Nova Heart – Hypnose im Lido

Helen Feng singt sich in Trance

Vor dem Konzert bin ich skeptisch. Ich frage meinen Kumpel um Rat: “Soll ich am Dienstagabend zu einem Konzert von so einer chinesischen Band gehen, die gerade durch Europa tourt, oder doch lieber gemütlich ist Theater, wo ich mich entspannen kann?” Er antwortet mir kurz und knapp: „Wenn du Nova Heart meinst, geh hin!“

Zugegeben, ich schenke den aktuellen chinesischen Charts nicht viel Aufmerksamkeit. Die Bands klingen für mich alle ziemlich ähnlich und reflektieren mehr westliche Musik als einen eigenen Stil. Vor Nova Hearts Gig im Lido hängen Plakate kreuz und quer über Berlin verstreut. Darauf posen die chinesischen Bandmitglieder mit Schmetterlingen im Haar. Ein bisschen neugierig bin ich schon.

Immerhin kenne ich nicht viele chinesische Künstler, die es in die weite Welt geschafft haben. Um meiner Unschlüssigkeit auf die Sprünge zu helfen, höre ich mir die Musik gründlich an. Von den Videos war ich sehr angetan, aber so richtig konnte ich mir die Musik live on Stage immer noch nicht vorstellen. Nach einer guten Weile Hören und ein bisschen Recherche bilde ich mir folgendes Urteil über diesen Elektro-Pop: Künstlich erzeugte Musik kombiniert mit leichtem Gesang.

Als mein Kumpel schließlich sagt, Nova Heart sei „das Interessanteste, was musikalisch in den letzten Jahren in China passiert ist“, fasse ich mir ein Herz, hole Karten und gehe mit drei Freunden auf das Konzert.

Einsame Instrumente und ein verlorener Fan

Wir kommen eine halbe Stunde zu spät ins Lido und finden es leer vor! Auf der Bühne stehen einsame Instrumente, von deren Besitzer keine Spur. Die Tanzfläche gähnt uns nur so entgegen. Am Rand sitzen ein paar verlassene Gäste, die an ihrem Getränk nippen und darauf warten, dass endlich etwas passiert. Ein einziges Mädchen stand ganz vorne vor der Bühne und wollte anscheinend ihren Platz um jeden Preis halten. „Na toll! Geile Party“, denke ich mir.

Jetzt ist Lulu ein Fan

Wir besorgen uns Bier an der Bar, gesellen uns zu den wenigen Leuten am Rand und plaudern daher. Irgendwann kommt ein DJ auf die Bühne und legt auf. „SHAO AKA DEAD J“, heißt er. Er kommt aus Beijing, hat schon auf vielen Festivals in China aufgelegt und ist mit Nova Heart als „Vorband“ auf Tour. Allmählich füllt sich die Tanzfläche. Das Mädchen steht jetzt nicht mehr alleine da, wir tanzen mir ihr in der ersten Reihe. Sie grinst mich breit an und freut sich offenbar riesig auf das Konzert. Sie ist Französin und hat die Band schon einen Tag (!) vorher in Paris gesehen. Angeblich ist sie gerade zufällig in Berlin und war so begeistert, dass sie auch dieses Konzert besuchen wollte.

Der DJ zieht davon und die Tanzfläche ist nun komplett voll. Die Vorfreude der Pariserin schwappt fast über. „Weiß du was?? Ich bin nächstes Wochenende in Amsterdam und Nova Heart auch! Wie cool ist das denn?!“ Ob das auch ein Zufall war, sei mal so dahin gestellt. Als sie dann nach Nova Heart schreit, stimmt die Masse ein. Immerhin sind schon zwei Stunden seit dem eigentlichen Beginn vergangen und wir haben bisher nur das Werkzeug von Nova Heart gesehen. Doch da geht es endlich los.

Nova Heart spielt sich in Trance

Der Schlagzeuger gibt den Rhythmus an und der Gitarrist setzt sanfte Klänge hinzu, untermalt von einem Bassisten. Helen Feng, die Frontsängerin, setzt geschickt ihre weiche Stimme ein. Mit kleinen Gesten und Mimik deutet sie „Tabuthemen“ an. Mal wankt sie umher und streicht sich mit ihren Fingern mehrmals unter die Nase, ein anderes Mal wickelt sie sich das Kabel vom Mikro um den Oberarm und zeigt auf ihre Armbeuge, bleibt dabei ernst und singt leichte hohe Töne. Bei einem rhythmisch schnelleren Song dreht sie sich so lange um die eigene Achse, dass sie das Gleichgewicht verliert und gegen das Schlagzeug fällt. Sie rappelt sich auf, lacht, und taumelt scheinbar betrunken zum Mikro. Beschämt schmunzelnd singt sie weiter, schwankt immer noch ein wenig, ist aber immer noch perfekt im Takt.

