Tanz und Pfiffe in der Guba Chengshi

Die kubanische Gemeinschaft in China ist nicht weltbekannt, aber lebensfroh und im Wachstum begriffen. Bilaterale Förderung und Zusammenarbeit in vor allem im Bereich der Kunst sind Ausdruck der staatlichen Unterstützung dieser engen Beziehung.

Es ist Freitagabend und in den Straßen von Sanlitun dröhnen Beats von den umliegenden Clubs und Bars. An der Ecke übergibt sich ein Engländer, der wohl zu viel getrunken hat, während reich aussehende Europäer von wunderschönen Chinesinnen umschlungen durch die Gassen taumeln. Doch erst nachdem man ein paar Blocks weiterläuft, merkt man, wo die echte Party stattfindet. In einem dunklen, scheinbar verlassenen Hinterhof zieht man eine schwere Tür auf und sofort strömen Reggaeton und Salsaklänge auf die Straße hinaus. ¡Ven pa’ aca mami, vamos a bailar! Innen bewegen selbstbewusste latinas stolz ihre Hüften und manche trauen sich sogar auf die Bühne, während die Männer pfeifen und klatschen. Ist ihr Tanz besonders schön und leidenschaftlich, dann gipfelt die Zustimmung des Publikums in einem großen Jubel.

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Sobald ich das Spanisch höre, welches hier überall gesprochen wird – das Spanisch in dem alle Konsonanten wegfallen und somit für jeden anderen latino fast unverständlich wird, – weiß ich sofort, dass ich von Kubanerinnen und Kubanern umgeben bin. Da ich selber Verwandte aus Kuba habe, fühle ich mich in Pekings kubanischer Gemeinschaft wohl. Das Einzige, das mich von Anfang an verwundert, ist die Frage, warum es so viele von ihnen hier gibt. Es ist nämlich nicht leicht, aus dem Inselstaat auszureisen, und viele, die es doch tun, sind Auswanderer mit ausländischen Pässen. Während das barrio chino (chinesisches Viertel) in Havanna mittlerweile relativ bekannt geworden ist, hört man von der gǔbā chéngshì (古巴城市) in Peking noch ziemlich wenig.

Bilaterale Förderung und Bildung

Javier ist kein lǎowài, wie er oder sie manchmal prototypisch dargestellt wird. Er hat keinen teuren Privatschulhintergrund in den USA oder Europa und ist auch kein Firmenbesitzer. Er kommt aus einem winzigen Dorf in Kuba und hatte nie genug Geld um die Insel zu verlassen. Aufgrund seiner guten schulischen Leistungen entschied sich der kubanische Staat diesen jungen Mann zu fördern und nach China zu schicken, wo er bereits drei Jahre lebte, als ich ihn März 2013 in einem Fitnessstudio zufällig kennenlernte. Beim gemeinsamen Gewichteheben erzählte er mir nach und nach, dass er in China ein Masterstudium in Nanotechnologie verfolge und gleichzeitig Spanisch unterrichte. Viele seiner Ausgaben werden vom kubanischen Staat übernommen, ein Förderungstrend welcher, laut Javier, immer üblicher wird, je enger sich die Beziehung zwischen den beiden Ländern gestalten.

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Ein weiteres Beispiel dieser bilateralen Bildungsentwicklung ist die Escuela de Amistad Cuba-China (kubanisch-chinesische Freundschaftsschule). Diese gibt es schon seit dem Jahre 1964 und repräsentiert seitdem die Bemühungen beider Länder sich entgegen zu kommen. In dieser Schule können chinesische und kubanische Kinder miteinander spielen und mehr über einander lernen. Außerdem nehmen sie aktiv an dem Leben der kubanischen Gemeinschaft Pekings teil, zum Beispiel indem sie zu speziellen Feiertagen Musik und Tänze vorbereiten. Als Fidel Castro im Jahre 2006 krank wurde, schrieben die chinesischen and kubanischen Schüler sogar Grußkarten an ihren abuelo, um ihm gute Besserung zu wünschen.

