Zu Besuch in der MinSheng Straße 11

China ist bekannt für seine rasante Modernisierung und die damit zusammenhängenden Veränderungen. Die sind auch Thema des Theaterstücks „MinSheng Straße 11“, ein Stück von der jungen Regisseurin Wang BingRu (王冰茹), das am 24.09.2014 in Rahmen des 2. Chinesischen Kulturfestivals Berlin aufgeführt wurde.

Das gesamte Theaterstück spielt in der „MinSheng Straße 11“ im Süden der Provinzhauptstadt Nanjing, wo eines der wenigen noch übrig gebliebenen traditionellen Häuser der Millionenstadt steht. Aus diesem Grund ist eine Filmproduktion auf das Haus aufmerksam geworden. Zwischen dem ganzen Trubel der Filmleute wird nach und nach der Fokus auf die Bewohner dieses Hauses gelenkt.

Die Bewohner der Minsheng Straße 11

20150929_Am Set für Dreh

Zu Besuch in der MinSheng Straße 11

In der Nummer 11 wohnt ein betagter Herr mit seiner Haushälterin und betreibt ein kleines traditionelles Restaurant. Er bekommt Besuch von zwei alten Freunden, mit denen er im umliegenden Viertel aufgewachsen ist. Einer von ihnen versucht mit der Mode mitzuhalten und zeigt den Freunden, wie er mit seinem neuen iPad seinen Sohn anrufen kann. Der andere Herr ist in Begleitung seiner Tochter, die eigentlich in einer anderen Stadt lebt. Die besorgte Tochter muss dem sturen Vater immer aufs neue erklären, wieso man jetzt nicht mehr aus den Brunnen der Stadt trinken kann. Sie arbeitet bei einer Umweltorganisation und weiß wie negativ sich die Modernisierung auf das Grundwasser ausgewirkt hat. Doch jedes mal bekommt sie zu hören: „Das haben wir früher doch auch gemacht, also werden wir das jetzt weiterhin tun!“ Immer wieder schwelgen die drei alten Freunde in Erinnerungen. Sie erzählen sich Geschichten von vor über vierzig Jahren. Früher, in der Kulturrevolution, war zwar nicht alles besser, trotzdem denken sie gerne zurück an den Zusammenhalt der Freunde, an ihre Gemeinschaft und an ihre Jugendlieben.

Zurück in der Realität

Die Realität holt die Alten wieder aus ihren Träumen zurück. Das iPad des ersten Freundes verliert immer das Signal, sodass er seinen Sohn, der ihm das iPad geschenkt hat, nicht erreichen kann. Er wünscht sich zwar, dass sein Sohn ihn öfters besuchen kommt, aber dieser muss arbeiten, um seinem Vater finanziell unterstützen zu können.

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Beim Schachspiel

Die Tochter des zweiten Freundes macht sich furchtbar Sorgen um ihren Vater, der an Alzheimer leidet. Sie liest ihm immer wieder seine alten Tagebücher vor und zeigt ihm Fotos von damals. Ihr war es außerdem wichtig, mit ihm zurück in das Haus seiner Jugend zu gehen, aber durch die rasanten Veränderungen der Modernisierung ist die Nachbarschaft nicht mehr wiederzuerkennen. Sie hofft, dass es ihrem Vater in Gesellschaft seiner Freunde und deren Erinnerungen besser geht. Der Restaurantbesitzer selbst hat Krebs, jedoch kein Geld für die Behandlung. Er möchte bis zum Ende in seinem bescheidenen Laden traditionelle, hausgemachte Speisen servieren und Zeit mit seinen Freunden verbringen.

Die letzten Szenen zeigen die drei Männer beim Schach spielen. Diese Szene wird vier mal mit verschiedenen Kleidung wiederholt, was den Lauf der vier Jahreszeiten symbolisiert. Den alten Männern bleibt nur noch ihre Gemeinschaft und die gemeinsamen Erinnerungen, denn selbst die vertraute Umgebung wird langsam abgerissen.

Der chinesische Alltag

Dieses Theaterstück spiegelt viele gesellschaftliche Probleme in China wieder. Die Ironie, dass das Traditionelle und die Geschichte im eigenen Land langsam schwindet, wird den Zuschauern in der Anfangsszene durch die Handlungen des Filmteams verdeutlicht. Für die Dreharbeiten wurde in der MingSheng Straße 11 eine besondere Location gefunden, doch das Team steht unter großem Zeitdruck, da auch dieses Haus bald abgerissen werden soll. Auch im echten China werden für neue Hochhäuser und Straßen alte Häuserzüge, die teilweise unter Denkmalschutz stehen, abgerissen. Den traditionsreichen Hutongs in Beijing, drohte beispielsweise das gleiche Schicksal. Sicher haben manche auch von der Geisterstadt Ordos in der Inneren Mongolei gehört, wo acht-spurige Straßen sowie Hochhäuser als Wohn- und Büroraum gebaut wurden, jedoch keine Menschenseele lebt. Sicherlich ist Ordos eher eine Ausnahme, aber ich habe selbst in größeren Städten erlebt, dass Hochhäuser gebaut werden, die danach einfach leer stehen. Und dafür wurde kulturelles Erbe zerstört?

20150929_Drei Freunde in Erinnerung schwelgen

Drei Freunde schwelgen in Erinnerungen

Abseits vom Bauboom verbindet sich außerdem der Verfall traditioneller Werte mit einem unzureichend ausgebauten sozialen Sicherungsnetz. Man traut sich schon gar nicht mehr einem gestürzten, alten Mann aufzuhelfen, aus Angst als Helfer die Schuld für den Unfall zugeschoben zu bekommen, damit der Gestürzte irgendwie doch noch Geld für ärztliche Behandlungen bekommen kann. Ich habe selbst bei Freunden und Bekannten miterlebt, wie ein Krankheitsfall in China den finanziellen Ruin für eine Familie bedeuten kann, da es keine allgemeine Krankenversicherung gibt.

Chinas Gesellschaft – ein Hoffnungsschimmer?

Das Theaterstück hat die Freundschaft von drei alten Männern dargestellt, die wiederum die gesellschaftlichen Probleme Chinas widerspiegeln. Wo ist die chinesische Tradition, mit ihrer tausendjährigen Geschichte und Philosophie, die das Volk so lange geprägt hat, heute zu finden? Konfuzius’ weise Worte wurden in verschiedenste Sprachen übersetzt und sogar im Internet als Meme veröffentlicht, aber hält sich im Ursprungsland noch irgendjemand daran? Fragen über Fragen. Trotz vielem Kopfschütteln und schwerem Seufzen, gibt es Hoffnung auf Besserung. Die gesellschaftlichen Probleme Chinas wurden in dieser Inszenierung erkannt und angesprochen. Sie haben mich darüber hinaus persönlich zum Denken angeregt.

Rechte zu allen Bildern in diesem Artikel liegen bei Bambuspforte e.V.

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sinonerds-Autor*in

Lulu Li

Lulu lebt seit ihrem ersten Lebensjahr in Berlin und studiert dort Bauingenieurwesen an der Technischen Universität. Sie interessiert sich für Kunst und Kultur, besonders im Bereich Fotographie/Film und Theater. Da sie zweisprachig aufgewachsen ist, außerdem in beiden Kulturkreisen lebt, legt sie viel Wert auf interkulturellen Austausch und Freundschaft.

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