Wer hat die schönste im ganzen Land: Im Gespräch mit Xin Lu (2)

Was chinesische Malls ausmacht und wie sie moderne Städte prägen

Gehen wir zum Essen, Filmegucken oder doch nur zum Shoppen in die Mall? Eine Aufgabe der Architektur ist es, dem Konsumverhalten eines bestimmten Landes gerecht zu werden. Im zweiten Teil des Gesprächs analysiert die Architektin und Buchautorin Xin Lu die unterschiedlichen Gewohnheiten deutscher und chinesischer Shopper und den Einfluss der westlichen Architektur auf den chinesischen Baustil. Lust auf mehr? Im ersten Teil, Von Bildhaftigkeit zu Bauhausprinzip, erklärt Xin die verschiedenen Herangehensweisen chinesischer und deutscher Architekten.

Qinna Shen und Martin Rosenstock: Eines deiner Hauptarbeitsgebiete ist heute die Entwicklung von Shopping-Malls. Gibt es da typische Unterschiede zwischen einer chinesischen Shopping-Mall und einer deutschen?

Xin: Es gibt eine Logik für Verkauf. Diese Logik bestimmt die Grundstruktur einer Shopping-Mall. Aber es gibt schon Kultureinflüsse. Zum Beispiel gibt es in China viel, viel mehr Restaurants. In China planen wir 30-40% der Fläche für Restaurants, in Deutschland 6% bis höchstens 12%, und 12% ist schon sehr selten. Ein gigantischer Unterschied. Entertainment ist auch wichtig. Wenn eine Shopping-Mall in China über 100,000 Quadratmeter hat, gibt es normalerweise ein Kino oder eine Eislaufbahn. Solche Sachen gibt es in Deutschland weniger. China ist so ähnlich wie die Türkei, wo Essen und Entertainment auch wichtig sind.

Chinesen haben also ein anderes Verhältnis zu Shopping als Deutsche?

In China ist die Shopping-Mall ein Treffpunkt. Viele Leute kritisieren Shopping-Malls, aber in großen Städten sind Shopping-Malls zu “city open space” geworden, wo man sich trifft. Das muss gut gestaltet werden. Zum Beispiel gibt es in Hongkong eine Shopping-Mall, ifc, die Leuten auf dem Dach eine offene Fläche anbietet. Man kann sich setzen, ein Picknick mitnehmen. So etwas ist in Deutschland noch in der Entwicklung. Auch Kinderspielplätze sind in China wichtig. Die Konkurrenz ist stark. Du musst dir irgendetwas ausdenken. Ansonsten geht man nicht zu deiner Shopping-Mall, sondern zu einer anderen.

Xin Lu

Xin Lu

Sind in China nicht zu viele Shopping-Malls und Wohnhäuser gebaut worden, die dann leer bleiben, weil man sich das alles nicht leisten kann?

China ist das Land, in dem gerade die meisten Shopping-Malls gebaut werden. Viele Immobilienentwickler sind gezwungen, Shopping-Malls zu bauen. Man kann das am Beispiel von Vanke sehen, meinem ehemaligen Arbeitgeber. Vanke muss gemäß Landnutzungsplänen in enormem Umfang Shopping-Malls, Bürogebäude und öffentliche Infrastruktur entwickeln. Früher hatte chinesische Stadtplanung ein Monofunktionsmodell. In Wohngebieten gab es also nur Wohnungen. Jetzt versucht die Regierung, das zu korrigieren. Die Regierungschefs haben auch gesehen, dass Mischnutzung ökonomisch Sinn macht. Wenn man eine Shopping-Mall baut, bekommt das umliegende Land einen höheren Wert. Die chinesischen Lokalregierungen finanzieren sich fast zu einem Drittel durch Landverkäufe. Wenn du Büros baust, bekommst du noch eine weitere Einkommensquelle – die Steuer, bei Shopping-Malls ebenso. Wenn du Wohnungen baust, kannst du sie nur einmal verkaufen. Deshalb werden jetzt viel zu viele Malls gebaut. Aber die Entwickler können nichts dafür.

Wenn alle Chinesen in Shopping-Malls gehen, können dann kleine Tante-Emma Läden weiter existieren?

