Warum sechsundfünfzig?

China hätte auch mehrere Hundert Volksgruppen haben können.

Deutschland erkennt vier nationale Minderheiten an, in Myanmar gibt es ganze 135 ethnische Gruppen. Warum sind es in China 56 – oder müsste die Frage eher lauten: wer hat in China wann 56 gezählt und warum?

Es gibt sie in Yunnan und Tibet, in Xinjiang und Ningxia. Es gibt sie in großen Provinzen und kleinen, in Städten und Dörfern – die Rede ist von den ethnischen Minderheiten Chinas, die 8% der chinesischen Bevölkerung ausmachen. Manchen gehören Millionen Menschen an, manche setzen sich aus einer Handvoll bergiger Dörfer zusammen. Insgesamt kennt die Volksrepublik China 56 ethnische Gruppen: die Mehrheitsbevölkerung der Han (die übrigen 92%) und die 55 ethnischen Minderheiten. So weit, so einleuchtend.

Halt – wir nehmen es für gewöhnlich so hin, aber: warum sind es eigentlich 56 Gruppen? Woher stammt diese Zahl?

Republikperiode und Bürgerkrieg

Beginnen wir unsere kleine ethnische Zeitreise in der Zeit der Republik China unter Sun Yat-sen. Von einer so hohen Zahl wie 56 war man zu dieser Zeit bei der Einteilung ethnischer Gruppen noch weit entfernt. Die Grundidee von China als multiethnischem Staat existierte aber schon und spiegelte sich auch in der ersten Flagge der Republik China wieder, deren fünf Streifen jeweils eine ethnische Gruppe repräsentierten: Han (rot), Mandschuren (gelb), Mongolen (blau), Hui (weiß) und Tibeter (schwarz). Ziel war wohl die Schaffung eines Zugehörigkeitsgefühls aller Menschen auf chinesischem Territorium.

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Flagge der Republik China von 1912-1928 (public domain)

Doch weshalb wurde die Vorstellung, die chinesische Bevölkerung nach Ethnizität einzuteilen, auch nach dem Ende der Republik China übernommen? Die Antwort ist noch vor der Gründung der Volksrepublik zu finden, nämlich in der Zeit des Langen Marsches, der die Kommunisten von Jiangxi – das in einer überwiegend von Han-Chinesen bewohnten Gegend liegt – durch den tiefen Westen Chinas bis nach Yan’an führte. Dies waren Gebiete, in denen die Han selber eine Minderheit darstellten und in denen die Kommunisten auf „nicht-Han“-Warlords trafen, die es für die eigenen Ziele zu gewinnen galt. Nach dem Sieg der Kommunisten, so das Versprechen, erhielten diese Gruppen staatlich garantierte Sonderrechte zum Schutz ihrer Kultur.

Nach Gründung der Volksrepublik

1949 wurde die Volksrepublik gegründet und Versprechen waren einzulösen. So gewährte die Verfassung von 1949 den ethnischen Gruppen umfangreiche Sonderrechte, z.B. im Bereich von Bildung und Kultur. Jedoch stellte sich die Frage: wer sind überhaupt die ethnischen Minderheiten?

Um dies zu klären, veranlasste die neue Regierung schon ab den frühen 1950er Jahren, also sehr bald nach der Gründung der Volksrepublik, Studien in Chinas ethnisch vielfältigeren Gegenden. Die Forscher kamen auf die stolze Zahl von etwa 400 verschiedenen Gruppen. Das alles galt es dann zu sortieren, denn oft gab es für ein und dieselbe Gruppe verschiedene Bezeichnungen. Und dann wurden Kategorien gebildet, Grenzen gezogen, Menschen in Schubladen gesteckt, letztlich ohne eine einheitliche Definition. Das Ergebnis: 1954 gab es 38 offiziell anerkannte Gruppen, doch wurde die Arbeit fortgesetzt und zehn Jahre später, 1964, waren es schon 54.

