Vier mal eins macht 光棍节

Alle Jahre wieder erinnert der 11.11. an Chinas schiefe Geschlechterverteilung

Happy Singles’ Day! Wenn es denn etwas zu feiern gibt: 光棍节 Guāng Gùn Jié, wörtlich das “Fest der einsamen Stöckchen”, wurde in China dank seiner Kombination aus vier Einsen zum Ehrentag der Bachelors auserkoren. Passend dazu berichten wir von Chinas “Leftover”-Problem, denn in China gibt es nicht nur “übriggebliebene Frauen” (剩女 shèng nǚ), sondern auch deren männliche Pendants. Was hat es auf sich mit dieser ganzen Reste-Stigmatisierung und was ist die Ursache?

Das Problem der alleinstehenden Frauen und Männer fängt bei schnöden Bevölkerungszahlen an. Trotz jahrzehntelanger Geburtenkontrolle hat China die größte Bevölkerung der Welt und stellt derzeit mit rund 1,37 Milliarden Menschen 19% der Weltbevölkerung. Hätte man die Geburtenkontrolle nicht eingeführt, wäre Chinas Bevölkerung heute sogar schätzungsweise um 400 Millionen Menschen größer.

Jedoch kam die Ein-Kind-Politik nicht ohne Nebenwirkungen, denn sie trug neben erheblichem gesellschaftlichen Druck auch zu einer bedrohlichen Verschiebung innerhalb der Alterspyramide und der Geschlechterverteilung bei. Chinas Bevölkerung altert nicht nur, sondern hat auch einen Überschuss an Männern in der Größenordnung von 33 Millionen, was fast der Einwohnerzahl Kanadas entspricht. Ein weiterer Vergleich: Das natürliche Geschlechterverhältnis liegt in der Regel bei 1,05 : 1  – das bedeutet, dass auf 100 Mädchen im Schnitt 105 Jungen geboren werden. Das Geschlechterverhältnis der 15- bis 25-Jährigen in Deutschland lag im Jahr 2013 bei 1,06, in China dagegen bei 1,11. Von 2000 bis 2005 schwankte dieser Wert in China sogar zeitweise zwischen 1,16 und 1,22.

Wie kam es dazu?

Von Forschern wird dieses Ungleichgewicht vor allem auf die Möglichkeit der vorgeburtlichen Geschlechtsbestimmung und den damit vermehrten Abtreibungen von weiblichen Föten zurückgeführt. Die Präferenz von männlichen Nachkommen, die in China heute langsam abzunehmen scheint, hat historische Gründe: Traditionsgemäß kümmert sich der Sohn im Alter um die Eltern, eine Tochter dagegen zieht samt Mitgift in die Familie des Ehemanns.

Heute stehen viele Familien, die sich damals unbedingt einen Sohn gewünscht haben, vor einer harten Realität. Denn die Männer, die auf dem Land aufgewachsen sind, keine gute Ausbildung genossen haben und denen die finanziellen Mittel fehlen, haben oft große Schwierigkeiten eine Gattin zu finden. So gibt es bereits Orte in China, in denen Frauen eine echte Rarität sind. Der BBC hat sie als „Bachelor Villages“ bezeichnet.

Wohin mit all den Single-Männern?

Da für einen großen Teil der Einzelkind-Generation die eigene Familienplanung noch aussteht, lassen sich die konkreten Auswirkungen des unausgeglichenen Geschlechterverhältnisses nur unter Vorbehalt bestimmen. Immer wieder lese ich, dass Chinas heutige Geschlechterverteilung bereits ernste demografische und soziale Folgen hat. Überalterung und “Maskulinisierung” der Gesellschaft drohen zu einer ernsten Gefahr für das wirtschaftliche Wachstum des Landes zu werden.

Das durchschnittliche Alter von Männern bei der Eheschließung wird weiterhin ansteigen, denn Chinas Frauen sind sich ihrer Begehrtheit bewusst: Die sogenannten “übriggebliebenen Frauen” (剩女 shèng nǚ) jenseits der 30 sind nicht selten aus dem Grund alleinstehend, weil sie aus ihrer Sicht keinen adäquaten Partner finden. Die materiellen Kosten einer Eheschließung werden weiter steigen, Männer werden weitere Wege auf sich nehmen müssen, um eine Ehegattin zu finden und das Junggesellentum wird sich ausweiten.

single man cooking

Männer mit höherem Bildungsniveau, gutem Einkommen und einem offiziellen hukou 戶口(Wohnsitz) in den Metropolen werden weniger von den Auswirkungen betroffen sein, da sie für potentielle Partnerinnen attraktiver sind als ihre Konkurrenten vom Land. Die Männer bzw. Gemeinden, in denen es akuten Frauenmangel gibt, werden in einigen Fällen andere Wege aus der misslichen Lage suchen, z.B. durch das Anwerben – oder schlimmer, den Kauf bzw. das Entführen – von Frauen aus Burma, Nordkorea oder der Mongolei. Auch polyandrische Eheschließungen, bei denen eine Frau mit mehr als einem Mann verheiratet wird, werden zu Alternativen. Alleinstehende Männer werden häufiger dazu neigen, zu migrieren oder im schlimmsten Fall ein Leben lang ohne Familie bleiben und sich bei der Gesundheits- und Altersvorsorge statt ihrer Kinder auf staatliche oder private Systeme verlassen müssen.

Liebe ist ein kompliziertes Thema, doch in China mag es aufgrund der jüngeren Geschichte des Landes noch komplizierter sein. Die Zutaten für eine feste Bindung gehen über Zuneigung, Gefühle und Vertrauen hinaus. Die daraus entstandene Industrie verstärkt den Ein- und Erwartungsdruck, dass die potentiellen Partner mit perfekten Attributen ausgestattet sein müssen. So manch eine(r) ist diesem Druck nicht gewachsen. Es gibt Prognosen, die davon ausgehen, dass sich das Verhältnis der Geschlechter erst bis 2050 normalisiert und zuvor aus den 33 Millionen überschüssigen Männern 40 bis 50 Millionen werden. Besonders für die chinesische Landbevölkerung, deren Altersvorsorge bisher durch ihre Nachkommen sichergestellt wurde, ist diese Situation katastrophal und es wäre dringend geboten, die staatliche Rentenversicherung besonders auf dem Land verpflichtend und flächendeckend einzuführen. Die Regierung in Beijing täte gut daran, auch ihr Spotlight auf die Liebe zu setzen.

Image credits: ©Jasmin Oertel für sinonerds.

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Über den Autor

Jasmin Oertel

Jasmin war das erste Mal mit elf Jahren in China und hat in Peking und Hongkong gelebt. Sie hat ihren Bachelor in Chinastudien abgeschlossen und studiert nun einen Master in Taiwan. Sprachen, Fotografie, Film und Musik gehören zu ihren Leidenschaften.

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