Tee in der Kulturrevolution

Die Kulturrevolution (1966-76) ist uns als Zeit großer Umwälzungen und Aufstand gegen alles Alte und Überholte bekannt. Die Annahme liegt nahe, dass Tee als eines der ältesten sozialen Getränke Chinas von diesen Veränderungen nicht ausgeschlossen war. Ein Getränk, dass dem Kaiser als Tribut gegeben wurde, konnte doch unmöglich seinen Status beibehalten. Doch die Realität sah anders aus.

Die Chinesische Führung und der Tee

Es ist Ende Juli 1921 und ein Dutzend junger Revolutionäre treffen sich in Shanghai, um die Kommunistische Partei Chinas zu gründen. Erfrischende Getränke dürfen in der Sommerhitze natürlich nicht fehlen und so steht eine Kanne Tee mit auf dem Tisch.

Die Vorliebe chinesischer Kader für das belebende Getränk sollte auch nach der Gründung der VR China nicht abreißen. Der Zugang zu hochwertigem Tee für hochrangige Kader wurde durch das System der „Bereitstellung spezieller Anforderungen“ (特需供应 tè xū gōng yìng, kurz 特供) sichergestellt, das auch während der Kulturrevolution existierte. Für Mao selbst war Tee anscheinend unverzichtbar, denn wie einer seiner Ärzte berichtete, zog der Vorsitzende am Morgen eine Tasse Tee dem Zähneputzen vor, was gar zu einer grünen Färbung seiner Zähne führte.

Während für die höheren Parteikader der Tee zur Verfügung gestellt oder zum Erwerb angeboten wurde, war er für die normale Bevölkerung nicht durchgehend erhältlich. In Zeiten, in denen Tee Mangelware war, wurde die Maxime 以水代茶 (yǐ shuǐ dài chá) angewandt und “heißes Wasser statt Tee” getrunken.

Teeproduktion in der Kulturrevolution

Foto: Arseny Knaifel

Die Zeiten des Mangels waren Folge der verfehlten Politik des Großen Sprungs und die darauffolgenden Jahre der Hungersnot. In dieser Zeit wurden fast 50% der Teeanbaufläche in Chinas zerstört (die Anbaufläche nahm von 401.000 ha auf 211.000 ha ab) und die Teeproduktion war dementsprechend am Boden. In den frühen 1960er Jahren wurde daher viel Energie in den Wiederaufbau dieses Industriezweigs gesteckt. Mit der Kulturrevolution wurde diese Politik nicht eingestellt, sondern noch stärker vorangetrieben. Zwischen 1966 und 1976 wuchsen die Anbauflächen in China um mehr als 200% von 378.000 ha auf 963.000 ha. Ein Grund für die Weiterführung und Förderung von Teeanbau liegt in der Aufforderung Maos von 1958, “an Berghängen mehr Tee anzubauen” (以后山坡上要多多开辟茶园 yǐ hòu shān pō shàng yào duō duō kāi pì chá yuán).

Der massive Anbau von so viel Tee in kurzer Zeit hatte jedoch seine Tücken. Zum einen wurde eine Methode zum Anbau aus Samen verwendet, die zwar schnellen Anbau auf großer Fläche ermöglichte, jedoch kaum hochwertige Teepflanzen hervorbrachte. Zum anderen brauchen Teepflanzen bis zu sieben Jahre, um genug Tee zu produzieren, dass sich das Geschäft rentiert. Das hatte zur Folge, dass die Erfolge des großflächigen Teeanbaus erst in den 1980er Jahren richtig zu greifen waren und dass die Qualität des produzierten Tees nicht besonders hoch war. Daher mussten später viele Hektar Land neu bepflanzt werden.

Teehauskultur in der Kulturrevolution

Trotz der massiven Ausweitung des Teeanbaus gab es einen Teil der Teekultur, der massiv unter der Kulturrevolution litt: das traditionelle Teehaus. Zwar ist nicht verbrieft, dass alle Teehäuser geschlossen wurden – eine massive Reduzierung der Zahl der Teehäuser lässt sich jedoch zweifellos feststellen. Der Grund dafür liegt wahrscheinlich darin, dass es in der Natur von Teehäusern liegt, Räume für politische Diskussionen und politischen Dissens zu bieten. Das hatten schon Beamte in der Qing-Dynastie und der Republik China festgestellt, woraufhin sie  versuchten, solche Bewegungen durch ein Verbot politischer Diskussionen und das Aufhängen entsprechender Spruchbänder (莫谈国事 oder 勿谈国事 mò / wù tán guó shì “Diskutiere keine nationalen Angelegenheiten”) zu unterbinden. Die Quellenlage für die Kulturrevolution ist alles andere als befriedigend, aber es liegt nahe, dass die meisten Teehäuser aufgrund ihrer politischen Brisanz kurzerhand dicht gemacht wurden.

Foto: Arseny Knaifel

Erst nach der Kulturrevolution konnte sich die Teehauskultur langsam erholen, aber abgesehen von Chengdu hat sie nirgendwo ihren ehemals so weitreichenden Einfluss wieder aufbauen können. Die Einführung des neuen Trendgetränks Kaffee und die Etablierung zahlreicher anderer Einrichtungen, die sich auf das Servieren von Getränken und den sozialen Austausch spezialisieren (wie z.B. Cafés und Bars), machen es den Teehäusern schwer, richtig Wurzeln in der heutigen chinesischen Gesellschaft zu schlagen.

Tee in der Kulturrevolution?

Gab es nun Tee in der Kulturrevolution? Wir können uns sicher sein, dass Tee in Kaderkreisen getrunken und außerdem verstärkt angebaut wurde. Die Ansicht, dass Tee wie andere traditionelle Kulturgüter behandelt wurde, stimmt also nicht. Was jedoch stark gelitten hat, ist die soziale und politische Dimension des Teetrinkens, die durch die Schließung vieler Teehäuser massiv eingeschränkt wurde.

Mehr zum Thema Tee gibt es auf der Seite des Spotlights Tee.

Bilder: © Arseny Knaifel

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sinonerds-Autor*in

Johannes Heller

Jojo studierte Chinastudien und Friedensforschung in Berlin, Nanjing und Brisbane. Akademisch steht für ihn Chinas aktuelle Rolle als regionaler Akteur in Asien im Mittelpunkt. Nebenher entdeckt er gerne neue Musik und Podcasts.

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