Taiwans Corona-Politik: Lehren für Deutschland?

Wie Taiwan die Verbreitung des Virus von Beginn an kontrollieren konnte und was andere Länder davon lernen können

Taiwan wird in der Berichterstattung über Corona-Politik oft als Musterbeispiel demokratischer Regierungspolitik gegen das Virus genannt. Bisher (Stand 25.05.2021) verzeichnet die Insel insgesamt nur 5456 Infizierte und 37 Todesfälle in Zusammenhang mit Covid-19. Nach mehr als einem Jahr Kampf mit der Pandemie wird für Deutschland ein kleines Licht am Ende des Tunnels sichtbar. Dieser Fakt täuscht jedoch nicht darüber hinweg, dass die bisherige Corona-Politik der Bundesregierung insgesamt oft als zu langsam, zu unübersichtlich und zu bürokratisch empfunden wird. Sehnsüchtig blicken einige dann zu den demokratischen Ländern, die in Sachen Pandemiebekämpfung durchaus als Vorbilder bezeichnet werden können, z.B. Korea, Australien, Neuseeland und auch Taiwan. Doch wie haben diese Länder die Pandemie so gut gemeistert? Inwiefern unterscheiden sich deren Maßnahmen von den Ansätzen in Deutschland? Und vielleicht am Wichtigsten: was können wir von ihnen lernen, um für die nächste Epidemie gewappnet zu sein?

Eine wichtige Gemeinsamkeit dieser Nationen ist, dass sie nicht über den Landweg erreichbar sind. Zwangsweise muss also eine legale Einreise über regulierte Grenzübergänge an Flug- und Schiffshäfen erfolgen. Dies erleichtert verständlicherweise die Überwachung und Quarantäne potenziell infizierter Einreisender deutlich. In der EU profitieren und schätzen wir im Alltag die offenen, unkontrollierten Grenzen zu unseren Nachbarländern. Das eine Wiedereinführung von Grenzkontrollen in Krisenzeiten dennoch möglich ist, konnten wir im Herbst 2020 beobachten. In Absprache mit den anderen Mitgliedsländer der EU könnte man auch eine strikte Quarantänepflicht beim Passieren der EU-Außengrenze einführen und dadurch idealerweise eine Ausbreitung der Epidemie in der gesamten EU unterbinden. 

Ein anderer wichtiger Faktor, der in Deutschland oft übersehen wird und den besonders Korea und Taiwan gemein haben, ist Erfahrung. Viele der wichtigen Gesetze und Mechanismen der Infektionsbekämpfung, die in dieser jetzigen COVID-19-Pandemie die Wirtschaft, die mentale Gesundheit der Bevölkerung und viele Menschenleben retten, wurden in Folge der SARS-Pandemie 2002/2003 in Taiwan und der MERS-Pandemie 2006 in Südkorea eingeführt. Die wichtigsten Maßnahmen, die in Taiwan damals und in dieser Pandemie ergriffen wurden, um dem Corona-Virus Einhalt zu gebieten, wollen wir uns genauer ansehen. 

Taiwan wurde durch die SARS-Pandemie 2002/2003 viel härter getroffen als zum Beispiel Deutschland. Der Inselstaat, der flächenmäßig in etwa so groß wie Baden-Württemberg ist, verzeichnete damals 73 Tote, darunter viele Mitarbeiter des Gesundheitssystems. Insgesamt wurden damals auf der Insel knapp 131.000 Menschen in Quarantäne geschickt. Im Vergleich dazu zählte Deutschland am Ende der SARS-Pandemie gerade einmal sieben Infizierte und keinen einzigen Todesfall. Während man hierzulande also größtenteils verschont blieb, leitete Taiwan eine Reihe von teilweise radikalen Schritten ein, um einer solche Tragödie in der Zukunft zuvorzukommen. Das wichtigste Mittel dabei war die Stärkung und Erweiterung des lokalen Infektionsschutzgesetzes, dass die gesetzliche Grundlage für das Regierungshandeln in Pandemiezeiten bildet und seitdem regelmäßig angepasst wurde.

