Der Bass ist hell, die Gitarre blau: Lavia Lin malt den Jazz

Lavia Lin erzählt von ihrer Kindheit im berühmtesten Jazz-Club Shanghais und ihrem eigenen Weg der schönen Künste, hinein in die Malerei

In Shanghai regiert der Pop, in Berlin herrscht Techno. Doch die Familie Lin lässt hier wie dort mit Liebe, Charme und Beharrlichkeit die sanften Töne erklingen. Ich treffe Lavia Lin zu einer Tasse Tee. Sie spricht leise und sanft, doch man lasse sich nicht täuschen. Aufgewachsen in der Shanghaier Jazz-Institution “House of Blues and Jazz” vereint diese Frau Kunst und Management – und führt hier in Berlin jene Arbeit fort, die ihre Eltern in Shanghai begannen: den Kulturaustausch durch Jazz.   

sinonerds: Lavia, ich freue mich sehr, dass wir beiden uns hier in meiner Casa Chinoisa auf eine Tasse Tee treffen. Du hast einen spannenden Weg hinter dir, der stets von dem Brückenschlag zwischen Kulturen geprägt war. Aufgewachsen bist Du in DEM Jazz-Lokal Shanghais. Jeder, der tiefer in die kulturelle Szene der Stadt eintauchen konnte, kommt an der Institution, die Deine Eltern aufbauten und bis heute führen nicht vorbei: die Rede ist vom „House of Blues and Jazz“ am Bund.

Wie war es, dort aufzuwachsen?

Lavia: Ich freue mich auch, vielen Dank. Das House of Blues and Jazz ist ein sehr besonderer Ort, nicht nur, weil ich dort meine Kindheit verbracht habe. Wir besitzen dieses Lokal seit 1995 und als Kind war ich entweder zu Hause oder eben in der Bar. Das war als Kind eher ein Problem, da mich die Musik langweilte und es dort keine Kinder gab, mit denen ich hätte spielen können. So habe ich die meiste Zeit im Büro Computer gespielt.

Mein Vater verbot mir, andere Musik zu hören, was mir natürlich auf die Nerven ging. Diese Musik ist ja nicht Teil unserer Kultur und ich konnte mit keiner meiner Freundinnen über sie sprechen, geschweige denn diese Lieder bei Karaoke-Abenden im Repertoire finden.

Blick ins House of Jazz and Blues

Die Ruhe vor dem Jazz © Lavia Lin

Schwierig, will man als Teenager doch meistens Pop hören.

Ja, ich hab mir immer gewünscht andere Musik zu hören! Eines Tages sagte ein Freund meines Vaters – Cui Jian, ein großer Rockstar in China – zu ihm, er solle nicht so streng sein und mir die Freiheit zu geben auch andere Musik kennenzulernen und meinen Geschmack eigenständig zu formen. Dann durfte ich auch andere Musik hören. Cui Jian hat mich quasi gerettet!

Wie kam es denn dazu das Dein Vater diese brennende Leidenschaft entwickelte? Denn wie Du schon sagst, ist Jazz ja eigentlich nichts, was man mit der chinesischen Kultur verbindet – vor allem nicht mit dem China der 90er-Jahre. Wie kam es dazu?

Mein Vater war schon immer eher der Rebell und fing zunächst als Synchronsprecher an. Dadurch kam er in den Kontakt zu anderen Kulturen und mit ausländischen Studenten, die die Übersetzungen überprüften. Dadurch kam er in Kontakt mit Jazz – und kam nicht mehr davon los.

Die Szene traf sich bei uns zu Hause  zum Musikhören und meine Mutter versorgte alle mit Essen und Trinken. Damals waren die Wohnungen so klein und sie sagte irgendwann: „Naja, dann können wir auch gleich eine Bar eröffnen“.  

Die Gazette des House of Blues and Jazz

We’ll take you by your word © House of Blues & Jazz

Praktische Shanghaierin. Musiziert Ihr selber oder gebt Ihr den Musikern lediglich eine Bühne?

Nein, keiner von uns musiziert. Am Anfang waren es nur eine Bar mit Plattenspieler und irgendwann kam ein Musiker und bat an, umsonst live zu performen. So nahm es seinen Anfang. Nach und nach wurden es mehrere chinesische Musiker und Ausländer, die in China lebten. Inzwischen kommen die meisten Bands aus dem Ausland zu uns.

Du lebst nun seit drei Jahren in Berlin. Im August geht es zum Heimaturlaub nach Shanghai. Was vermisst Du denn an der jeweiligen Stadt, wenn Du nicht dort bist.

Das Essen. Es ist einfach anders.