Kubanische Kunst in China: ein Meilenstein

Nicht nur in der Bildung kommen sich die Kuba und China näher, sondern auch in der Kunst. Im Sommer 2012 fand eine Ausstellung in Peking statt, die für die Beziehung der beiden Nationen von großer Bedeutung war. Rene Francisco Rodriguez, ein Kunstlehrer aus Havanna, der mit seinen Schülern immer versucht, moderne und sozio-kulturell relevante Kunst zu schaffen, wurde nicht nur zum ersten Mal in einer Einzelausstellung in China präsentiert, es war auch das erste Mal, dass es eine kubanische Kunstausstellung in China überhaupt gab. Als „Work in Progress“ in Pekings 798 Art District eröffnet wurde, war die Ausstellung deshalb von großer diplomatischer Bedeutung und die kubanische Gemeinschaft war auch mit Lachen und Tanzen dabei. Selbst in Deutschland habe ich selten so viele Kubaner/innen an einem Ort getroffen. Die ganze Nacht wurde Salsamusik gespielt und auf kubanische Weise zubereitetes Schweinefleisch genossen. Sogar der berühmte Musiker Kelvis Ochoa trat anlässlich der Eröffnung auf und sorgte mit seinen fröhlichen Beats für gute Stimmung.

Die Kunst selbst war auch nicht so stark zensiert worden, wie es viele China- und Kuba-Skeptiker erwartet hatten. Ganz im Gegenteil: die Kunst sprach soziale und politische Fragen an, welche für beide Länder relevant waren. Die Ausstellung war also nicht nur von diplomatischer, sondern auch von gesellschaftlicher Bedeutung und das Publikum schien begeistert.

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Pekings kubanische Gemeinschaft: ein Symbol der Süd-Süd-Zusammenarbeit?

Javier und die vielen anderen Kubaner/innen, die man heute in China trifft, sind Zeichen einer aufregenden Entwicklung, die gerade in den Machtverhältnissen der Welt stattfindet. Die stetig wachsende Zahl von Europäern in China war schon lange eine Konsequenz des wirtschaftlichen Einflusses von China auf Europa. Die kubanische Gemeinschaft in Peking, auch wenn sie um einiges kleiner ist als die Europäische, ist auf gleiche Weise ein Symbol dafür, wie aktiv China in Kuba und vielen anderen Entwicklungsländern ist. China ist mittlerweile der zweitwichtigste Handelspartner für den Inselstaat. Die Tatsache, dass viele Kubaner/innen wie Javier jetzt Chinesisch lernen, zeigt, dass die Beziehung der Länder nicht nur von materieller Bedeutung ist, sondern auch im Austausch von Ideen eine wichtige Rolle spielt.

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In Pekings gǔbā chéngshì wird also zunächst erstmal weitergetanzt. Aber ist es nicht die einzige Community, die dank Chinas Zusammenarbeit mit Entwicklungsländern wächst. Generell wird China, vor allem seit der Wirtschaftskrise 2008, zunehmend ein Ziel für aufstrebende Unternehmer, die in Peking oder sonst wo ihre eigenen Communities aufbauen. Wenn man in internationalen Städten wie Peking, Shanghai oder Guangzhou lebt, sollte man deshalb die Möglichkeit nutzen, auch mehr über die Geschichte nicht-europäischer laowais herauszufinden. Diese Geschichten sind oft ganz anders… und mindestens genauso aufregend.

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Titelbild: China Grunge Flag und Cuba Grunge Flag wurden von Nicolas Raymond erstellt (free for personal, educational and non-commercial usage). Alle Fotos im Artikel sind von der Autorin.

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sinonerds-Autor*in

Carolynn Look

Carolynn Look studiert Chinesisch und Entwicklungsstudien an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in London. 2012/2013 verbrachte sie ein Studienjahr in Peking, wo sie sich im Rahmen eines Forschungsprojektes auf Graffiti in China spezialisierte. In ihrer Freizeit liebt sie es zu kochen und zeichnet gerne Comics.

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