Das reformierte Infektionsgesetz schreibt vor, dass in jedem von Taiwans insgesamt 22 „Counties“ (in etwa Landkreisen) ein Spezialkrankenhaus ausschließlich für Infektionskrankheiten vorhanden sein muss. Diese verfügen neben Intensivbetten auch über spezielle Unterdruck-Isolationszimmer für besonders gefährliche Erreger. Als weitere Maßnahme schreibt das Gesetz die Anschaffung eines strategischen Vorrats an Masken und Schutzausrüstung vor. Wenn man bedenkt, dass die Bundesregierung 2020 mehrere Milliarden Euro für den Ankauf der vergriffenen chirurgischen und FFP2-Masken ausgab, kann man schnell erkennen, wie bedeutend ein strategischer Vorrat dieser lebensrettenden Hilfsmittel sein kann. In Taiwan richten sich die genauen Lagermengen und Bettenkapazitäten dabei an den Bevölkerungszahlen in den einzelnen Counties.

Auf administrativer Ebene wurde in den Jahren nach der SARS-Pandemie als weitere wichtige Maßnahme die Einrichtung eines „Central Epidemic Command Centers“ (CECC) in Pandemiezeiten festgelegt. Bei Ausbruch einer Epidemie hat das CECC höchste Autorität, sorgt für die Zusammenführung von Informationen aus verschiedenen Quellen und koordiniert als Zentralstelle die Arbeit aller anderen Ministerien. Einem Kompetenzgerangel und Flickenteppich von Regeln, wie man ihn teilweise in Deutschland erlebt hat, wird damit vorgebeugt. Darüber hinaus sind Ärzte und Krankenhäuser im Land dazu verpflichtet, relevante Angaben über die Epidemie so schnell wie möglich an das CECC weiterzugeben. 

In der COVID 19-Pandemie wurde das CECC mit dem taiwanischen Gesundheitsminister an der Spitze bereits am 20. Januar 2020 mit dem Kampf gegen die Epidemie beauftragt. Beraten wird es dabei von einer unabhängigen Expertengruppe mit Spezialisten aus den Bereichen Infektionskrankheiten, klinische Medizin, Epidemiologie, Laborwissenschaft und Pflege. Um die neusten Informationen und Entwicklungen in Bezug auf die Epidemie effektiv mit der Bevölkerung zu kommunizieren, hält das CECC, ähnlich wie das Robert-Koch-Institut, eine tägliche Pressekonferenz ab.

Ein weiterer entscheidender Schritt in der taiwanischen Reaktion auf die sich anbahnende Covid-19-Pandemie war die frühzeitige Schließung der Grenzen gegenüber dem Ausland. Schon am 31. Dezember 2019 führten die taiwanischen Behörden nach einer internen Analyse der Nachrichten aus Wuhan eine On-Board Untersuchung der Passagiere auf Direktflügen aus der chinesischen Stadt ein, die bis März 2020 schrittweise in eine 14-tägige, verpflichtende Einreisequarantäne für Einreisende aus allen Ländern ausgeweitet wurde. Einreisende werden am Flughafen in designierten Taxis oder Bussen abgeholt und zum Ort ihrer Heim- bzw. Hotelquarantäne transportiert. Um sicherzustellen, dass diese auch eingehalten wird, müssen alle Personen bei der Grenzkontrolle eine App herunterladen, mit der der Aufenthaltsort des Handybesitzers jederzeit überprüft werden kann und welche die Behörden alarmiert, wenn jemand seinen Quarantänestandort verlässt oder das Telefon ausschaltet. Personen ohne Smartphone wird ein solches Gerät für den Zeitraum der Quarantäne bereitgestellt. Zusätzlich werden die Menschen in Quarantäne mindestens einmal täglich zu unregelmäßigen Zeiten angerufen, um sicherzustellen, dass sie das Haus nicht ohne ihr Handy verlassen haben. Bei Verstoß gegen die Quarantäneregeln drohen je nach Schweregrad abschreckende Bußgelder zwischen 2.500€ und 27.000€, die auch von den Gerichten ausgereizt werden. In Deutschland können zwar auch Bußgelder bis zu 25.000€ und im schlimmsten Fall sogar eine Gefängnisstrafe bis zu fünf Jahren verhängt werden, doch ohne eine funktionierenden Kontrollmechanismus wirken diese Regeln wie ein zahnloser Tiger. Und auch eine Pflicht zur Meldung von Verstößen gegen die Corona-Richtlinien gibt es in Deutschland nicht. 

