Tod im Schnee

In den Fabriken in Chinas nördlichster Provinz Heilongjiang wird ein grausamer Fund gemacht: Zerhackte menschliche Gliedmaßen liegen zwischen Kohlestücken auf dem Förderband.

Die Polizei ermittelt und die Untersuchungen führen das Team um Kommissar Zhang Zili zum Fahrer eines Kohletransporters. Beim Versuch, den Verdächtigen zu verhaften, wird dieser allerdings getötet. Außerdem kommen bei dem Vorfall noch zwei Polizisten ums Leben, und ein weiterer wird schwer verletzt. Nur Zhang Zili überlebt unverletzt. Er wird vom Dienst suspendiert und flieht, beladen mit Schuldgefühlen, in den Alkoholkonsum. Jahre später ist Zhang schwer depressiv und schlägt sich mehr schlecht als recht als Kohlefabrikarbeiter durch.

Eines Tages trifft er zufällig einen alten Polizei-Kollegen wieder, der eine junge Frau observiert. Sie scheint der Schlüssel zum damals ungelösten Fall zu sein, denn alle Todesopfer standen mit ihr in Verbindung. Zhangs detektivisches Gespür ist geweckt und er heftet sich an die Fersen der schweigsamen Schönheit, die in einem Waschsalon arbeitet. Er gibt sich als ein Kunde aus und überwacht sie, aber bald kann er nicht mehr unterscheiden, ob seine Obsession der Aufklärung des Falles gilt oder ob er der kühlen femme fatale längst verfallen ist. Langsam kommt er den Ereignissen von damals auf die Spur und rückt dabei immer mehr ins Visier des Mörders, weil er ihm gefährlich nahe kommt…

Inmitten der immer grauen, von Schneeflocken umwirbelten Landschaft Heilongjiangs hat Regisseur Diao Yinan einen stimmungsvollen Film noir erschaffen. Die alles verschluckende Schwärze der Nacht, das fahle Gelb der Straßenlaternen und das unendlich weite, graue Schneeland dominieren das Bild. In diesem nordischen Klima wird auch das menschliche Miteinander rauer. Die wenigen Menschen, die im Straßenbild auftauchen, eilen in dicken Schals und Pelzmänteln mit hastigen Schritten davon, um so schnell wie möglich wieder zu verschwinden. Beim Besuch im Einwohnerkomitee, das für die öffentliche Verwaltung des Bezirks zuständig ist, bekommt man eine Ahnung, wie weit man hier von hypermodernen, perfekt durchorganisierten Metropolen wie Shanghai entfernt ist.

Dieser Fleck Chinas hat nichts mit diesen hochentwickelten Großstädten gemeinsam: Kärgliche Büroräume und an den Wänden alte, mit Klebestreifen befestigte Poster; eine Kuh, die jemand vergessen hat und seitdem in den Wartefluren Lärm macht, weil sie gemolken werden muss; eine weinende Mutter, die von der Bearbeiterin erstmal eine Tasse heißen Tee aus der Emaille-Thermoskanne bekommt, die noch aus Maos Zeiten stammen könnte; die Bearbeiter selbst, die noch mit handgeschriebenen Karteikarten statt mit Computern arbeiten.

An diesem Ort ohne Namen geschieht alles nach seinen eigenen Gesetzen. Die Staatsmacht, so spürt man jede Minute mehr, hat hier nur einen begrenzten Einfluss und kann sich nur den hiesigen Spielregeln anpassen, nicht aber sie selbst bestimmen. Zivilisten und Polizisten werden auf grausamste Weise umgebracht, aber diese Ungeheuerlichkeiten scheinen vom dichten Schneetreiben eingedämmt und gleichgültig zu werden, denn alles läuft davon unbeeindruckt weiter. Die Menschen gehen wie immer ihren Beschäftigungen nach, und der Himmel lässt die Stadt weiterhin in dichtem Weiß versinken.

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So wirkt Zhang Zili auch sehr allein gelassen in seiner Verfolgungsjagd. Mit jedem Schritt, mit dem er sich der Wahrheit nähert, wird es deshalb für ihn immer gefährlicher. Und je mehr er erfährt, desto dramatischer entwickeln sich die Ereignisse, so dass man bis zum Ende mitbangt, ob Zhang Zili dem Mörder zuvorkommen und den Fall lösen kann. Zhangs Rolle ist die perfekte Adaption des gescheiterten, aber dennoch hartnäckigen Ermittlers, wie man ihn aus so manchen skandinavischen Bestseller-Krimi-Romanen kennt. Von Wehmut und Einsamkeit gezeichnet, ist er kein besonders warmherziger Zeitgenosse und  kein Mann der vielen Worte, wie übrigens auch alle anderen Charaktere im Film nicht. Diao Yinian ist ein grandios erzählter Krimi gelungen, der auch von den großen und kleinen Niederlagen im Leben des Einzelnen erzählt. Er zeigt auch, dass die Frage nach der Schuld häufig komplizierter ist, als es auf den ersten Blick scheint. Sehr schön ist auch, wie sich am Ende der Filmtitel erklärt, was allerdings leider nur Zuschauern zugänglich ist, die chinesisch lesen können.

Weitere Informationen zum Film:

白日焰火 (báirì yànhuǒ)/Black Coal, thin Ice

Volksrepublik China/Hongkong SAR, China 2014 – 106 Min.

Regisseur: 刁亦男 (Diao Yinan)

Darsteller:廖凡 (Liao Fan)

桂纶镁 (Wu Zhizhen)

王学兵 (Wang Xuebing)

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sinonerds-Autor*in

Siyuan He

Siyuan kam bereits als Säugling in die Bundesrepublik und hat in unterschiedlichen Bundesländern gelebt, bis sie schließlich Berlin zu ihrer Heimat auserkoren hat. Ihre Passion fürs Schreiben verbindet sie am liebsten mit dem Kennenlernen neuer Menschen aus anderen Kultur- und Sprachräumen. Momentan setzt sie ihre Erkundungsreise in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba fort, wo es (nicht nur) viele chinesische Geschichten zu erzählen gibt.

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