Zum Geburtstag eines wandelbaren Regisseurs – Zhang Yimou

Dieser Artikel ist ein Beitrag aus unserem sinonerds Spotlight: Chinesischer Film. Auf unserer Übersichtsseite gibt es nochmal alle Artikel und Interviews zum Nachlesen, Nachschlagen oder Rumstöbern.

Von farbenfrohen Martial-Arts-Filmen bis hin zu düsteren Sozialdramen, einer der wandelbarsten Regisseure Chinas, der sowohl national als auch international gefeiert wird, ist Zhang Yimou. Anlässlich seines 62. Geburtstages möchte ich sein vielseitiges Schaffen umreißen und erzählen, wie er meine Sicht auf China beeinflusst hat.

Vor vielen Jahren stand ich in einem Laden für Medien verschiedener Art und entschied mich, eine DVD mit dem Titel Leben! zu kaufen. Eigentlich ironisch, dass der erste chinesische Film, den ich mir gekauft habe, in China verboten ist. Trotzdem ist der Film auch dort bekannt, nicht zuletzt, weil der Regisseur des Films einer der bekanntesten in ganz China ist, nämlich Zhang Yimou.

Der 1951 in Xi’an geborene Filmemacher studierte nach der Kulturrevolution an der Beijing Film Acadamy, von der er 1982 graduierte. Dieser Jahrgang sollte die chinesische Filmlandschaft nachhaltig prägen und als fünfte Generation chinesischer Regisseure in die Bücher eingehen. Zu diesem Jahrgang gehörten neben anderen Chen Kaige und Tian Zhuangzhuang, die auch durch ihre innovativen sowie zeitkritischen Filme berühmt wurden.

Meiner Meinung nach ist Leben! auf jeden Fall einer dieser Filme. Er erzählt die Geschichte des Spielers und Sohnes eines reichen Mannes Xu Fugui, gespielt von Ge You, und seiner Frau Jiazhen, gespielt von Gong Li. Die Geschichte startet in den frühen 40er Jahren und springt in Episoden zu bedeutenden Momenten der Geschichte der VR China: dem Bürgerkrieg, dem sozialistischen Aufbau, dem großen Sprung und der Kulturrevolution. Im Laufe der Geschichte verliert Fugui nicht nur den Reichtum der Familie, sondern auch fast alle seiner Angehörigen. Trotzdem bleibt er bis zum Schluss optimistisch, dass das Leben sich lohnt und besser werden wird, was auch den Titel des Films ausmacht.

Für mich hat der Film verdeutlicht, was Menschen in China durchgemacht und wie willkürliche Schicksalsschläge Familien zerrissen und zerstört haben (und dabei bearbeitet der Film noch nicht einmal die von Kriegen, Warlords und Instabilität gekennzeichnete Zeit vor 1949). Für die Veröffentlichung seines Films, der wegen offensichtlicher Kritik an früherer Politik der Kommunistischen Partei in China verboten wurde, erhielt Zhang Yimou zwei Jahre Filmverbot. Im Ausland wurde der Film jedoch gefeiert und gewann zum Beispiel den Jury-Preis beim Filmfestival in Cannes.

Zhang Yimou von Injeongwon

Zhang Yimou Foto von Injeongwon / Wikimedia Commons

Der Platz hier reicht nicht aus, um alle seine produzierten Filme und erhaltenen Ehrungen aufzulisten. Ich möchte aber darauf eingehen, was mich an seinem Werk fasziniert. Zum einen ist seine Arbeit mit Farben und Bewegungen eindringlich und fast schon perfektionistisch durchgeführt. Anderseits ist es die Vielseitigkeit seines Werkes, das mich beeindruckt. Er scheint Familiendramen (Leben!) ebenso zu beherrschen wie Martial-Arts-Filme (Hero); er produzierte Filme ohne geschulte Schauspieler (Keiner Weniger) und Blockbuster mit westlicher Beteiligung (The Flowers of War); einige seiner Filme sind noch immer in der Volksrepublik verboten (Leben!), und trotzdem inszenierte er die Öffnungs- und Abschlusszeremonie der Olympischen Spiele 2008; er arbeitete als Schauspieler (Old Well) und Jury-Mitglied (Berlinale 1993); er inszenierte Theaterstücke (z.B. Turandot) und Open-Air-Schauspiele (die Reihe Impressions, z.B. Impressions of West Lake).

Mit einem so vielfältigen Werk schafft man auch viel Raum für Kritik. Seinen Werken der letzten zehn Jahre wird vorgeworfen, auf Schmusekurs mit der chinesischen Regierung zu gehen, und dass sie zu kommerziell orientiert seien. Außerdem verpulvern seine Open-Air-Schaupiele Unmengen an Geld, das nicht immer mit Besucherzahlen hereingeholt werden kann. Eins kann man ihm jedoch nicht vorwerfen, nämlich dass er nicht wandelbar ist. Man darf immer gespannt sein, was sein nächstes Projekt sein wird. Insofern kann man nur hoffen, dass Zhang Yimou uns noch lange erhalten bleibt. Damit wünsche ich ihm im Namen der SINONERDS-Redaktion heute alles Gute zum 62. Geburtstag und schaue mir gleich noch einmal Leben! an.

Chinesische Entsprechungen und Pinyin der im Text verwendeten Eigennahmen:

Zhang Yimou: 张艺谋 Zhāng Yì Móu

Chen Kaige: 陈凯歌 Chén Kǎi Gē

Tian Zhuangzhuang: 田壮壮 Tián Zhuàng Zhuàng

Ge You:葛优 Gě Yōu

Gong Li: 巩俐 Gǒng Lì

Filme:

Old Well (1986): 老井 Lǎo Jǐng

Leben! (1994): 活着 Huó Zhe

Keiner Weniger (1999): 一个都不能少 Yí Ge Dōu Bù Néng Shǎo

Hero (2002): 英雄 Yīng Xióng

The Flowers of War (2012): 金陵十三钗 Jīn Líng Shí Sān Chāi[/box]

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sinonerds-Autor*in

Johannes Heller

Jojo studierte Chinastudien und Friedensforschung in Berlin, Nanjing und Brisbane. Akademisch steht für ihn Chinas aktuelle Rolle als regionaler Akteur in Asien im Mittelpunkt. Nebenher entdeckt er gerne neue Musik und Podcasts.

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