Wie traditionelle chinesische Medizin und Schulmedizin sich ergänzen

Lili Wu hatte ich während meines Auslandsjahres in China kennengelernt. Während ich jedoch hauptsächlich an meinen Kulturkompetenzen und Chinesisch-Kenntnissen feilte, nutzte sie ihr DAAD-Stipendium, um in Beijing traditionelle chinesische Medizin (TCM) zu studieren.

Diese alternative Heilkunde ist derzeit in aller Munde – viel Konkretes wissen allerdings nur die wenigsten. Der größte Unterschied zur westlichen Medizin liegt wohl in ihrem Verständnis des Körpers als eine Art Universum, in dem alles zusammenhängt. Sie betrachtet den Menschen mit Körper und Geist als eine Einheit, die mit der Umwelt interagiert und von ihr beeinflusst wird. Krankmachende Ursachen sind hier keine Viren und Bakterien, sondern zum Beispiel Kälte, Wind und Feuchtigkeit. Das Verständnis von Krankheit und ihre Pathophysiologie ist eine gänzlich andere, wie die der Schulmedizin. Wenn sie versucht, die Ursachen nach ihrer Theorie zu behandeln, kann es auch mal dazu kommen, dass der chinesische Arzt gegen Rückenschmerzen einen Aderlass in der Kniekehle oder bei Tumoren in Drüsengeweben Löwenzahn verschreibt. Wissenschaftlich sind diese Konzepte aus schulmedizinischer Sicht umstritten – doch besonders in China schwören viele auf die Methoden der TCM.

sinonerds: Hallo Lili, ich freue mich, dass du etwas Zeit für dieses Interview mit sinonerds finden konntest. Ich würde zu Beginn gerne wissen, wie du zur TCM gekommen bist?

Lili Wu: Hallo Jojo, ich freue mich, dass euch dieses Thema interessiert! Ich habe an der LMU München Medizin studiert und da meine Eltern aus China kommen, habe ich mich schon früh für die traditionelle chinesische Medizin interessiert und mir aktiv einen Doktorvater mit einem Forschungsinteresse in dieser Richtung gesucht. Um genau zu sein, ist er in der Schmerzforschung und hier insbesondere im Bereich Schmerzlinderung durch Akupunktur aktiv. Ich habe während meiner Praktika bei Hausärzten in München dann auch Ärzte, die Akupunktur praktizieren, und deren zufriedene Patienten kennen gelernt. Als mir ein deutscher Arzt dann versuchte, die Grundlagen der TCM zu erklären, obwohl er kein Wort Chinesisch sprechen konnte, fasste ich den Entschluss, direkt in meiner zweiten Heimat China TCM zu studieren. Den habe ich dann 2010-2011 umgesetzt und an der „Beijing University of Chinese Medicine“ einen Jahreskurs belegt.

Was gehört alles zur traditionellen chinesischen Medizin?

Vereinfacht kann man sagen, dass TCM ein Überbegriff für medizinische Therapien ist, die von China in den Westen exportiert wurden. Einige davon sind die Akupunktur, die Phytotherapie, Massagen, das Schröpfen und die Moxibustion. Am zugänglichsten davon ist für viele Menschen im Westen die Akupunktur, da sie körperbezogen und topographisch anzuwenden ist. Die Akupunktur basiert auf dem Verständnis, dass der menschliche Körper von Meridianen durchsetzt ist, auf denen sich die Akupunkturpunkte befinden. Durch eine äußere Stimulation von diesen Punkten können positive Effekte erzielt werden. Das ist der westlichen Medizin, die anatomisch geordnet und reaktionsbezogen ist, gar nicht so unähnlich. Letztendlich ist es aber wichtig, die Theorie dahinter zu verstehen, sonst ist es ja nichts anderes, als sich ‘ne Nadel zu nehmen und irgendwo Punkte zu stechen. Diese Theorie liegt auch den für uns eher abstrakten Anwendungen wie Phytotherapie oder Moxibustion zugrunde. In der chinesischen Medizin wird der Mensch als lebendiges, ganzes Wesen gesehen. Dessen Qi oder Energie muss immer in Bewegung, im Fluss sein. Im Körper bewegt es sich entlang der Meridiane, die den Körper durchziehen. Durch die verschiedenen Methoden der TCM werden bei Problemen die gestörten Meridiane und Organe lokalisiert und durch entsprechende Behandlung kuriert.

Gibt es Gebiete, in denen die chinesische Medizin bessere Ergebnisse liefert, als die westliche Schulmedizin?

