Mit den Anwälten zum Karaoke: Juristisches Praktikum in Shanghai

Die gebürtige Bayerin Christina Gigler, 25, hat in Passau und Regensburg Jura studiert. Ihre Faszination für das Land der Mitte hat sie 2010 nach China geführt, wo sie ein Jahr lang Chinesisch-Sprachkurse an der Uni in Guangzhou besuchte. Zwischendurch verbrachte sie zwei Monate in Shanghai und absolvierte dort ein Praktikum in einer Kanzlei. Mit sinonerds spricht sie über ihr Praktikum und die Kombination von Jurastudium und China-Kompetenz. 

Christina Gigler

Christina

sinonerds: Christina, Du studierst seit 2007 Jura. Wie kam es, dass Du angefangen hast, Dich für China zu interessieren?

Christina Gigler: Also, das war eher Zufall. Ich wollte während meines Studiums unbedingt nebenbei noch eine fremde Sprache lernen. Ursprünglich hatte ich da eher an so etwas wie Spanisch gedacht, aber dann überkam mich die Lust, etwas vollkommen anderes zu versuchen. Also setzte ich mich zur Probe in einen Chinesisch-Sprachkurs. Der Kurs gefiel mir, und ich blieb. Je länger ich Chinesisch lernte, desto größer wurde die Faszination… Ich wurde regelrecht süchtig nach der Sprache.

Du hast von Februar bis April 2011 dein Praktikum bei einer Kanzlei in Shanghai gemacht. Wie bist Du an dieses Praktikum gekommen?

Ich hatte vor allem Glück. Ich wollte mein Praktikum gerne in Shanghai bei einer deutschen Kanzlei machen. Um Kanzleien zu finden, habe ich ganz einfach die Begriffe Kanzlei und Shanghai gegoogelt. Da es mir persönlich nicht so wichtig war, auf welchem Spezialgebiet die Kanzlei operiert, habe ich einfach die ersten zehn Kanzleien, die ich fand, angeschrieben. Erst einmal ganz unverbindlich mit einer kurzen Selbstbeschreibung und der Frage, ob gerade Praktikanten gesucht würden. Das Resultat war zunächst frustrierend: Die meisten haben gar nicht erst geantwortet oder eben erst zwei Monate später. Nur zwei Kanzleien haben relativ zeitnah auf meine Anfrage reagiert. An die erste schickte ich dann auch gleich meine Unterlagen und bekam den Platz.

Was musstest du im Vorfeld deines Praktikums organisieren?

Da ich zur Zeit meiner Praktikums-Vorbereitung bereits in China war und in Guangzhou Chinesisch lernte, war der Organisationsaufwand nicht sehr hoch. Er belief sich im Wesentlichen auf die Buchung meines Fluges nach Shanghai und die Suche einer Unterkunft. Weil ich unbedingt in einer chinesischen WG leben wollte, suchte ich mir meine Unterkunft über chinesisch-sprachige Internetseiten und telefonierte mich durch. Anhand der Fotos und Angaben im Internet konnte man auch von Guangzhou aus relativ leicht etwas finden. Am Ende fand ich sogar eine Wohnung nicht weit von der Kanzlei entfernt, wo ich dann zusammen mit einem chinesischen Pärchen lebte.  Der Mann und die Frau, beide so um die 30, waren super nett und haben sich richtig Mühe mit mir gegeben. Sie haben mich vom Flughafen abgeholt und waren öfters mit mir Essen. Im Alltag hatten wir aber nicht soviel miteinander zu tun, weil wir alle drei gearbeitet haben.

Auf welche Rechtsgebiete ist die Kanzlei, in der Du dein Praktikum gemacht hast, spezialisiert und was waren deine Aufgaben als Praktikantin?

Die Kanzlei ist spezialisiert auf Unternehmensrecht und Unternehmensberatung, sowohl für deutsche Firmen, die nach China kommen und dort Tochtergesellschaften eröffnen, als auch für chinesische Firmen, die überlegen, nach Deutschland zu gehen. Ein Teil der Arbeit bezieht sich aber auch auf das Gebiet Arbeitsrecht. Zum Beispiel hatten wir einen chinesischen Mandanten, der bei einer chinesischen Firma gearbeitet hat und dem gekündigt wurde. Wir sollten ihm dabei helfen, sich gegen die Kündigung zu wehren.

Zu meinen Aufgaben als Praktikantin: Da mein Chinesisch nicht ausreichte, um auf Chinesisch mit juristischen Fachbegriffen zu arbeiten, umfassten sie in der Regel Übersetzungsarbeiten – vor allem vom Deutschen ins Englische und vom Englischen ins Deutsche – Recherche-Arbeiten, das Verfassen von E-Mails an unsere Mandanten, die Zusammenfassung von Mandantengesprächen, usw.

Du hast 2008 bereits ein Praktikum bei einer Kanzlei in Passau gemacht. Welche Unterschiede zu deinem früheren Praktikum hast Du in Shanghai erlebt – bezüglich Arbeitsalltag und Arbeitsklima?

