Im musikalischen Dschungel Yunnans: alles P(r)opaganda?

Hinter Schall und Rauch und buntem Glitzer findet man gelegentlich auch klischeefreie Musik

Chinas ethnische Minderheiten werden gerne als bunt, lebensfroh und voller Patriotismus dargestellt. Außerdem wird ihr kommerzielles Potential schon lange mit großem Eifer ausgeschöpft, sei es mit kitschigen Souvenirs, kulinarischen Spezialitäten oder eben im Musikgeschäft. Charlotte sucht in der Ethnopop-Szene Yunnans nach dem Boden der Tatsachen.

„Kennst du dieses Lied? Da kommen die ethnischen Gruppen Yunnans drin vor“, fragt mich eine Freundin und schickt ein Video einer in wilder Natur trällernden Sängerin, um sich herum eine Schar bunt kostümierter Menschen, die wohl besagte ethnische Gruppen darstellen sollen. Nein, ich kenne es nicht. Oder doch? Es erschleicht mich das Gefühl, dass man, wenn man ein aktuelles Yunnan-Lied gehört und obendrein ein Video dazu gesehen hat, sie eigentlich alle zu kennen. Muss das immer so sein? Eine Internetsuche.

1. Wulantuya 乌兰图雅: Zhan zai caoyuan wang Beijing 站在草原望北京

Es geht los! Der Song erinnert mich an eine Hochzeit in Yuanjiang in Zentral-Yunnan, auf der die Braut, selber der ethnischen Minderheit der Hani angehörend, höchstpersönlich beim Karaoke dieses Lied sang. Aber: Die eigentliche Interpretin stammt aus der Inneren Mongolei und das Lied hat auch nichts mit Yunnan zu tun. „Auf der Steppe stehend nach Beijing schauen“ – dieser Popsong der Sängerin Wulantuya ist mit seinen chinesische Flaggen schwenkenden Reitern und die Volksrepublik preisenden Versen purer Ethno-Patriotismus. China als Mutter aller nationalen Minderheiten, die diese unter ihre Fittiche nimmt und der mit Respekt und Treue zu danken ist. Das ganze Schauspiel vor dem glitzernden Hintergrund einer Heerschar kostümierter Mongolen und nie hörbarer Pferdekopfgeige.

2. Xu Qianya 徐千雅: Caiyun zhi nan 彩云之南

 

Doch auch „Ethno-Songs“ mit Yunnan-Bezug finden sich schnell, weshalb hier nur einer stellvertretend für viele stehen soll: „Südlich der bunten Wolken“ („Yunnan“ bedeutet „Südlich der Wolken“) von Xu Qianya 徐千雅 aus Heilongjiang, dem anderen Ende Chinas. Xu Qianya singt gerne mal Politisches, um nicht zu sagen: Propagandistisches, wie über die neue Seidenstraße, die Eisenbahnstrecke von Qinghai nach Tibet oder – wie in diesem Lied aus dem Jahr 2007, als Yunnan allmählich touristisch erschlossen wurde – über den Reiz einer Reise in diese Provinz. Yunnan, ein Ort der Rückkehr zur Natur, bevölkert von irgendwie faszinierend-fremdartigen, tanzenden, trommelnden Männern in Trachten nicht näher bestimmbarer ethnischer Gruppen. Wer das Ungewöhnliche und Ursprüngliche sucht, fahre bitte nach Yunnan, die chinesische Tourismusindustrie wird  es Ihnen danken.

3. Sigangli 司岗里: Tongsamei 通撒美 (mangels Youku-Video ein Link zu Xiami)

Es muss doch auch anders gehen. Ich stöbere noch einmal in meinem Gedächtnis und erinnere mich an eine Reise nach Menglian und Ximeng, eine der ethnisch vielseitigsten Gegenden Yunnans. Und an ein Lied, das wir damals mit Freunden hörten: Tongsamei. Dieser Name ist eigentlich nur eine Mandarin-Umschrift des eigentlichen Titels, denn das Lied wird auf Wa gesungen, der Sprache der gleichnamigen, in Südwest-Yunnan, Myanmar und Thailand lebenden ethnischen Gruppe. Gespielt wird es von der Reggae-Band Sigangli, die regelmäßig auf Konzerten und Festivals in Kunming, Yunnan und darüber hinaus auftreten. Allzu Publicity-orientiert sind sie jedoch nicht, es gibt noch nicht einmal Musikvideos der Band.

