Schüleraustausch in Zhengzhou: „Immer, immer und immer wieder!“

Im Alter von 16 Jahren als Austauschschüler/in den Schritt nach China wagen – das ist eine große Herausforderung, der sich immer mehr Teenager stellen. Lina Wagner, heute 17 Jahre alt, ist eine von ihnen. Die aus Graz stammende Österreicherin verbrachte mit Hilfe der Austauschorganisation Experiment e.V. sieben Monate in der Provinzhauptstadt Zhengzhou. Mit sinonerds spricht sie über ihre Motivation, ihre Gastfamilie und die Herausforderungen des chinesischen Schulalltags.

Provinzhauptstadt Zhengzhou Photo courtesy of Mark Nan Tu / Wikimedia Commons

Provinzhauptstadt Zhengzhou

sinonerds: Nicht viele europäische Jugendliche setzen sich intensiv mit dem Land China auseinander. Warum hast Du angefangen, Dich für China zu interessieren?

Lina Wagner: Ich habe schon immer sehr gerne fremde Sprachen gelernt. Als ich mich dann im Gymnasium mit einem Mädchen anfreundete, dessen Mutter Chinesin ist, erschien es mir daher ganz natürlich, sie über die chinesische Sprache auszufragen. Die Einführung, die ich erhielt, ließ meine Liebe für das Chinesische erwachen, und ich bat meine Eltern darum, richtigen Sprachunterricht nehmen zu dürfen. Meine Chinesischlehrerin hat mich dann nicht nur in die chinesische Sprache, sondern auch in die Kultur eingeführt. Wir haben zusammen Chinesisch gekocht, und sie hat mir Musik aus China vorgespielt. Irgendwann war dann bei mir der Punkt erreicht, an dem ich China selbst erleben wollte – das war der Anfang von meinem Traum vom Schüleraustausch.

Du hast Deinen Schüleraustausch in Zhengzhou (郑州 Zhèngzhōu) verbracht. Wie hast Du die Hauptstadt der Provinz Henan (河南 Hénán) empfunden?

Als ich noch in Österreich war, erschien mir Zhengzhou riesig, da die Stadt mehr Einwohner hat, als ganz Österreich. Acht Millionen Einwohner klingt einfach gigantisch, und ich hatte keinerlei Vorstellung davon, was es heißt, in so einer großen Stadt zu wohnen. Als ich dann dort war, fühlte sich Zhengzhou gar nicht so groß an. Trotzdem war die Stadt ganz anders, als jede Stadt, die ich aus Österreich oder Europa kannte. Die Gebäude sahen sich alle so ähnlich, und alles war irgendwie grau. Außerdem gab es kein richtiges Stadtzentrum. Was mir gut gefallen hat, waren die Museen. Zhengzhou hat viele Museen, die gut organisiert und schön gestaltet sind.

Ein halbes Jahr lang warst Du chinesisches Familienmitglied. Wie hast Du das Familienleben in China erlebt?

Als sehr herzlich. Mein Gastvater war viel unterwegs, weil er in Xi’an (西安 Xī’ān) gearbeitet hat, und war eigentlich immer nur alle drei Wochen zu Hause. Meine Gastmutter war Lehrerin und musste sehr viel unterrichten und zu Hause Schulaufgaben korrigieren. Trotzdem hat sie sich sehr viel Zeit für mich genommen und sich um mich gekümmert. Wir hatten diese schöne Tradition, dass wir abends immer zusammen Tee getrunken und gequatscht haben. Meine Gasteltern hatten auch einen älteren Sohn, meinen Gastbruder. Er lebte und arbeitete in Shanghai. Das Familienleben war ganz anders, als ich es aus Österreich kannte. Das gemeinsame Essen am Samstag wurde sehr wichtig genommen, und jedes Wochenende hat sich die gesamte Großfamilie zusammengefunden – also auch die Geschwister meiner Gasteltern und deren Familien. Dieses Zusammengehörigkeitsgefühl fand ich sehr beeindruckend.

Was kannst Du uns über Deinen chinesischen Schulalltag erzählen?

