Nicht alles Einhörner und Regenbogen in China

Eine neue Studie des Beijing LGBT Centers zeigt die Missstände für Transpersonen in China auf.

Eine erste große Studie untersucht die Erfahrungen von Transpersonen in China. Die Ergebnisse sind erschreckend. Transpersonen werden häufig Opfer von Gewalt und haben einen schlechteren Zugang zu Ressourcen. Weder aktuelle Gesetze zum Schutz der Menschen noch deren medizinische Versorgung ist ausreichend.

Transpersonen sind in China, wie überall auf der Welt, Opfer von Gewalt, Diskriminierung und gesellschaftlichem Ausschluss. Das Beijing LGBT Center (北京同志中心) hat am internationalen Tag der Erinnerung für die Opfer transphober Gewalt (20. November) die erste großangelegte Studie zur Trans-Community in China veröffentlicht.

Unter den Begriff “Trans” fallen alle Menschen, die sich mit dem ihnen bei der Geburt zugeordneten Geschlecht nicht oder nur teilweise identifizieren. Die Studie unterscheidet Trans-Frauen, Trans-Männer und genderqueere Personen, die sich weder als Mann noch als Frau identifizieren. Auch Crossdresser, also Personen, die ihr äußeres Erscheinungsbild einem anderen Geschlecht angleichen, sich jedoch mit ihrem zugeordneten Geschlecht wohlfühlen, sind Teil der Studie. Transpersonen sind nicht deckungsgleich mit Schwulen, Lesben oder Bisexuellen – wenngleich sich in diesem Fall drei Viertel aller Befragten als nicht heterosexuell bezeichneten. Insgesamt hat die Studie über 2000 ausgefüllte Online-Fragebögen ausgewertet.

Gefahr aus nächster Nähe

transpersonen_1Wie auch bei Cis-LGB-Personen (Cis ist eine Person, die sich mit ihrem zugewiesenen Geschlecht identifiziert, also das Gegenteil von Trans) in China fangen die Probleme von Transpersonen sehr häufig bereits in der Familie an. Nur etwa eine von zehn Familien von Transpersonen haben diese voll und ganz akzeptiert. Die Mehrheit der Befragten gab an, keinerlei Unterstützung von ihren Familien zu bekommen. Häusliche Gewalt tritt mit schockierender Häufigkeit gegen Transpersonen auf: von 1640 Befragten, die angaben, ihre Eltern oder Erziehungsberechtigten kannten ihre Geschlechtsidentität, sind nur sechs Menschen nicht Opfer häuslicher Gewalt geworden.

Die Einschränkung der persönlichen Freiheit (oft auch durch das Enthalten von Geld), das Ignorieren der Geschlechtsidentität der Kinder bzw. das Ausüben von Zwang, den Geschlechtsausdruck zu ändern, sowie Beleidigungen und körperliche Gewalt sind die am häufigsten genannten Formen des Missbrauchs. Befragte gaben darüber hinaus auch an, zum Geschlechtsverkehr oder zur Konversionstherapie gezwungen oder von der Familie verstoßen worden zu sein.

Viele outen sich ihren Eltern oder Erziehungsberechtigten gegenüber deswegen gar nicht. Ähnlich schlimm ist die Situation übrigens gegenüber (Ehe)PartnerInnen und Kindern. Neben einer höheren Intensität der Gewalt sind hier auch sexualisierte Gewalt und Konversionstherapie deutlich häufiger vertreten. Oft nehmen Opfer von häuslicher Gewalt keine Hilfe in Anspruch – insbesondere verheiratete Menschen, Menschen, die in abgeschiedenen Gegenden leben und Menschen, die sich noch keinen geschlechtsangleichenden Operationen unterzogen haben.

Rechnungen und Bürokratie: für viele unüberwindbar

Viele Trans-Männer und Trans-Frauen würden gerne Hormontherapie und eine operative Geschlechtsanpassung in Anspruch nehmen. Eine überwältigende Mehrheit der Personen, die Hormone einnehmen wollen, finden es jedoch schwierig bis unmöglich, diese auch zu bekommen. Geschlechtsangleichende Operationen werden vor allem nicht vollzogen, weil die Eingriffe für viele Menschen zu teuer sind: anders als zum Beispiel in Deutschland, werden in China die Kosten nicht von der Versicherung gezahlt. Familiärer Zwang und ein extrem hoher bürokratischer Aufwand kommen hinzu. Die meisten Befragten schätzen diese Voraussetzungen als unzumutbar ein.

