Wunsch nach Effektivität lässt mich deutlich systematischer und effizienter lernen als das mit 16 Jahren der Fall war, als ich in meinem Austauschjahr Polnisch gelernt habe oder als ich mit Anfang, Mitte 20 an der Uni Sprachen gelernt habe. Die zur Verfügung stehenden Lernmittel sind vielfältiger und qualitativ hochwertiger geworden. Polnisch habe ich damals im Wesentlichen mit meinem großen gelben Langenscheidt-Wörterbuch gelernt, dass ich immer mit mir rumgetragen habe. Heute lerne ich mit einem Mix aus meinem Lehrbuch, Pleco als Wörterbuch und Anki. Daneben gibt es aber noch viele weitere Möglichkeiten.

Grund 2: der Einblick in chinesisches Leben. Ich bekomme erst langsam einen Einblick in die Verbindung von chinesischer Sprache und Kultur und kann darüber nur anfängerhaft berichten. Deswegen nur zwei Beispiele, die illustrieren sollen, warum man sich unbedingt auch mit der Sprache auseinander setzen sollte, wenn man nach China kommt.

Neulich habe ich einen Spaziergang durch die Nachbarschaft in meinem Wohnviertel in Zhongguancun gemacht. Die Gegend ist geprägt durch große Neubauten, die viele der Startups und Unternehmen des „chinesischen Silicon Valley“ beherbergen. Daneben gibt es aber auch noch Straßenzüge, die nicht Abrissbirnen und Neubauten weichen mussten. An den Wänden einiger dieser älteren vierstöckigen Wohnhäuser sieht man übermalt mit grauer Farbe das Zeichen „拆“ (chāi – „abreißen“). Ich hätte das gar nicht bemerkt, wenn meine Begleitung mich nicht darauf hingewiesen hätte, dass das heimliche Übermalen der Zeichen eine Form des Protests gegen Ersetzung alten Baubestands und die damit verbundenen sozialen Umwälzungen wäre.

das Zeichen 拆 an einer Häuserwand

Spaziergangs-Entdeckungen II: Häuser werden mit dem Zeichen 拆 gekennzeichnet”

Beim Lernen von Schriftzeichen bin ich immer wieder fasziniert von der eigenen inneren Logik, denen viele der Zeichen folgen. Auch verschwimmt bei manchen Schriftzeichen die Etymologie auf eine angenehm zufällige Art mit einer einleuchtenden Eselsbrücke. Besonders einfach merken konnte ich mir das Zeichen „忙“ (máng) für „beschäftigt“ aber auch „in Eile sein“, das aus den Bestandteilen „心“ für „Herz“ und „亡“ für „Tod/Zerstörung/etwas verlieren“ besteht. Eile oder Stress als „das Herz verlieren“ oder den „Tod des Herzens“ zu beschreiben finde ich zum einen schönes Bildnis, zum anderen spiegelt es das Lebensgefühl, das mir Beijing vermittelt, wenn es zwar oberflächlich hektisch und wuselig zugeht, aber zugleich doch irgendwie in einer fließenden Gelassenheit. Da macht es mir nichts aus, dass der Teil 亡 (wáng) zuallererst die phonetische Komponente des Zeichens ist.

Ich glaube, jeder der Chinesisch lernt und eine Zeit in China lebt, kann von vergleichbaren Beispielen berichten, die ihn oder sie begeistern und einen ganz eigenen Einblick in chinesische Kultur bieten. Das alles würde ich verpassen, wenn ich mich mit ein wenig Alltagschinesisch zufrieden geben würde.

Grund 3: man kann sich auf einmal mit unfassbar vielen Menschen verständigen. Wenn man eine neue Sprache lernt, kommt man irgendwann an den Punkt, an dem die komischen Fetzen von Tönen, die um einen herumfliegen, auf einmal ein Wort ergeben, dann auf einmal einen Satz und im Gehirn die Botschaft ankommt, dass man diesen Satz verstanden hat. Für mich persönlich zählt das zu den glücklicheren Momenten in meinem Leben. Das gilt genauso für die Momente, in denen es mir gelingt, einen Satz auf Chinesisch so über die Lippen zu bringen, dass mein Gegenüber mich versteht.

Was bleibt also als Fazit? Ja, es kostet Kraft und Anstrengung, Chinesisch zu lernen. Man muss eine Menge Zeit investieren und wahrscheinlich ist es am besten, das en bloc im Studium zu tun. Wer neben der Arbeit etwas erreichen möchte, braucht Disziplin, im Idealfall täglich an seinem Chinesisch zu arbeiten. Die gute Nachricht: es ist sicher nicht unmöglich, diese Sprache zu lernen. Auch nicht mit 33 oder älter. Ein Grundniveau für den Alltag kann jeder mit ein bisschen guten Willen und einer Prise Fleiß erreichen. Es stehen vielfältige und gute Lernmittel zur Verfügung. Und man wird belohnt: man lernt über Land und Leute und bekommt von fast allen Menschen ehrliche Freude geschenkt, wenn man zeigt, dass man sich die Mühe macht.

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Über den Autor

Jost Blöchl

Jost ist fasziniert von anderen Kulturen. Ursprünglich aus dem deutschen Norden kommend, zieht es ihn immer wieder in den Osten. Nachdem er in Polen und Litauen gelebt hat, hat nun China sein Interesse geweckt. Eine Erkenntnis dort: chinesische Plattenbauten sorgen für Heimatgefühle beim Osteuropa-Reisenden.

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Sven
Leser*in
Ich sehe sehr viele Parallelen zu meinen Lernerfahrungen. Stimmt schon, dass man im fortgeschrittenen Alter etwas weniger einfach so nebenbei aufschnappt. Aber dafür ist man auch deutlich seltener von den Albernheiten der Klassenkameraden abgelenkt als früher. Ging mir genauso. Insgesamt ausgeglichen, denke ich. Mit Anfang 20 hätte ich wohl eher… weiterlesen »
Georg
Leser*in
Vielen Dank für Deine Schilderungen. Ich bin mit beinahe 54 Jahren nochmals einen Ticken älter, okay ein bißchen mehr als nur ein bißchen. Aber entweder Chinesisch oder Japanisch zu sprechen ist ein Kindheitstraum. Und jetzt habe ich endlich begonnen. Seit ziemlich genau einem Jahr lerne ich Chinesisch. Zuerst im Selbststudium.… weiterlesen »
Georg
Leser*in
Jetzt lerne ich seit knapp vier Monaten zweimal wöchentlich in einem einstündigen Skype-Chat. Hinzu kommt täglich ca. 1 Stunde Vokabellernen (quizlet, skritter) und Hören. Immer noch auch auf ChinesePod. Das hat mir einen guten Push gegeben. Ich weiß, dass ein Aufenthalt in China optimal wäre. Aber nun ja, so einfach… weiterlesen »
Amigo
Leser*in
Danke für die schöne Schilderung – Erinnerungen werden wach über die Freude, als Freunde und Partner die ersten Sätze verstanden – und an das Erstaunen in ihren Gesichtern. Heute macht es mir Spaß, in Luzern jemandem hinterherzurufen “Mei nv, ni de shouji wangjile”, oder Kinder zu fragen “hao wan ma”.… weiterlesen »
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