TOChina 2014 – Alle wollen Chinas Liebling sein

TOChina gruppe

Die TOChina Summer School an der Universität Turin fand in diesem Jahr vom 23. Juni bis zum 4. Juli statt. Etwa 30 Teilnehmer und zehn Experten aus aller Welt diskutierten dort Fragen zu Chinas Wirtschaft, Politik und Gesellschaft. Die Fotos im Beitrag sind vom Autor sowie Kavinda Navaratne, der an der Organisation von TOChina beteiligt war. Bewerbungen für dieses Jahr laufen vom 9. März bis 24. Mai (siehe Infos unten).

Italien mal anders

Turin ist vor allem bekannt für Fiat und Fußball. Die Stadt am Fuße der Alpen zieht im Vergleich mit den anderen Städten Italiens nur die zehntmeisten Besucher an. Doch während Venedig oder Rom in der Gunst der Touristen höher stehen, hat Turin für alle sinonerds eine ganz besondere Attraktion zu bieten: Die TOChina Summer School an der Università degli Studi di Torino. Ich hatte in diesem Sommer die tolle Gelegenheit, an dem zweiwöchigen Programm teilzunehmen.

Wie der Name schon verrät, dreht sich alles im Programm von TOChina um das Land der Mitte. In Kooperation mit mehreren internationalen Partnern (wie z.B. der Zhejiang University in Hangzhou und der Australian National University in Canberra) bringt TOChina jedes Jahr hochkarätige China-Experten zusammen, die ihr Wissen mit den Teilnehmern der Summer School teilen. Bei einer solchen Gelegenheit lässt ein interessiertes Publikum natürlich nicht lange auf sich warten!

Blickwinkel Europa

Die erste Session

Die erste Session

Wer ein anderes Land betrachtet, der wird naturgemäß von seinem eigenen Ausgangspunkt beeinflusst. Dieses Prinzip trifft auch auf TOChina zu: Mitten in Europa gelegen, entwickelt die Summer School einen Fokus, der diese geographische Position widerspiegelt. Das heißt nicht, dass das Programm eine eurozentrische Sicht auf China einnimmt. Vielmehr bietet es interessante Einblicke, welche Bedeutung China für Europa hat und wie Beijings Außenpolitik aus europäischer Sicht wahrgenommen wird.

Während des TOChina-Programms ließ sich aus einigen Vorträgen heraushören, dass in Europa nur drei Länder mehr oder weniger auf Augenhöhe mit China verhandeln. Das sind die zwei Vetomächte im UN-Sicherheitsrat, Großbritannien und Frankreich, sowie die stärkste Wirtschaftsnation Europas, Deutschland. Die übrigen europäischen Länder fallen allzu oft in den Schatten der EU, das von China als ein zusammenhängendes – wenn auch nicht unbedingt politisch geeintes – Gebilde behandelt wird.

Chinas Liebling

Doch auch die politisch und wirtschaftlich schwächeren Länder Europas brauchen die Aufmerksamkeit der Parteiführung aus Beijing. Der spanische Dozent und Experte für internationale Beziehungen Pablo Pareja brachte es auf den Punkt, indem er sagte: „all countries want to be China’s darling.“ Wie für viele Länder der Welt wird der Handel mit China auch für die europäischen Staaten zu einer wichtigen, wenn nicht sogar der zentralen Stütze für ihre Wirtschaft. Doch oft ist das Verhältnis von Ungleichheit geprägt, oder wie Pareja weiter sagte, „Spain is irrelevant to China, but China is crucial to Spain.“

Auf dem Campus

Auf dem Campus

Angesichts ihrer relativen wirtschaftlichen Schwäche versuchen die europäischen Staaten im Mittelmeerraum ihre Bedeutung für China auf andere Weise zu festigen. Spanien hofft, für China eine Vermittlerrolle in Verhandlungen mit lateinamerikanischen Ländern einzunehmen. Italien glaubt, seine Häfen könnten ein wichtiger Faktor in Chinas Afrikapolitik sein. Und sogar Malta hat einen Vorschlag, wie es China weiterhelfen könnte: Alexander Trigona, der Sondergesandte des Premierministers hatte die originelle Idee, China bei der Verbreitung seiner Soft Power in Europa zu unterstützen.

Die Wiederbelebung der Seidenstraße

Das Stichwort Soft Power löst eine ganze Flut von Assoziationen aus, und oft ist der Begriff nicht ganz klar zu erfassen. Doch wenigstens ein Aspekt in Chinas Außenpolitik scheint mit Sicherheit Soft Power zu enthalten, nämlich die „Wiederbelebung der Seidenstraße“. Unter diesem Motto promulgiert die politische Führung um Xi Jinping seit Oktober letzten Jahres eine verstärkte wirtschaftliche Zusammenarbeit mit China. Der fast mystische Begriff der Seidenstraße tut seine Wirkung. Sowohl auf dem Seeweg (durch das Südchinesische Meer, den Indischen Ozean, den Persischen Golf und bis hinein ins Mittelmeer) als auch auf dem Landweg (durch Zentralasien und den Mittleren Osten bis nach Europa) zeigen sich viele Länder begeistert von dem Vorschlag aus Beijing. Unter anderem haben die Regierungen von Malaysia, Indonesien und Sri Lanka, aber auch von Kasachstan und neuerdings Griechenland bereits grünes Licht für die neue Kooperation gegeben.

Die „Wiederbelebung der Seidenstraße“ hat inzwischen eine eigene Dynamik entwickelt, die um einiges reizvoller ist als etwa ein schnödes bilaterales Wirtschaftsabkommen. Die Verbreitung der Idee einer neuen Seidenstraße im 21. Jahrhundert in chinesischen und westlichen Medien spricht für eine kluge Wirtschaft-und-Soft-Power-Strategie aus Beijing. Es darf mit Spannung erwartet werden, welche Vorschläge und Abkommen Chinas Führung aus ihrer Wundertüte der wieder erschaffenen Seidenstraße ziehen wird, und wie diese von dem Rest der Welt aufgenommen werden.

China – Ein globales Projekt

Eines ist schon jetzt klar: Chinas wirtschaftliche Ausdehnung ist ein globales Projekt. Die Debatten, die dieser große Einfluss erzeugt, sind ebenfalls von globaler Reichweite. Die Experten und Teilnehmer der TOChina Summer School in ihrer Edition 2014 kamen aus Amerika, Australien, China, Dänemark, Deutschland, Israel, Italien, Griechenland, Malta, Mazedonien, Schottland, Spanien und den Vereinigten Arabischen Emiraten, wenn ich nicht gar ein paar Länder vergessen habe. Diese bunte Mischung zeugt von der beeindruckenden Wirkung, die China auf der internationalen Bühne hat – und dem großen Diskussionsbedarf, den es damit entstehen lässt.

Lichthof im Unigebäude

Lichthof im Unigebäude

TOChina auf einen Blick:
  • Summer School (Ende Juni bis Anfang Juli) einmal jährlich in Turin
  • http://www.tochina.it/training/tochina-summer-school/
  • Bewerbungen für 2015 von 9. März bis 24. Mai
  • Bewerbungsvoraussetzungen: Ein abgeschlossenes Studienjahr mit Fokus auf China, gute Englischkenntnisse
  • Bis zu 40 Teilnehmer, vor allem Doktoranden und Master-Studenten
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sinonerds-Autor*in

Lewe Paul

Lewe hat Chinastudien an der Freien Universität Berlin studiert und in Australien einen Master in Asia Pacific Studies gemacht. Er ist begeistert von der chinesischen Sprache, liebt Taiwan und lebt zurzeit in Berlin.

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