4. Shanren yuedui 山人乐队: Sanshi nian 三十年 

Dann wird mir Shanren 山人乐队 empfohlen, eine Band, die Melodien und Instrumente aus Yunnan und dem Westen kombiniert und auf Mandarin singt. Ihre Mitglieder entstammen verschiedenen ethnischen Gruppen der Provinz und werden gelegentlich auch von einem britischen Musiker verstärkt. Mit dem Lied Sanshi nian (三十年, dreißig Jahre) gewannen sie 2016 die chinesische Castingshow „Sing my Song“ (Zhongguo hao gequ 中国好歌曲). Ihr einziges Musikvideo zeigt jedoch nicht die Band selber, sondern eine Zeichentrick-Animation. „Exotisches“ wird hier nicht gezeigt. Im Video wird nur durch die Kleidung der Figuren ein Bezug zur „Nicht-Han-Welt“ hergestellt. Das Lied „30 Jahre“ thematisiert den Wandel der Zeit: Vor dreißig Jahren war eben alles anders.

5. Xianpiao 先飘: Xiongdi 兄弟

Ein bisschen was zum Wohlfühlen bietet die vierköpfige Band um den Sänger Xianpiao 先飘 mit ihrem Lied „Bruder“ (Xiongdi 兄弟, das Wort wird auf Chinesisch auch gerne in der Bedeutung “Kumpel” verwendet). Bunte Kostüme und unberührte Landschaften sucht man vergebens im zugehörigen Musikvideo, sondern sieht Jeans, T-Shirts und neue Hochhäuser. Und doch kommt die kulturelle Identität der Mitglieder viel mehr zum Vorschein  als es jede Art von Verkleidung schaffen könnte. Die Band singt im Dialekt der Akha, einer Untergruppe der Hani aus Xishuangbanna in Südyunnan. Das Thema ist ein universales: Es geht um Freundschaft.

Hinter der Maskerade

Das Spektrum ist breit und die meisten aktuellen Yunnan-Lieder scheinen sich an seinen beiden Extremen zu bündeln. Die eine Gruppe umfasst irgendwie nach Plastik klingende Songs, die, gespickt mit je einer Prise Propaganda und Exotik, lautstark die Botschaft der ethnischen Harmonie verkünden. Den ethnischen Minderheiten wird hier jedoch nur eine Rolle im Hintergrund zugeteilt, „schmückendes Beiwerk“ sozusagen, Dekoration für den Auftritt des eigentlichen Sängers. Die andere Gruppe holt sie aus diesem Hintergrund heraus und lässt sie selber zu Wort kommen. Es mag den kommerziellen Effekt mindern, wenn nicht auf Mandarin gesungen wird, ist aber allemal angenehmer im Ohr. Dass es möglich ist, als Ethno-Band eine Nische im Mainstream-Gewerbe zu finden, ohne mit Klischees und Projektionen zu agieren, zeigt die Band Shanren Yuedui. Es gibt auch sehr schöne aktuelle Lieder aus Yunnan, fernab von Kommerz und Exotisierung.

Titelbild credit: “flower dance” by 夏爱克 via flickr, shared under a creative commons license (CC BY 2.0). 

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sinonerds-Autor*in

Charlotte Degro

Nach ihrem Bachelorstudium der Sinologie in Leipzig und Kunming zog es Charlotte zurück nach China, wo sie an der Kunming University of Science and Technology Rechtswissenschaften studiert. In ihrer Freizeit reist sie gerne, liebt Bücher ebenso wie chinesische Straßenküche und versucht sich an diversen Fremdsprachen, Geige und Badminton. Charlottes eigener Blog ist shenghuoshenghuo.tumblr.com.​

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