In Deutschland ist das ein wichtiges Thema. Wenn wir bei ECE eine Shopping-Mall in Deutschland planen, müssen wir beweisen, dass die kleinen Läden nicht geschädigt werden, sonst darf nicht gebaut werden. Wir machen also nicht nur eine “environment study” in Bezug auf Nachhaltigkeit, sondern auch eine in Bezug auf Nachhaltigkeit für “retail life” in der City. Wenn eine Shopping-Mall gebaut wird, könnte das andere schädigen, aber es könnte auch ein Gewinn sein. Mehr Leute kommen in die Stadt, die Stadt wird belebter, Leute geben mehr aus. Viele dieser Gedanken sind in China noch nicht angekommen. In China setzt sich der Stärkere durch. Schwächere zu schützen ist noch kein Thema, man möchte erstmal stark werden.

Dein Buch hat viele Fotos von Landmark-Gebäuden, die von Architekten aus dem Westen entworfen wurden. Da gibt es auch viele Kritiker. Zum Beispiel wurde das CCTV Building als „Schlitzhose“ bezeichnet. Was denkst du über die Verwestlichung der Architektur in China?

Ja, die Globalisierung, die in China gelandet ist, ist in vielerlei Hinsicht eine Verwestlichung. Westliche Architekten bauen in China, chinesische Architekten lernen von westlicher Architektur. Aber ich denke, dass es insgesamt eine moderne Architektur ist. Man kann nicht bei Null anfangen. Zu jedem Material gibt es den geeigneten Stil. Bei Mauerwerk mit Ziegelsteinen können die Fenster nicht so groß sein, aber bei Stahl und Beton kann es große Öffnungen geben. Von daher ist es, denke ich, logisch, dass China vom Westen lernt.

Westliche Architektur und Stadtplanung beeinflussen die chinesische Architekturentwicklung enorm. Diese Spuren, die jetzt in den Städten hinterlassen werden, werden wohl die nächsten fünfzig bis hundert Jahre bleiben. Und das ist auch von der chinesischen Regierung und von chinesischen Entwicklern so gewollt. Ich finde es gut, dass die Chinesen dafür offen sind. Ich muss sagen, die Deutschen sind hier auch relativ offen. In Deutschland bauen auch britische Architekten, umgekehrt nicht. Aber man muss beachten, dass wir für die Chinesen bauen. Wenn man nicht auf die Kultur und Lebensweise vor Ort achtet, gibt es große Probleme, wie in Anting.

Xin, vielen Dank für dieses Gespräch!

Xin LU ist in Ningbo aufgewachsen. Nach einem Masterstudium der Architektur in China kam sie 2001 nach Deutschland, studierte an der Bauhaus Universität Weimar und arbeitete anschließend in Stuttgart. 2004 kehrte sie als Partnerin des deutschen Architekturbüros IBO nach China zurück. Nach einer Phase der Selbstständigkeit arbeitete sie als Leitende Architektin für Vanke (万科), den größten Immobilienentwickler in China. Zur Zeit wohnt sie in Frankfurt und arbeitet in Hamburg bei ECE, einer deutschen Immobilienfirma. Sie ist die Autorin von “China, China…: Western Architects and City Planners in China” (Ostfildern: Hatje Cantz Verlag, 2008).

Das Titelbild ist Shiny von Melkir: Lizenz

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sinonerds-Autor*in

Qinna Shen und Martin Rosenstock

Martin Rosenstock ist Assistant Professor of German an der Gulf University for Science and Technology in Kuwait. Er promovierte 2008 in deutscher Literatur an der University of California, Santa Barbara. Im Jahr 2014 hat er zusammen mit Qinna Shen den Aufsatzband Beyond Alterity: German Encounters with East Asia (New York: Berghahn Books) herausgegeben. Seine Forschungsschwerpunkte sind die deutsche Kolonialzeit und Kriminal/Detektivliteratur. Qinna Shen hat Deutsch an der Beijing Fremdsprachenuniversität gelernt und dann Germanistik an der Universität Heidelberg studiert. Sie promovierte 2008 an der Yale Universität in den USA. Zur Zeit ist sie Visiting Assistant Professor of German an der Miami University in Ohio. Im Herbst 2016 wird sie eine Stelle als Assistant Professor of German am Bryn Mawr College in Pennsylvania antreten.

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