老板说了算 – Mein Chaos-Praktikum in Qingdao

Schwein muss man haben: Ende letzten Jahres habe ich ein Praktikum im Norden Chinas, in der Stadt Qingdao, gemacht. Wie kam ich zu meinem Praktikum dort? Wie so häufig in meinen China-Erfahrungen spielte der Zufall eine große Rolle.

Meine Mutter vermietet Zimmer und ein Chinese hatte Interesse an der Wohnung. Die beiden kamen ins Gespräch und, wie Mütter so sind, erzählte sie von meinen Chinesisch-Kenntnissen. Kurz danach rief sie mich an, und da hatte ich plötzlich die Nummer eines Mannes, den ich nicht kannte, der mir aber ein Praktikum anbot. Das traf sich gut, denn zur der Zeit suchte ich nach Praktika, um noch die letzten Credit-Points im Studium sinnvoll zu erfüllen. Nach einem Anruf und einem Interview war alles geregelt und es war fast zu schön um wahr zu sein. Ein bezahltes Praktikum als Deutschlehrer mit gestellter Unterkunft und Flug für drei Monate in Qingdao. Es waren nicht die guānxì 关系, Beziehungen, die mir zu dieser Erfahrung verhalfen, sondern eher yuánfèn 缘分, grob übersetzt das Schicksal.

Qingdao ist eine Hafenstadt im Nordosten Chinas und liegt in der Provinz Shandong, bekannt unter anderem als die Heimat des großen Konfuzius. Ich kannte die Stadt nur für ihr Bier. Vor Ort erfuhr ich dann, dass Qingdao von 1897-1914 deutsche Kolonie war. Das erklärte auch, warum mir das Bier so gut schmeckte, denn das deutsche Reinheitsgebot wird dort noch heute verwendet.

Holpriger Anfang

Aber zurück zum Praktikum. Ich wusste, dass ich in einer WG mit Chinesen zusammen wohnen würde. Das kann ich jedem empfehlen, der sein Chinesisch rapide verbessern will. Die Wohnung befand sich im neunten Stock in einem der vielen neu hochgezogenen Wohnkomplexe Qingdaos. Die Wohnung lag nicht so zentral, trotzdem konnte man schnell in die Stadt gelangen. Witzig war, dass meine Mitbewohner mich zunächst für einen Uighuren aus Xinjiang hielten.

Am Montag darauf fing das Praktikum an und damit wurde es chaotisch. Zunächst lief alles ganz rund und meine Aufgabe erschien relativ klar. Nur war mein Stundenplan noch nicht organisiert, meine Kollegen hatten schon zwei Wochen vorher mit dem Unterricht angefangen und die Leute im Lehrerzimmer wussten auch nicht, wie sie mir weiterhelfen konnten. Darum hieß es erst einmal ins kalte Wasser springen und ab ins Klassenzimmer. Die Schüler waren sehr entspannt und freuten sich, dass ein „echter“ Deutscher sie unterrichten würde. Die ganze erste Woche verbrachte ich so. Nach mehrfachen Versuchen den Chef zu erreichen, konnte ich ihm letzten Endes mein Problem schildern. Er erwiderte, das sollte ich mit meinen Kollegen klären und damit hatte es sich. Vorschläge wurden genauso behandelt. Einen Satz eines Kollegen werde ich nie vergessen. Er meinte in China wäre es so: Wenn der Chef etwas sagt, dann ist es so. Lǎobǎn shuō le suàn. 老板说了算。

Trotz dieser Anfangsschwierigkeiten war das Praktikum eine super Erfahrung. Bisher hatte ich mich eher auf den Süden Chinas konzentriert und habe den Norden als Abwechslung sehr genossen. Meine Mitbewohner und Kollegen haben die Zeit zu einem tollen Erlebnis gemacht. Jedes Wochenende gab es mehr von Qingdao zu entdecken.

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Wochenenden in Qingdao

Ich kann jedem wärmstens empfehlen, wenigstens einmal nach Qingdao zu reisen. Für jede Altersklasse gibt es Attraktionen. Man kann sich die Olympiastätte am Meer angucken, an der der Segelwettbewerb 2008 stattgefunden hat. Spaziert man danach die Promenade entlang, findet man dutzende Souvenirshops mit Muscheln, Drachen und vielen typischen Souvenirs, die man oft in Küstenstädten findet. Die Händler waren nicht sehr aufdringlich, was sehr angenehm war. Von Beijing und Shanghai war ich jedenfalls ganz anderes gewöhnt, dabei hat Qingdao auch über 8 Millionen Einwohner. Wenn man das Meer satt hat, kann man sich ins Laoshan Gebirge (崂山) wagen, um sich für eine von zwei Routen zu entscheiden. Die eine bietet ein geniales Naturpanorama und die andere einen relativ abgelegenen, aber leider trotzdem touristisch überlaufenen taoistischen Tempel an.

Für Feinschmecker hat die Stadt auch viel zu bieten. Gefällt einem die einheimische Küche nicht, kann man sich den vielen koreanischen Restaurants widmen. Die scheinen durch die Nähe zu Korea wie Pilze aus dem Boden zu schießen. Ist man abends noch nicht müde, kann man sich noch länger in KTVs direkt am Meer oder in den zahlreichen Bars und Clubs in der Innenstadt vergnügen.

Im Endeffekt war das Praktikum eine Erfahrung, die ich trotz des Chaos am Arbeitsplatz nicht missen möchte.

Meine weiterführenden Links zu Qingdao:

dianping.com ist auch als App kostenlos erhältlich. Sie hat alle Locations, die man im Urlaub oder am Wochenende besuchen möchte (Restaurants, Cafés, KTVs, Discos, Parks etc.pp.) aufgelistet. War sehr nützlich in Qingdao.

kopra.org ist eine super Website, wenn man Praktika in China sucht. Die Seite ist übersichtlich und kostenlos.

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sinonerds-Autor*in

Darius Ibrahim

Darius Ibrahim, Jahrgang 89, ist Student der Asienwissenschaften. 2009 verbrachte er im Rahmen eines Freiwilligenprogrammes ein Jahr in China und seitdem liegt sein Fokus auf dem Land der Mitte. Auf Weibo findest Du ihn unter: Daliu_21831

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