Zhongdong Wave: Ein chinesischer Blick auf den Nahen Osten

China und der Nahe Osten – Wer in Europa bringt diese Regionen in einen aktiven Zusammenhang? Kaum jemand… aber manche eben doch. sinonerds-Autorin Carolynn Look besucht das studentische Radioprogramm “Zhongdong Wave” an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in London, das versucht, eine chinesische Sicht auf den  Nahen Osten zu vermitteln.

Wer morgens das Radio aufdreht, der wird oft mit Nachrichten aus dem Nahen Osten konfrontiert: Bürgerkriege, Menschenrechtsskandale und das neueste Ölabkommen. Leider wird das Meinungsbild eines Landes oder einer Region oft ausschließlich durch solche Nachrichten geprägt und man muss sich immer wieder anstrengen mehr über andere Kulturen zu erfahren, damit man nicht nur auf Stereotype zurückgreift. Das ist in China nicht anders. Deshalb hat eine Gruppe von chinesischen und internationalen Studenten an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in London ein Radioprogramm an ihrer Universität gegründet, welches sich ausschließlich auf die nahöstliche Kultur und persönliche Erfahrungen aus dem Nahen Osten konzentriert.

Allerdings ist dies nicht bloß irgendein Programm: Zhongdong Wave, oder 中言中東 (zhōngyán zhōngdōng), ist die einzige chinesischsprachige Sendung beim SOAS Radio. Ich wurde während meiner Suche nach einer sinonerds-ähnlichen Konstellation in London auf die Gruppe aufmerksam, und stieß auf eine Gruppe enthusiastischer Studenten, die sich für China und die Welt interessieren.

“Die Idee zu Zhongdong Wave entstand 2010/11,” erzählt mir Anna Fee, eine deutsche Studentin, die schon seit längerem an dem Projekt teilnimmt. “Yijing [die Gründerin]hatte einen japanischen Podcast entdeckt, in dem es um Kultur und Geschichte anderer Länder ging, und so kam die Idee auf, einen ähnlichen Podcast auf Chinesisch anzufangen.”

20150111_zhongdongwave_02Ziel des Podcasts ist es, durch das Diskutieren verschiedener Themen eine chinesische Perspektive auf die Region anzubieten. “Thematisch fiel die Wahl auf den Nahen Osten (中東 zhōngdōng), weil zum einen die SOAS besondere Ressourcen und Möglichkeiten bietet, die wir ausschöpfen wollten: so konnten wir zum Beispiel mehrmals Professoren für Interviews gewinnen. Zum anderen waren sich alle einig, dass der Nahe Osten eine Region ist, über die man in China (wie andernorts auch) besonders schlecht, oder besser, einseitig informiert ist. Die Motivation hinter dem Projekt war denn auch von Anfang an, eine Alternative zu der ständigen Bilderflut von Chaos und Krieg zu bieten.”

Das Programm deckt viele verschiedene Themen ab. Ob man sich für persische Poesie interessiert, oder wie es ist, als Chinesin ein Austauschjahr in Syrien zu verbringen, für jeden ist etwas dabei. Die neueste Sendung bezieht sich auf China selbst und schaut sich an, wie Muslime in China leben.

Anna Fee meint: “Ganz besonders viel Spaß hat mir die Arbeit an den Folgen 7 und 8 – iranische Filme und persische Lyrik – gemacht. Zur Vorbereitung hat das gesamte Team diverse Filme angeschaut und nach Gedichten und Übersetzungen gesucht. Für manche Gedichte, zum Beispiel von Omar Khayyam, gibt es ja an die 20 Übersetzungen ins Chinesische, viele von bekannten Schriftstellern wie Xu Zhimo, Guo Moruo, Hu Shi oder Wen Yiduo. So haben wir nicht nur viel über den Iran, sondern auch über die Rezeption einiger seiner kulturellen Produkte in China gelernt.”

Mittlerweile nehme ich schon ein zweites Jahr an diesem Projekt teil, und dieses Jahr möchten wir auch Themen außerhalb des Mittleren Ostens abdecken, was wahrscheinlich bedeuten wird, dass wir auch den Namen der Show ändern werden. Die erste Sitzung, die wir für 2015 geplant haben, wird mit dem Leben in der Inneren Mongolei zu tun haben.

Der Stream ist auf verschiedene Publika eingestellt. Unsere Zielgruppe schließt zum einen jeden in der sinophonen Welt ein, der sich für den Nahen Osten, andere Länder oder auch Podcasts allgemein interessiert, zum anderen sind unter unseren Hörern auch Chinesischlernende, die ihr Hörverständnis auf unterhaltsame Weise verbessern wollen.

Die chinesische Version der Seite befindet sich auf Douban, die englische Version befindet sich auf der SOAS Radio Webseite. Außerdem gibt es Zhongdong Wave auf Facebook, wo man leicht den Überblick behält, wann eine neue Folge herauskommt.

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sinonerds-Autor*in

Carolynn Look

Carolynn Look studiert Chinesisch und Entwicklungsstudien an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in London. 2012/2013 verbrachte sie ein Studienjahr in Peking, wo sie sich im Rahmen eines Forschungsprojektes auf Graffiti in China spezialisierte. In ihrer Freizeit liebt sie es zu kochen und zeichnet gerne Comics.

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