In Taiwan konnte durch die umfassende und frühzeitige Kontrolle der Ausbreitung des Virus auch die Kontaktverfolgung der bestätigten Fälle viel genauer und präziser erfolgen. Personen, die in den letzten 14 Tagen das Land betreten hatten, konnten schnell über eine integrierte, digitale Datenbank der Gesundheits- und Grenzbehörden ausfindig gemacht und in Quarantäne geschickt werden. Als Vorsichtsmaßnahme waren zu Beginn der Pandemie in Taiwan auch die Schulen eine Zeit lang geschlossen und Unternehmen wurden aufgefordert, ihre Mitarbeiter im Home Office arbeiten zu lassen. Bereits seit Ende Mai 2020 konnten diese durch die effektive Eindämmung des Virus und der Verhinderung von eingeschleppten neuen Fälle wieder ihren regulären Abläufen nachgehen.

Ähnlich wie in Deutschland kam es auch in Taiwan zur Schließung von Schulen, der Einführung von Online-Unterricht und der Aufforderung an Unternehmen, die eigenen Mitarbeiter im Home Office arbeiten zu lassen. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch darin, dass dies als Vorsichtsmaßnahme  direkt zu Beginn der Pandemie geschah und nicht erst als verzweifelter Versuch, die exponentiell ansteigenden Infektionszahlen wieder unter Kontrolle zu bringen. . Bereits seit Ende Mai 2020 konnten diese Maßnahmen aufgrund der effektiven Eindämmung des Virus und der Verhinderung von eingeschleppten neuen Fällen wieder aufgehoben werden. Die Schülerinnen und Schüler konnten in die Schule und die arbeitende Bevölkerung an ihren Arbeitsplatz zurückkehren und auch das Tragen von Masken rückte allmählich in den Hintergrund.

Derzeit (Stand 16.05.2021) kämpft das Land jedoch wieder mit mehr als 180 neuen lokalen Infektionen, deren Ursprung noch nicht vollständig geklärt ist. In Folge dessen wurden Kinos, Stadien und Bibliotheken wieder geschlossen, die Pflicht zum Maskentragen im Freien wurde erneut eingeführt und in Restaurants müssen Abstandsregeln eingehalten werden. Der Virus führt einmal wieder schmerzhaft vor, dass eine Bevölkerung ohne vollständigen Impfschutz zu jeder Zeit auf der Hut sein muss.

Kann Deutschland also etwas von Taiwan lernen? Wie können wir uns für die nächste Pandemie besser aufstellen? Die bis heute sehr niedrigen Fallzahlen scheinen zu bestätigen, dass Taiwan aus der SARS-Pandemie 2002/2003 die richtigen Schlüsse gezogen hat. Angefangen bei der Vorratsbeschaffung von Schutzausrüstung, über die zentrale Organisation der Pandemiebekämpfung über das CECC, bis hin zur strengen Kontrolle der verpflichtenden Quarantäne mit Hilfe von Standortbestimmung. Doch lassen sich diese Regeln auch in Deutschland umsetzen? Besonders die Standortermittlung durch die Behörden und die Weitergabe von persönlichen Daten von Infizierten zur Kontaktverfolgung dürften bei viele Menschen in Deutschland für Unbehagen sorgen, sind wir doch durch  unsere Geschichte gebrandmarkt, wenn es um die Einschränkung von allgemeinen Freiheiten und Grundrechten geht und das auch zurecht.

Andererseits muss man auch anerkennen, dass zum Beispiel die Zwangsquarantäne und digitale Ortsbestimmung von potentiell Infizierten in diesem sehr speziellen Fall Leben retten. In Anbetracht der Tatsache, dass Pandemien durch die starke Vernetzung der Menschen und ihr Vordringen in die letzten Ecken des Planeten in Zukunft wohl häufiger werden, bleibt die Frage: Was wiegt schwerer, kurzfristige und drastische Eingriffe in die persönlichen Freiheiten der Bürger oder Millionen Stunden verpasster Unterricht, Milliarden Euro wirtschaftlicher Schaden und viele tausende Menschenleben? Die taiwanische Bevölkerung hat ihre Meinung schon gefällt. Mehr als 70% der Taiwaner sind mit der Corona-Politik ihrer Regierung zufrieden.

Beitragsbild Photo by Fusion Medical Animation on Unsplash

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sinonerds-Autor*in

Clemens Ruben

Clemens hat Chinastudien in Berlin und Peking studiert und inzwischen mehr als sieben Jahre in China und Taiwan verbracht. Besonderes Interesse pflegt er für chinesische Geschichte sowie für aktuelle Politik und Gesellschaft. Wenn er nicht gerade Hotpot isst, dann arbeitet er als Übersetzer (CH-DE, CH-EN) und Deutschlehrer. Man kann ihn auch auf Twitter (@chinaimbiss) und Instagram (@china.imbiss) erreichen.

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