Ich komme selbst aus der Schulmedizin und würde daher immer erst alles Organische abklären. Wenn etwas mit der westlichen Medizin behandelt werden kann, sollte man das nicht einfach übergehen. Wenn man aber nichts findet, was die Symptome des Patienten erklären kann, sollte man auch in Betracht ziehen, alternative medizinische Systeme anzuwenden, wozu außer der TCM zum Beispiel auch Homöopathie und Osteopathie gehören. Es passiert nicht selten, dass Patienten von Arzt zu Arzt gereicht werden, weil nichts festgestellt werden kann. Das ist nicht nur teuer, sondern vor allem für den Patienten erschöpfend und frustrierend. Wenn sich so etwas lange hinzieht, kann es zur Chronifizierung von Beschwerden und darüber hinaus zu psychischen Problemen führen. Bis heute wird in Deutschland alternative Medizin oft als allerletztes Mittel angewandt, wenn die Situation meist schon sehr schwerwiegend ist und die Aussicht auf Erfolg sehr gering. Meiner Meinung nach sollten TCM und Schulmedizin sich nicht ausschließen, sondern kombiniert werden.

Wie würde das im Idealfall aussehen?

Wenn jemand mit einer Krankheit zum Arzt geht, die der schulmedizinischen Behandlung bedarf und diese Behandlung Medikamente, Operationen oder andere Eingriffe erfordert, dann kann man zum Beispiel die TCM einsetzen, um die Dosierung von Medikamenten zu reduzieren, postoperative oder andere Schmerzen zu lindern, Nebenwirkungen von Chemotherapie oder Medikamenten zu vermindern und neuen Erkrankungen vorzubeugen.

Wie wird TCM in Deutschland wahrgenommen?

Das kommt wahrscheinlich darauf an, wo man hinsieht. Im niedergelassenen Bereich kommt man schnell an die Grenzen der Schulmedizin, zum Beispiel, wenn Patienten mit allgemeinem Unwohlsein kommen, die aber nicht krank sind und keine Eingriffe benötigen. Bei Beschwerden am Nacken, am Rücken oder bei Migräne sind zwar invasive Eingriffe möglich, aber die sind für Patienten nicht selten ziemlich unangenehm. Niedergelassene Ärzte sind so meist offener für alternative Medizin, da mit weniger invasiven Therapien eine Symptomlinderung oder sogar Heilung möglich ist. In Kliniken ist nicht immer geschultes Personal vorhanden, und alternative Therapien werden eher als Zusatzleistung verstanden, die oft nicht bezahlt und dazu selten von den Kassen übernommen wird. Aber auch hier trifft die TCM jetzt auf immer mehr Akzeptanz bei Ärzten, die sich der Grenzen der Schulmedizin in manchen Bereichen bewusst sind.

Die Entwicklung der letzten Jahre ist also durchaus positiv für die TCM in Deutschland?

Das kann man so sagen. Einerseits durch vermehrte Erfahrung in den Kliniken und gutes Feedback von den Patienten. Andererseits durch positive Ergebnisse in der Forschung. In Deutschland wird viel in den Unikliniken in Berlin, Hamburg und München geforscht. Dort wurde bereits gezeigt, dass Therapien der TCM positive Effekte haben, aber die Forschung steht noch ganz am Anfang.

Hat sich bei der chinesischen Medizin in China in den letzten Jahren etwas geändert?

In der Forschung hat sich viel verändert. Die traditionelle chinesische Medizin zieht ihre Legitimation aus ihrer langen Geschichte und Erfahrung, weshalb es nie eine Forderung nach experimenteller Begründung gab. Als die TCM in den USA und Europa mit der Öffnung Chinas in den 70er Jahren populär wurde, gab es von vielen Seiten Kritik, Zweifel und Neugier an dieser Medizin, was zu vermehrter TCM-Grundlagenforschung in diesen Ländern führte. Diese Welle des ausländischen Interesses nährte in China die Befürchtung, dass die “Westler” die Überhand in der Erforschung der TCM gewinnen könnten. Chinesen sind sehr stolz auf die chinesische Medizin, denn es ist so etwas wie ein chinesisches Kulturgut. Daher gibt es seit längerer Zeit auch in China einen steigenden Trend, die TCM mit schulmedizinischen Methoden zu erforschen und zu entwickeln.

Also ergänzen Methoden der TCM die Schulmedizin im Westen und Methoden der Schulmedizin dienen zur Erforschung der TCM in China?

So kann man das sagen, ja.

Vielen Dank für dieses Interview Lili! Viel Erfolg bei Deiner Doktorarbeit!

Übersetzung der im Text verwendeten Wörter:

Akupunktur und Moxibustion – 针灸 zhēn jiǔ

(Akupunktur – 针刺 zhēn cì, Moxibustion – 灸 jiǔ)

Akupressur- 指压 zhǐ yā (besonders die Tuina Massage – 推拿 tuī ná)

Phytotherapie (Pflanzenheilkunde) – 中草药 zhōng cǎo yào

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sinonerds-Autor*in

Johannes Heller

Jojo studierte Chinastudien und Friedensforschung in Berlin, Nanjing und Brisbane. Akademisch steht für ihn Chinas aktuelle Rolle als regionaler Akteur in Asien im Mittelpunkt. Nebenher entdeckt er gerne neue Musik und Podcasts.

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