Kannst Du hier in Berlin einen Chinesen empfehlen?

Nein – ich traue mich nicht. Daher koche ich lieber selber. Aber man bekommt eben das Gemüse nicht.

Ah, stimmt, ich habe ja mal Dein sehr leckeres Cola-Chicken probiert. Kannst Du ein Restaurant in Shanghai empfehlen?

Nun, bei meiner Mutter schmeckt es am besten. Aber wir gehen ganz gerne japanisch in unserem Lieblingsrestaurant Ido Kau Row essen. Seit ich klein bin, gehen wir da hin und ich bin gemeinsam mit dem Kind der Chefin aufgewachsen.

Kommen wir zu Deiner Kunst: Trotz des Aufwachsens im „House of Blues and Jazz“ bist Du nicht in die Musik, sondern in die Kunst gegangen und studierst hier in Berlin Malerei.  Wie würdest Du Deine Kunst beschreiben?

Lavia Lin malt

Am Anfang war das Blau © Lavia Lin

Blau.

Mit sieben begann ich zu malen. Ich habe Glück und meine Eltern sind nicht so “typisch chinesisch” – ich wurde nicht zum Klavierspielen usw. gezwungen. Sie fragten mich, wozu ich Lust hatte und ich wollte malen.

Die Kunstschule wurde von einem sehr freigeistigen Paar geleitet. Die Kinder wurden zur Kreativität angeregt. Es wurde lediglich eine Thema vorgegeben und dann ging’s los. Ich fand es nach dem Unterricht immer toll, alle Bilder zu sehen und zu sehen, wie jeder unterschiedlich mit dem Thema umgegangen war.

Mit 18 wurde ich plötzlich abstrakt. Das ist meine Richtung und wenn ich anfange zu malen, habe ich keine Vorstellung, von dem was passieren wird.

Lavia Lin ist Teil der Gruppenausstellung „RÄUME 2“, die in Kooperation mit HNTLND und dem Solar Panel Art Series Projekt vom 22. – 30. September in der ehemaligen Eisengießerei in der Kopenhagenerstr. 60-68 in Reinickendorf stattfindet. Eröffnet wird am 21. September von 18-24 Uhr. Der Eintritt ist frei.

Hat sich Deine Kunst in der Zeit in Berlin verändert? Wenn Du die Bilder von heute und damals vergleichst, was siehst Du?

Ich bin definitiv mutiger geworden. Das kann mit Berlin oder schlicht mit dem Älterwerden zu tun haben, doch meine Bilder werden größer und größer und farbiger. Hier in Berlin wurde ich ermutigt, auch andere Farben zu nutzen. Dennoch beginne ich immer mit Blau. Damit fühle ich mich wohl – ich atme ein und fange an.

Spannend finde ich die Vielfalt: Du hast diesen Jazz-Background, studierst Malerei, hast gleichzeitig großes Organisationstalent und kannst Menschen zusammenzubringen. Du verbindest diese beiden Welten und bringst hier in Berlin Jazz-Konzerte auf die Bühne. Wie gehst Du dabei vor? Wie findest Du die Bands? Wie ist die Reihe „when you talk to me“ in der Galerie „Under The Mango Tree“ gestartet?

In der Galerie war ich vor drei Jahren als Praktikantin. Schon damals verstand ich mich sehr gut mit der Besitzerin und nahm sie mit zu einer Jam-Session. Am Ende fragten sie mich, ob ich mir vorstellen könnte Jazz-Konzerte zu organisieren. Ich war begeistert und kannte zu dem Zeitpunkt schon einige Jazz-Künstler und freute mich, denen einen Gig anbieten zu können. Da freut sich ja eigentlich jeder. Ein Freund brachte mich auf die Idee, Konzerte für Duos zu machen. Das ist auch für den Zuhörer spannender.

Die Band Gwen & Tiana

Die Band Gwen & Tiana spielt vom 15. August bis 11. November im House of Blues & Jazz © House of Blues and Jazz

Wie kamst Du zurück zum Jazz? Bist Du einmal durch alle Musikrichtungen gegangen und bist nun beim Jazz angekommen? Bist Du radikal jazzig, wie Dein Vater, oder beschränkt sich das auf Deine Arbeit?

Ich bin zu 100% Tochter meiner Eltern und habe viele meiner Freundinnen „missioniert“. Natürlich, als ich die Freiheit hatte, habe ich alles Mögliche gehört, vornehmlich Soft Rock. In Berlin jedoch habe ich begonnen, Jazz zu vermissen. Auch wenn ich in meiner Kindheit oft daran verzweifelt bin. Jazz spricht mit mir und ist für mich ein Heimatgefühl. Daher habe ich die Jazz-Szene von Berlin gesucht und gleichzeitig Bands gefunden, die in Shanghai auftreten könnten.