Nova Heart Artwork. © Hörstmann Unternehmensgruppe.

Mein Kumpel neben mir sagt amüsiert, „Ach ja, sie ist sehr gut drauf. Sie hat wohl einen zu viel gezogen.“ Doch mir wird klar: Jeder, der sich ein paar Mal um die eigene Achse dreht, kann betrunken spielen. Helen spielt das sehr überzeugend. Ihre Musik war von Anfang bis Ende der Performance kristallklar und präzise. Irgendwann bleibe ich einfach stehen und starre sie an, wie hypnotisiert. Mein Kumpel tippt mich an und fragt mich, was los sei, ob es mir gut ginge. Ich war umgehauen von Helens Bühnen-performance. Alles ist anders als erwartet. Ihre Bewegungen spielen geradezu mit den harten und schnellen Schlagzeugschlägen. Sie behält ihre Leichtigkeit und schwingt lächelnd und wie in Trance mit der sehr unterschwelligen Melodie des Gitarristen mit. So kontradiktorisch, aber so unglaublich auf den Punkt!

Kling’ gut und mach dein Ding

Als ehemalige MTV Moderatorin und Kommentatorin von der chinesischen Radiosendung „The Rockshow“, ist Helen ein Chamäleon des Showbiz: sie kann sich im Handumdrehen an ihre Umgebung anpassen. Dann genießt sie das Geschehen um sie herum, und vergisst sich auch manchmal selbst dabei. Bei einem Konzert in 2010 war Helen so euphorisch und auf ihren inneren Rockstar gepolt, dass sie sich gar von der Bühne geworfen hatte. Statt wie in den Filmen aufgefangen zu werden, kam vom Publikum nach ihrem Sprung ein mitfühlendes „OUCH!“. Das nächste Konzert gab sie im Rollstuhl.

Im Lido frage ich meinen Kumpel (der Nova Heart schon einige Male live gesehen hatte) ob Helen immer so abdreht. Seine Antwort: „Eigentlich ist das ihre normale Show. So war sie auch in Suzhou und in Helsinki. Bei dem Open-Air Konzert in Suzhou hat es geregnet und sie hat sich in den Matsch werfen lassen!“ Das Mädchen aus Paris sagt noch: „Gestern in Paris war sie nicht so! Klar hat sie ihre Nummer vorgeführt, aber heute genießt sie die Bühne noch mehr und feiert extrem! Das Publikum ist auch total anders. Sie mag Berlin auf jeden Fall.“

Lulu, ihre neue Freundin aus Frankreich und Helen Feng

Nach dem Konzert vergibt die Band Autogramme. Da ergreife ich die Gelegenheit, kurz mit Helen zu sprechen. Sie sprüht vor Energie. Die Freude über einen gelungenen Abend springt mir aus ihren Augen entgegen. Mit dem Mädchen aus Paris und Helen knipse ich noch einen Selfie. Was sein muss, muss sein!

Nova Heart hat mich nicht nur überrascht, sondern wirklich begeistert. Helen Feng verkörpert die Einstellung, dass es nicht auf den “chinesischen Sound” ankommt, sondern auf DEINEN EIGENEN Sound. Warum sich die Mühe machen, irgendwelche typischen Merkmale in einem bestimmten Land zu imitieren, wenn du deinen eigenen Stil entwickeln kannst? In ihren Interviews erklärt sie, man bräuchte nur zwei einfache Zutaten, um in China einzuschlagen: Gut klingen und etwas eigenes haben. Es sei doch alles so einfach! Mögen diese Worte simpel klingen, verleiht ihnen Helen Feng doch etwas unwiderstehliches; sie ist ein regelrechter Tornado der Inspiration.

Das Titelbild ist Nova Heart Artwork © Hörstmann Unternehmensgruppe

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sinonerds-Autor*in

Lulu Li

Lulu lebt seit ihrem ersten Lebensjahr in Berlin und studiert dort Bauingenieurwesen an der Technischen Universität. Sie interessiert sich für Kunst und Kultur, besonders im Bereich Fotographie/Film und Theater. Da sie zweisprachig aufgewachsen ist, außerdem in beiden Kulturkreisen lebt, legt sie viel Wert auf interkulturellen Austausch und Freundschaft.

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