Undercover Laowai

Huaqiao 华侨, so lautet das chinesische Wort für Menschen mit chinesischem Familienhintergrund, die im Ausland aufwachsen und leben. Als Huaqiao ist eine Reise nach China nicht immer leicht – obwohl man aus einem anderen Land kommt, wird man als Chinesin oder Chinese wahrgenommen und auch so behandelt. Oft fällt es Chinesen schwer, die „ausländische” Identität und Sozialisierung der Huaqiao zu akzeptieren. Lina Tran aus Hannover erzählt aus eigener Erfahrung, und von den guten und schlechten Erlebnissen als Huaqiao in Shanghai.

Für mich war immer klar: Ich komme aus Deutschland und gehe nach China, in ein mir unbekanntes Land. Das ist jetzt über sechs Monate her. Ich bin Fremde hier in Shanghai und lerne nach wie vor, was es heißt, in China zu leben. Die Menschen um mich herum aber sehen in mir immer zuerst eines: Eine ganz normale Chinesin. Wenn ich dann anfange zu sprechen, und sie merken, dass mein Chinesisch eindeutig nicht muttersprachlich ist, heißt es immer: „Woher kommst du? Bist du Koreanerin?”

Natürlich ist die Frage nach der Herkunft nichts ungewöhnliches, wenn man im Ausland lebt.
Das Besondere ist, dass man als asiatische/r Ausländer/in in China ganz anders wahrgenommen und behandelt wird, als wenn man „westlich” ist.

Für viele aus Deutschland ist dieser Gedanke ziemlich fremd; wir sind es gewohnt, Menschen nicht so stark nach ihrer Herkunft zu klassifizieren, wie es in China noch oft üblich ist. Als Asiatin in China wird von mir generell erwartet, perfekt Chinesisch zu sprechen, dafür aber kein Englisch oder gar Deutsch. Manchmal stoße ich auf Unverständnis, wenn ich nicht auf Anhieb verstehe, was man von mir will. Als ich einmal eine Frau nach dem Straßennamen fragte, deutete sie auf das Straßenschild mit der Bemerkung „Kannst du nicht lesen?!“ – nein, kann ich nicht, Entschuldigung. Obwohl ich die gängigsten Zeichen kenne, kann ich bei weitem nicht alles lesen.

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Alltag in Shanghai

Dabei hatte ich durch meine Vorkenntnisse in der Sprache schon weniger unangenehme Situationen als einige andere asiatische Freiwillige. Außerdem bin ich durch meine Wurzeln in China für die meisten „trotzdem irgendwie eine Chinesin“. Das hilft mir, damit umzugehen, dass mich alle für eine Einheimische halten. Ich kann mich auch bis zu einem gewissen Punkt mit China identifizieren. Wenn man aber aus einem anderen asiatischen Land kommt, ist das wahrscheinlich schon schwieriger. Auf einige Freunde von mir trifft das zu; sie möchten wie Ausländer behandelt werden, einfach aus dem Grund, weil sie keine Chinesen sind. Dass sie trotzdem immer wie Chinesen behandelt werden, kann ziemlich frustrierend sein.

Auf Augenhöhe

Ich persönlich bin froh, Chinesisch auszusehen. Ich mag, dass die Menschen mich dadurch ebenbürtiger behandeln. Denn es ist egal, wie sehr man sich bemüht und z.B. die Sprache lernt – als „echter“ Ausländer bleibt man in China immer etwas besonderes, immer der „wai guo ren“. Auch kann ich dadurch leichter die Sprache lernen. Jeder geht ja sowieso davon aus, dass ich Chinesisch spreche und gibt mir dadurch mehr Gelegenheit zu üben. Von „Westlern” erwarten Chinesen oft, dass sie überhaupt keine Kenntnisse haben (und wenn doch, dann sind sie oft ganz aus dem Häuschen, selbst wenn es nur „ni hao“ und „xie xie“ sind).

Eine kleine Anekdote am Rande: Eine Freundin von mir ist Amerikanerin und spricht fließend Chinesisch. Als ich sie einmal fragte, ob sie sich über Komplimente für ihr Chinesisch freut, hatte sie eine klare Antwort. Sie freue sich schon, aber ein noch größeres Kompliment wäre es für sie, wenn man mit ihr ganz normal spricht und sie nicht merken lässt, dass sie Ausländerin ist.

Außerdem kann ich spüren, dass mich meine andere Wahrnehmung näher an die Menschen hier bringt. Ich bin nicht die Ausländerin, die immer etwas Exotisches hat, sondern „nur” die Chinesin aus dem Ausland. Oft begegne ich Menschen, die sich sehr für mich interessieren und mich mit Fragen löchern – wieso ich ausgerechnet nach China gekommen bin, wie es mir hier gefällt und ob ich nicht lieber in Deutschland lebe als hier.

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Lost in Translation

Es gefällt mir, wie eine von ihnen behandelt zu werden. Auch wenn mein Chinesisch nicht fließend ist und ich noch viel lernen muss, ist das ein sehr großes Kompliment für mich. Es ist auch praktisch beim Feilschen, eher einheimische Preise zu bekommen, da man zu glauben scheint, mich nicht so leicht über’s Ohr hauen zu können wie die „echten” Ausländer.

Die Kehrseite

Aber natürlich gibt es auch Punkte, die mich stören. Manche Leute haben kein Verständnis für meinen Kontakt zu so vielen Ausländern und mein „westliches Verhalten” im Allgemeinen. Ich bin viel unterwegs, oft in der Stadt und komme manchmal spät nach Hause. Brave Chinesinnen tun das nicht (jedenfalls scheint das die gängige Meinung zu sein), und einige erwarten von mir, dass ich mich genauso verhalte.

Ich finde es schade, dass dieses Schubladendenken noch so sehr verbreitet ist. Manchmal habe ich das Gefühl, die Menschen hier sind engstirniger und haben einen weniger weiten Horizont als die Leute in Deutschland. Fakt ist aber (und das ist meine persönliche Erklärung dafür), dass China demographisch viel homogener ist als Deutschland und Ausländer hier immer noch – selbst in Shanghai – eine enorme Minderheit ausmachen. Zudem gibt es nur wenige Berührungspunkte zwischen der chinesischen und der internationalen Gesellschaft. Selbst wenn man miteinander arbeitet, verbringt man seine Freizeit eher unter sich (und das gilt für beide Seiten). Ausnahmen bestätigen natürlich wie immer die Regel, aber das ist schon die übliche Tendenz.

Um ehrlich zu sein habe ich mir vorher nie Gedanken darüber gemacht, was es für einen Unterschied machen würde, asiatisch oder westlich auszusehen. Es verändert den Umgang mit den Menschen stark, aber meiner Meinung nach nicht zwingend auf eine negative Weise. Es ist gut, das im Hinterkopf zu haben, und vor allem negative Erfahrungen nicht persönlich zu nehmen.

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sinonerds-Autor*in

Lina Tran

Lina Tran hat sich nach dem Abitur bei Kulturweit beworben, weil sie das Land ihrer Vorfahren kennenlernen wollte. Geschickt wurde sie dann auch nach Shanghai, wo sie momentan an zwei Mittelschulen im Deutschunterricht assistiert. Wann immer sie kann, packt sie ihre Sachen und verreist. Ihr nächstes Ziel ist der Nordwesten Chinas.

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