Praktikum beim Auswärtigen Amt in Chengdu

Jojo berichtet für sinonerds von seinen Erfahrungen als Praktikant beim Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland in Chengdu, Hauptstadt der Provinz Sichuan.

China ist ein Land mit vielen Ungleichgewichten, von denen eines die geographische Verteilung des Pro-Kopf-Einkommens im Land ist. Die Küstenprovinzen haben eine stärkere Wirtschaft und boomende Metropolen, weshalb in den letzten Jahren viel Entwicklungsgeld in den Westen des Landes gesteckt wurde. Nach meinem Auslandsstudium in Nanjing, das mit 300 km Entfernung vom Meer und seiner Lage am Yangtze Fluss noch als küstennahe Stadt in China zählt, wollte ich den “wilden Westen” mit meinen eigenen Augen sehen und suchte nach einem Praktikum in Chengdu, bekannt für sein scharfes Essen und Hauptstadt einer der ärmsten Provinzen ganz Chinas: Sichuan.

Bewerbung und Einführung

So ganz klar war es jedoch nicht, dass ich dorthin kommen würde, denn ich hatte mich für ein Praktikum im Auswärtigen Amt beworben. Für dessen Auslandspraktikantenprogramm muss man nämlich drei unterschiedliche Praktikumszeiträume und nicht weniger als 10 vorstellbare Einsatzorte angeben. Darüber hinaus muss die Bewerbung mindestens ein halbes Jahr vor dem Beginn des frühesten Praktikumszeitraums eingesandt werden. Glücklicherweise bekam ich nach vier Monaten eine positive Rückmeldung aus dem Generalkonsulat in Chengdu.

Das Generalkonsulat der Bundesrepublik Deutschland Chengdu in der Volksrepublik China ist noch eine sehr junge Vertretung, die erst 2004 eröffnet wurde und daher viel kleiner als seine Gegenstücke in Shanghai, Kanton und der SAR Hong Kong sowie die Botschaft in Peking. Der Konsularbezirk des Generalkonsulats Chengdu umfasst die Provinzen Sichuan, Yunnan und Guizhou, sowie die regierungsunmittelbare Stadt Chongqing. Die Fläche dieses Gebietes ist insgesamt dreimal so groß wie Deutschland und hat doppelt so viele Einwohner. Die größten Arbeitsfelder sind Entwicklungshilfe, wirtschaftliche Zusammenarbeit und natürlich die Vergabe von Visa. Die geringe Anzahl an Mitarbeitern, insgesamt waren wir 12 Deutsche und Chinesen, habe ich als Vorteil empfunden, denn dies gab mir die Möglichkeit, meine Mitarbeiter und Vorgesetzten besser kennenzulernen und eigene Projekte durchzuführen.

Aufgaben und Arbeitsalltag

Die meiste Zeit habe ich in der Abteilung für Presse und Wirtschaft gearbeitet und mit meiner chinesischen Kollegin Entwicklungen und Veränderungen wirtschaftlicher Art im Konsularbezirk recherchiert und geordnet. Oft habe ich mich um die westlichen und sie sich um die chinesischen Publikationen gekümmert.

Weitere Aufgaben waren zum Beispiel protokollarischer Art, das heißt, ich habe mich um Besucher und Gäste aus Deutschland gekümmert oder das Generalkonsulat auf Veranstaltungen vertreten. Neben meiner Arbeit hatte ich auch Zeit, den Konsularbezirk und vor allem die Stadt Chengdu kennenzulernen. Sie ist eine schnell wachsende Metropole, die auch die in China omnipräsenten Probleme mit Smog und Umweltverschmutzung teilt. Anders als in vielen Küstenstädten gibt es hier meinem Gefühl nach einen stärkeren Fokus auf Gemütlichkeit und gemeinsames Ausgehen, was sich in einer hohen Dichte von Tee-Häusern niederschlägt. Auch sind noch spätabends Restaurants mit Sitzen und Tischen auf dem Gehweg geöffnet, was dem warmen Klima der Stadt geschuldet ist. Wie in vielen anderen westchinesischen Städten auch, ist die Anzahl der Ausländer im Vergleich mit den Küstenstädten überschaubar, und ich hatte in Chengdu viele Möglichkeiten, meine Chinesischfertigkeiten zu verbessern, auch wenn viele ältere Menschen einen sehr starken Sichuan-Dialekt sprechen.

Eindruck und Fazit

Zu einem der Höhepunkte meiner Zeit in Sichuan zählte mein Besuch der Stadt Wenchuan, die 2008 bei einem extremen Erdbeben zerstört wurde. Mit einer Freundin besuchte ich die umliegenden Dörfer, deren Zufahrtswege mitunter noch so kaputt waren, dass die öffentlichen Busse der Gegend umfunktionierte, allrad-betriebene Geländewagen waren, mit denen es 2 Stunden lang über Stock und Stein quer durch die Berge ging. Die Belohnung waren aber auch Bauernmärkte mit frischem Sichuan-Pfeffer und Begegnungen mit verschiedenen Minderheiten, denn die Provinzen Sichuan, Kunming und Guizhou haben die höchste kulturelle Vielfalt in ganz China.

Ob mir nun das Praktikum oder meine eigenen Erkundungen mehr für mein zukünftiges Leben gegeben haben, ist schwer zu sagen. Das Praktikum im Auswärtigen Amt hat mir die tägliche Arbeit einer Bürokratie in einem kulturell fremden Umfeld gezeigt und ist auf alle Fälle zu empfehlen, bevor man sich für so einen Job entscheidet. Die Reise in die Erdbebenregion um Wenchuan hat mir die Armut einfacher Chinesen, aber auch ihre Kraft und Freundlichkeit vor Augen geführt. Sie hat mir ein karges, trockenes und dennoch vielfältiges und buntes China gezeigt. Beide Erfahrungen möchte ich nicht missen.

Weiterführende Links

Mehr Infos zum “Praktikantenprogramm Ausland” des Auswärtigen Amts der Bundesrepublik Deutschland findest Du hier.

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sinonerds-Autor*in

Johannes Heller

Jojo studierte Chinastudien und Friedensforschung in Berlin, Nanjing und Brisbane. Akademisch steht für ihn Chinas aktuelle Rolle als regionaler Akteur in Asien im Mittelpunkt. Nebenher entdeckt er gerne neue Musik und Podcasts.

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