Bevor ich nach China aufbrach, hatte ich schon viel über das chinesische Schulsystem gelesen. Was mich vor Ort trotzdem überrascht hat, war die hohe Anzahl von Schülern in einer Klasse und der Unterrichtsstil. Alles war Frontalunterricht, und es wurde fast überhaupt keine aktive Mitarbeit im Unterricht gefordert. Dazu gab es die langen Schulzeiten, manche meiner Mitschüler waren von 6 Uhr morgens bis 22 Uhr abends in der Schule. Das hat es mir schwer gemacht, mich mit Leuten in der Schule anzufreunden. Trotzdem hatte ich das Glück, ein paar Freunde zu finden. Meine Lehrer waren auch freundlich und hilfsbereit, besonders mein Englischlehrer, der auch mein Klassenvorstand (österreichisch für Klassenlehrer, Anm. der Redaktion) war. Ich bin mir immer willkommen vorgekommen, das war ein schönes Gefühl.

Das Leben in einem fremden Land ist nicht immer einfach. Was war für Dich das Schwerste an Deiner Auslandserfahrung?

Gute Frage. Heimweh hatte ich eigentlich nicht. Deshalb würde ich wahrscheinlich Schule sagen, trotz allem. Weil es für mich unvorstellbar war, was die chinesischen Schüler alles durchmachen müssen und dass sie auf eine Art und Weise unterrichtet werden, die mir selbst sinnlos vorgekommen ist. Es kam mir oft so vor, als fiele es meinen chinesischen Klassenkameraden schwerer, selbständig zu denken, als ich es von Österreich gewohnt war. Die Tatsache, dass die meisten meiner Klassenkameraden nicht wussten, dass Schule auch ganz anders sein kann, tat mir sehr leid.

Bist Du zufrieden mit der Wahl Deiner Austauschorganisation?

Ja, sehr. Die Leute von Experiment sind mir immer sehr entgegengekommen. Als ich den Extrawunsch hatte, nicht sofort zu meiner Gastfamilie zu reisen, sondern für ein paar Wochen die Familie meiner Chinesischlehrerin zu besuchen, wurde ich dabei unterstützt. Als ich nach meiner Austauschzeit noch ein bisschen länger bleiben wollte, um das Chinesische Neujahrsfest mitzuerleben, wurde mir auch das ermöglicht – trotz Schwierigkeiten mit meinem Visum. Daher war Experiment für mich die perfekte Wahl. Zu den Leistungen: In Österreich gab es vor meiner Abreise ein Wochenendseminar zur Vorbereitung, und in China selbst gab es noch einen vierwöchigen Sprachkurs und eine Woche interkulturelles Training. Betreut wurden wir Austauschschüler jeweils von einem Lehrer an der eigenen Schule. Jetzt im Herbst findet noch ein Nachbereitungstreffen statt.

Hast Du jetzt, nach Deiner Auslandserfahrung, noch irgendwas mit dem Land der Mitte zu tun?

Ja, das habe ich. Zum einen habe ich noch Kontakt mit meiner Gastfamilie und meinen chinesischen Freunden. Außerdem lerne ich hier in Österreich weiter Chinesisch und plane, so bald wie möglich wieder nach China zu reisen und vielleicht auch schon im nächsten Jahr dort einen Sommerjob zu machen und meine Gastfamilie zu besuchen. Ich glaube, ich werde noch sehr lange viel mit China zu tun haben. Mein Leben dort war eine sehr bereichernde Erfahrung, und wenn mich jemand fragt, ob die Entscheidung dafür richtig war, dann sage ich: Ich würde sie immer, immer und immer wieder machen!

Lina, danke für das schöne Gespräch! Und 加油 für Deine Zukunft!

Artikelbild: (c) Mark Nan Tu / Wikimedia Commons

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sinonerds-Autor*in

Jana Brokate

Schulbesuch in Beijing, Studentenleben in Guangzhou, Sinologiestudium in Berlin, unterschiedlichste Chinareisen und Projekte mit Chinabezug – Janas Erfahrungen bezüglich dem Land der Mitte sind vielfältig. Ihren Horizont erweitert sie am liebsten mit Sprachenlernen, Reisen und Fragen stellen.

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