Von Bildhaftigkeit zu Bauhausprinzip: Im Gespräch mit Xin Lu (1)

Eine chinesische Architektin in Deutschland

Wie unterscheidet sich die Auffassung von Architektur in China und Deutschland? Und was hat es mit der Vorliebe vieler Chinesen für einen europäischen Baustil auf sich? Diese und weitere Fragen beantwortet die Architektin und Buchautorin Xin Lu im Gespräch mit den Germanistikprofessoren Qinna Shen und Martin Rosenstock. Der zweite Teil des Gesprächs, Wer hat die schönste im ganzen Land, dreht sich um das Konsumverhalten chinesischer und deutscher Shopper und die Auswirkungen auf die Architektur.

Qinna Shen und Martin Rosenstock: Xin, was hat dich dazu bewogen, in Deutschland Architektur zu studieren?

Xin: Ich habe erst in China Architektur studiert, und nach meinem Master auch sehr gute Stellenangebote bekommen. Aber vor der Vertragsunterzeichnung hatte ich plötzlich Bedenken. Ich sah den Rest meines Lebens vor mir, alles war durchgeplant. Ich wollte aber die Welt sehen, und da dachte ich, ich sollte nach Europa gehen, wo die moderne Architektur ihre Wurzeln hat.

Dein Buch ist 2008 erschienen. Damals war die Denkweise chinesischer Architekten tendenziell bildhaft, etwas wie die chinesische Sprache und Schrift, die deutsche dagegen eher konzeptionell, analytisch und funktional. Kann man das auf die Ausbildung zurückführen?

Xin Lu

Ja, kann man so sagen. In China ist die Darstellung wichtig, das kommt aus der Kunsthochschule. Daher war es auch wichtig für uns, schön zu zeichnen. In Deutschland ist das anders. Das Bauhausprinzip ist praxisorientiert. Bau ist wichtiger als Zeichnung. Viele deutsche Architekten zeichnen nicht unbedingt so gut wie chinesische, aber sie sind trotzdem sehr gute Architekten. Es zählt, welches Konzept du hast und wie das Gebäude am Ende aussieht.

Hat sich das Berufsbild des Architekten in China geändert?

Vor dreißig Jahren war dieser Beruf nicht so populär. Man hat gebaut wie in der DDR, da braucht man eigentlich keinen Architekten. Als ich studiert habe, hatte das schon begonnen, sich zu ändern. Da konnte man mit Stolz sagen, ich bin Architekt oder ich bin Designer. Aber das Ansehen von chinesischen Architekten, das sie vom Bauherrn bekommen, ist auch heute nicht so hoch wie das Ansehen hier in Deutschland.

Ein Detail in deinem Buch ist sehr interessant: Dein Kalenderbuch in Deutschland ist sehr ordentlich mit wenig Änderungen, aber deine Termine in China wurden ziemlich oft geändert.

In China wird ständig umgeplant, was mir nicht unbedingt angenehm ist. Man versucht etwas, es klappt nicht, okay, dann probiert man was anderes. Ich möchte lieber erst überlegen, und es dann einmal machen, aber richtig. In China wird mir oft gesagt: „Xin, du bist aber sehr deutsch.“ Was ich in China auch nicht so angenehm finde, ist die Hierarchie. Wenn der Chef sagt, jetzt nach links, dann fragt man nicht, warum. In Deutschland geht es demokratischer zu.

In China gibt es Vororte, die in einem pseudo-deutschen Stil gebaut sind. Warum ist das so beliebt?

Insgesamt mögen Chinesen den europäischen Stil. Das hängt damit zusammen, dass man eine schöne Vorstellung vom Leben in Europa hat. Architektur ist eine Hülle, um die Kultur oder ein Image zu repräsentieren. Für viele Chinesen sind die USA und Europa Traumländer. Von daher möchten sie das Gebäude von dort haben wie auch das Auto oder die Tasche.

Aber die „German town“ Anting bei Shanghai ist ein gescheitertes Projekt, nicht?

Ich kenne Anting-Newtown gut. Ich habe das Projekt seit 2003 begleitet, war auch als Beraterin vor Ort. Zu dem Zeitpunkt war die Struktur leider schon festgelegt. Anting-Newtown ist in typisch deutschem Blockbau gebaut. Chinesische Wohnhäuser stehen immer in einer Reihe. Warum? Weil alle wegen Klima und Kultur ihr Haus nach Süden ausgerichtet haben möchten. In einem viereckigen Blockbau kauft niemand die nach Norden, Osten und Westen ausgerichteten Wohnungen. Die nach Süden orientierten Häuser in Anting sind längst verkauft, die anderen stehen leer. Wir hatten auf das Problem hingewiesen. Die deutschen Architekten haben es gut gemeint, aber sie haben den lokalen Bedarf und die lokale Kultur nicht respektiert.

Xin LU ist in Ningbo aufgewachsen. Nach einem Masterstudium der Architektur in China kam sie 2001 nach Deutschland, studierte an der Bauhaus Universität Weimar und arbeitete anschließend in Stuttgart. 2004 kehrte sie als Partnerin des deutschen Architekturbüros IBO nach China zurück. Nach einer Phase der Selbstständigkeit arbeitete sie als Leitende Architektin für Vanke (万科), den größten Immobilienentwickler in China. Zur Zeit wohnt sie in Frankfurt und arbeitet in Hamburg bei ECE, einer deutschen Immobilienfirma. Sie ist die Autorin von “China, China…: Western Architects and City Planners in China” (Ostfildern: Hatje Cantz Verlag, 2008).

Das Titelbild ist “Staedler pencils / German pavillion / EXPO” von Dana Lipárová: Lizenz

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sinonerds-Autor*in

Qinna Shen und Martin Rosenstock

Martin Rosenstock ist Assistant Professor of German an der Gulf University for Science and Technology in Kuwait. Er promovierte 2008 in deutscher Literatur an der University of California, Santa Barbara. Im Jahr 2014 hat er zusammen mit Qinna Shen den Aufsatzband Beyond Alterity: German Encounters with East Asia (New York: Berghahn Books) herausgegeben. Seine Forschungsschwerpunkte sind die deutsche Kolonialzeit und Kriminal/Detektivliteratur. Qinna Shen hat Deutsch an der Beijing Fremdsprachenuniversität gelernt und dann Germanistik an der Universität Heidelberg studiert. Sie promovierte 2008 an der Yale Universität in den USA. Zur Zeit ist sie Visiting Assistant Professor of German an der Miami University in Ohio. Im Herbst 2016 wird sie eine Stelle als Assistant Professor of German am Bryn Mawr College in Pennsylvania antreten.

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