Der grundlegendste Unterschied war die Arbeitssprache. In der Kanzlei in Shanghai waren, bis auf meinen Chef, alle Anwälte Chinesen, und es wurde in erster Linie Chinesisch gesprochen. Ein weiterer Unterschied war das sehr persönliche Verhältnis zwischen den Kollegen. Mein Chef, die anderen Anwälte, die Sekretärin und ich – die Praktikantin – sind jeden Tag zusammen Essen gegangen und haben auch viel über Privates geredet. An meinem Geburtstag haben meine Kollegen einen Kuchen organisiert und sich die Zeit genommen, in einem der Seminarräume mit mir zu feiern. Nach Feierabend sind wir dann noch alle zusammen ins KTV (Karaoke) gegangen. Diese enge persönliche Beziehung zwischen den Arbeitskollegen hat mich sehr beeindruckt.

Was war das einprägsamste Erlebnis deines Praktikums?

Das einprägsamste Erlebnis war auf jeden Fall der Gerichtsbesuch, bei dem ich dabei sein durfte. Es ging um besagten Mandanten, der sich gegen seine Kündigung wehren wollte. Der Arbeitgeber war ein großes, finanzstarkes Unternehmen, und der Prozess vor dem Arbeitsgericht lief ganz anders ab, als ich es von Deutschland her gewohnt war. Es fing damit an, dass die Richterin nicht sehr glücklich darüber schien, ein ausländisches Gesicht unter den Leuten im Gerichtssaal zu sehen. Obwohl ich von dem Prozess selbst wegen meiner beschränkten Chinesisch-Kenntnisse nur wenig verstand, fielen mir doch so einige Dinge auf, die ganz anders waren, als in Deutschland. Zum Beispiel saß der Protokollant des Gerichts direkt vor der Richterin, die ihn aktiv „korrigierte“, falls er etwas notierte, das ihr missfiel. Außerdem wurde unsere Partei während der Entscheidungsfindung aus dem Saal geschickt, während die offensichtlich einflussreichere und finanzstärkere Gegenpartei mit der Richterin zu einer Einigung kam. Wir hatten überhaupt keine Chance und verloren den Fall.

Praktikumsort Shanghai

Praktikumsort Shanghai

Wie hat Dir Shanghai als Praktikumsort gefallen?

In Shanghai gibt es im Vergleich zu anderen chinesischen Städten extrem viele ausländische Unternehmen und eben auch deutsche Kanzleien – was ja zunächst eine gute Ausgangsituation bei der Praktikumssuche ist. In Shanghai war es außerdem leicht, deutsche Bekanntschaften zu machen. Da in der Kanzlei fast nur Chinesisch gesprochen wurde und mein ganzer Arbeitsalltag sehr chinesisch geprägt war, empfand ich meine deutschen Bekanntschaften und das gemeinsame Weggehen am Wochenende als guten Ausgleich und als Möglichkeit zur Entspannung. Shanghai gibt einem die Freiheit, sowohl auf „chinesische Art“, als auch sehr „westlich“ zu leben, und während meines Praktikums war das für mich das Richtige.

Wie reagieren eigentlich andere Juristen in Deutschland auf deine China-Kompetenz?

In der Regel sehr positiv. Nicht viele Juristen in Deutschland haben Ahnung von der chinesischen Sprache und Kultur. In Regensburg habe ich bisher noch keine anderen Jurastudenten getroffen, die Chinesisch lernen. Deshalb sind die meisten Menschen, die ich treffe, begeistert von der Kombi. Oft merke ich, dass andere Studenten eigentlich auch Lust darauf haben, sich aber nicht trauen, weil sie denken, dass der Arbeitsaufwand beim Fach Jura zu groß ist, um nebenbei noch Chinesisch zu lernen. Diesen Studenten kann ich nur empfehlen, den Schritt zu wagen. Mir persönlich macht das Chinesisch-Lernen und die Beschäftigung mit China so viel Spaß, dass es sich mehr wie ein Hobby denn als Arbeit anfühlt. Für mich ist Chinesisch etwas „Lebendiges“ und damit die ideale Ergänzung zu meinem eher theoretischen Jurastudium. Also: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg – auch für einen Vollzeitjuristen.

Was sind deine Zukunftspläne in Bezug auf die Verbindung deines Fachgebiets Jura mit deinem China-Interesse?

Ich bin gerade mit meinem ersten Staatsexamen fertig geworden und möchte jetzt erst einmal wieder für ein Jahr nach China. Dort möchte ich meinen LLM machen, d.h. meinen Master of Laws, im Europäischen und Internationalen Recht. Die Uni ist in Changping, einem Vorort von Beijing. Mein großer Wunsch ist es, in diesem Jahr sowohl meine Rechts- als auch meine Chinesisch-Kenntnisse zu vertiefen.

Vielen Dank für das Interview, Christina!

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sinonerds-Autor*in

Jana Brokate

Schulbesuch in Beijing, Studentenleben in Guangzhou, Sinologiestudium in Berlin, unterschiedlichste Chinareisen und Projekte mit Chinabezug – Janas Erfahrungen bezüglich dem Land der Mitte sind vielfältig. Ihren Horizont erweitert sie am liebsten mit Sprachenlernen, Reisen und Fragen stellen.

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