Sind die Mosuo wirklich... (Sherry Zhang | CC BY 2.0)

Sind die Mosuo wirklich… (Sherry Zhang | CC BY 2.0)

Kulturrevolution und Reformperiode

Diese Tendenz der Integration hielt jedoch nicht an. Denn von 1966 bis 1976 wütete die Kulturrevolution in China, und mit ihr der Kampf gegen die „Vier Alten“: alte Denkweisen, alte Kultur, alte Gewohnheiten und alte Sitten sollten wie Unkraut gejätet werden. Was genau unter diese vier Begriffe fiel, wurde nie festgelegt, und so unterlagen die Roten Garden keinerlei Beschränkungen bei ihrer Zerstörung jahrtausendealter Kunst, Architektur und Tradition.

Auch die Kultur der ethnischen Minderheiten litt. Die Anerkennung als eigene Ethnie wurde undenkbar, ebenso ein Bekenntnis eines Einzelnen zu seiner nicht-Han-Herkunft, aus Furcht, als Anhänger der „Vier Alten“ zu gelten. Entsprechend wurden in dieser Zeit keine neuen Gruppen anerkannt; wer nicht Han war, verbarg dies.

Nach dem Ende der Kulturrevolution sah sich die Kultur der ethnischen Minderheiten zwar keiner Verfolgung mehr ausgesetzt, viele Traditionen waren aber unwiederbringlich verloren. Es standen wieder mehr Chinesen zu ihren ethnischen Wurzeln, doch wurde seit dem Ende der Kulturrevolution lediglich eine einzige ethnische Gruppe offiziell anerkannt: seit 1979 sind die Jinuo 基诺族 aus Yunnan eine offizielle Minderheit. Der Staat richtete sein Augenmerk bald schon mehr auf wirtschaftliche als ethnische Belange, die keinerlei praktischen Nutzen aus wirtschaftlicher Sicht zu bringen schienen.

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…als eine Untergruppe der Naxi zu betrachten? Oder sollten sie eine eigene ethnische Gruppe darstellen? (malfel2001 | CC BY-NC-ND 2.0)

China heute

Das Ergebnis der wenig systematischen Einteilung der ethnischen Gruppen Chinas in den frühen 1950er Jahren ist eine bis heute geltende Systematisierung, die bei Weitem nicht immer logisch ist. Viele ethnische Gruppen sind eigentlich eine Zusammenfassung mehrerer kleinerer, außerdem gibt es viele Gruppen, die noch auf eine staatliche Anerkennung warten und anderen Gruppen zugeteilt sind. So gelten die Mosuo 摩梭人 aus Yunnan offiziell als Naxi 纳西族 und die Chuanqing 穿青人 aus Guizhou gar als Han.

Ob die seit 1979 geltende Zahl von 55 ethnischen Minderheiten (bzw. 56 ethnischen Gruppen in China einschließlich der Han) sich in nächster Zeit ändern wird, bleibt fraglich. Es ist aber zu beobachten, dass Angehörige ethnischer Minderheiten ihre Herkunft wieder für sich entdecken. Wie sich dieser Trend in Zukunft entwickeln wird, bleibt abzuwarten. Manch eine lokale Behörde hat die Vorteile einer Förderung der ethnischen Identität erkannt, denn ethnische Minderheiten gelten mancherorts (nicht zuletzt in Yunnan) als Touristenmagnet und somit als lukrative Einnahmequelle.

Warum sind es also 56 Gruppen? Die Antwort ergibt sich aus einer Formel aus chaotisch eingeführten Bezeichnungen, Unterdrückung in der Kulturrevolution, wirtschaftliche Orientierung der Politik danach und einer wieder aufblühenden ethnischen Identität heute.

Lust auf mehr zum Thema ethnische Gruppen in China? Lass dir unser zweiteiliges Interview Parallele Welten: Minderheiten in China und Taiwan mit Professor Höllmann nicht entgehen!

Titelbild credit: “Family In Lanchow, China [1944] Fr. Mark Tennien [Restored]” flickr photo by ralphrepo shared under a Creative Commons (BY) license.

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Über den Autor

Charlotte Degro

Nach ihrem Bachelorstudium der Sinologie in Leipzig und Kunming zog es Charlotte zurück nach China, wo sie an der Kunming University of Science and Technology Rechtswissenschaften studiert. In ihrer Freizeit reist sie gerne, liebt Bücher ebenso wie chinesische Straßenküche und versucht sich an diversen Fremdsprachen, Geige und Badminton. Charlottes eigener Blog ist shenghuoshenghuo.tumblr.com.​

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