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Diese Hürden haben schwere Folgen: Etwa ein Drittel der Menschen, die eine Hormontherapie nicht formal bekommen konnten, holten sich Hormone auf anderen Wegen. Dies führt oft zu schweren gesundheitlichen Folgeschäden. Einigen Betroffenen scheint die Situation jedoch so aussichtslos, dass sie das Risiko in Kauf nehmen. Es sind gar Fälle von Transpersonen bekannt, die versuchten ihre Sexualorgane selbstständig zu entfernen. Diese höchst gefährlichen Eingriffe haben kaum eine Chance auf Erfolg.

Obwohl es in China theoretisch möglich ist, den eigenen Namen und das auf Dokumenten festgehaltene Geschlecht ändern zu lassen, gab nur 1% der Befragten an, dass Name und Geschlechtsmarker auf den Ausweisdokumenten mit ihrer Geschlechtsidentität übereinstimmen. Grundsätzlich ist eine legale Änderung nur nach einer geschlechtsangleichenden Operation möglich – eine Option, die viele Menschen nicht in Anspruch nehmen wollen oder können. Oft sehen sich Transpersonen bei der Personenstandsänderung vielen Problemen gegenüber: ihnen wird die Hilfe von Beamten verweigert, sie werden weggeschickt, Fälle werden verschleppt und Betroffene werden beleidigt. Ungeheuerlicherweise geht mit einer Namens- und Geschlechtsmarker-Änderung obendrein der Verfall von vorherigen Bildungsnachweisen einher.

Obwohl die Mehrzahl der Befragten überdurchschnittlich gut ausgebildet ist und aus städtischen Ballungszentren kommt, haben sie es in der Schule, der Uni und am Arbeitsplatz nicht leicht. Viele berichten von feindseligen Umfeldern, die einen negativen Effekt auf das psychische Wohlbefinden haben können. Überdurschnittlich viele Transpersonen brechen die Schule ab, was nicht zuletzt auf das Mobbing gegen sie zurückzuführen ist.

Kaum Arbeit, wenig Hoffnung

Die Arbeitslosigkeit von Transpersonen ist viermal so hoch wie in der Gesamtbevölkerung. Für einige bedeutet das, Sexarbeit nachgehen zu müssen. Im Schnitt sind die Einkommen vieler Transpersonen sehr niedrig: mehr als die Hälfte gab an, unter 50.000 RMB jährlich (etwa 530€ im Monat) zu verdienen.

Es scheint kaum sichere Orte für Transpersonen zu geben: neben der Familie, Lehreinrichtungen und dem Arbeitsplatz fühlen sich viele Transpersonen auch in der Öffentlichkeit unsicher und haben Angst. Nur etwa die Hälfte aller Transpersonen fühlt sich in der Öffentlichkeit sicher. Der Grund hierfür ist offensichtlich: ein Viertel aller Transpersonen fiel bereits Gewalt und Diskriminierung in der Öffentlichkeit zum Opfer. Öffentliche Toiletten verstärken bestehende Unsicherheit, insbesondere bei Trans-Frauen und Trans-Männern.

transpersonen_3Im Einklang mit Untersuchungen aus anderen Teilen der Welt, zeigt auch diese Studie eine besondere Verwundbarkeit von Trans-Frauen auf. Es gibt kaum eine negative Kategorie, in der sie nicht führen. Sei es die Wahrscheinlichkeit, von der Familie abgelehnt zu werden, die Häufigkeit und Intensität häuslicher Gewalt, Diskriminierung in der Schule, am Arbeitsplatz oder in der Öffentlichkeit oder die psychische Gesundheit und selbstverletzendes Verhalten: Überall sind Trans-Frauen die traurigen Rekordhalterinnen.

Erfreulicherweise weist die Studie nicht nur auf die Probleme von Transpersonen hin, sondern liefert auch Vorschläge, um  ihre Lage zu verbessern. Neben mehr positiver Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit und in Bildungseinrichtungen, werden Gesetze zum Schutz vor häuslicher Gewalt und gegen Diskriminierung empfohlen, die auf die Bedürfnisse von Transpersonen eingehen. Besonders wichtig ist aus meiner Sicht die Forderung danach, die körperliche Selbstbestimmung von Transpersonen zu respektieren und eine Änderung der Geschlechtsmarker nicht von Operationen abhängig zu machen, da viele Menschen an diesen kein Interesse haben oder sie nicht in Anspruch nehmen können.

Den ganzen Forschungsbericht könnt ihr hier lesen.

Alle Bilder © Jasmin Oertel für sinonerds.

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Über den Autor

Moritz Roemer

Moritz Roemer studiert Sozialwissenschaften an der Humboldt Universität und lernt in seiner Freizeit Chinesisch. Er hat nach seinem Abitur in Suining, Sichuan, und Zhengzhou, Henan gelebt, ist unter anderem durch Xinjiang, die Innere Mongolei und Shaanxi getrampt. Gerne möchte er noch ein Auslandsjahr in Beijing machen.

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