Wie stark ist die Berliner Szene denn ausgeprägt? Wenn man kein Fan ist, bekommt man kaum etwas mit. Die Stadt ist doch sehr vom Elektro geprägt.

Die Jazz-Szene ist in der Tat nicht riesig, aber Möglichkeiten sind da. Es ist hier sehr international und die UDK (Universität der Künste) hat ein wunderbares Jazz-Institut, woher ich meine meisten Musiker kenne. Viele stammen aus Großbritannien, Israel, Russland und sonstwo her. Viele Musiker genießen hier die Freiheit sich auszutoben, was dazu führt, dass man hauptsächlich Free und Experimentaljazz hört. Ich finde das fast schade, da ich es schöner fände, auch mal klassischen, alten Jazz zu hören.

Eine tolle Sache sind auch Deine „live paintings“. Dazu hast Du Dich mit einer italienischen Band zusammengeschlossen: während die spielen, malst Du live zu der Musik. Wie kam es zu dieser Kooperation?

Das ist ein wunderschönes Projekt für mich! Letzten Sommer bekam eine E-Mail von der Band „Satoyama“, was japanisch ist und einen Berg beschreibt, auf dem Mensch und Natur in Harmonie zusammenleben. Sie wollten in Shanghai auftreten und durch China touren. Ich konnte sie bei der Tourplanung nicht unterstützen, doch wir kamen ins Gespräch, sie sahen meine Bilder auf Facebook und sie schlugen mir vor, während ihrer Konzerte zu malen. Ich hab schon oft mit Musik gemalt, aber noch nie live, vor Publikum. Das ist nochmal was ganz anderes.

So bin ich alleine nach Italien – ins Blaue hinein – gefahren,  ohne jemanden zu kennen. Meine Mutter war total entsetzt. In Slowenien hatten wir dann unseren ersten Gig. Das war zuerst ziemlich ungewohnt. Ich kannte weder die Leute noch die Musik.

Play with colours poster

Wie sieht ein Schlagzeugsolo auf der Leinwand aus? © Satoyama und Lavia Lin

Was hättest Du getan, wenn Dir die Musik nicht gefallen hätte?

Das hätte ich nicht gekonnt. Dann kann ich nicht malen, oder nur sehr hässlich malen. Aber die Musik ist sehr vielseitig, bunt, sehr bunt.

Wie muss ich mir das vorstellen? Hast Du einen Musiker getroffen und dachtest „oh, bei dem muss ich Grün benutzen“? Oder kam die Inspiration erst mit dem ersten Ton? 

Das ist schwer zu sagen. Bei Live-Musik muss man sofort reagieren. Normalerweise hört man erstmal die Musik und lässt sich darauf ein. Hier geht es sofort los.

Malst Du den Bass? Malst Du die Hintergrundmusik, das Ruhige? Oder regieren die Blechbläser das Werk? Wie können wir uns das vorstellen?

Es ist nicht einfach die Solos zu hören. Wenn ich male, kann ich mir der Musik nicht ganz bewusst sein und mich fragen: “wie spielt dieser Saxophonist?” Ich merke aber, dass ich beim Bass helle Farben verwende. Und ich identifiziere mit der Gitarre die Farbe Blau. Nicht immer. Ich weiß auch ganz oft gar nicht, was ich machen will. Die Musik malt. Die Musiker sagen mir nicht, was sie spielen werden.

Und wenn mal eine Trompete loslegt? Feuerst Du dann Rot auf die Leinwand?

Orange, Gelb… Ja, meine Bewegung auf der Leinwand folgt der Musik.  

Warst Du mal von einem Bild ganz überrascht? Unterscheiden sich die live paintings sehr von dem, was Du zu Hause malst?

Ja, sehr – bei dem, was ich zu Hause male, habe ich Zeit. Beim Konzert stehe ich unter Zeitdruck und kann die Farben nicht so harmonisieren, wie ich das sonst täte. Das Bild beginnt mit dem ersten Ton und muss beim letzten fertig sein.  

Wann ist das nächste Konzert?

Jetzt haben wir erstmal Pause und überlegen mit der Trans-Sib nach China zu fahren. Bei allen Touren wird das verbrauchte CO2 gemessen und im Ausgleich Bäume gepflanzt.  

Lavia, es ist wunderbar, dass Du diese kulturüberbrückende Arbeit fortführst. Danke für das Interview!

Lavia Lin mit einer Band

Lavia Lin mit einer Band © Lavia Lin

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sinonerds-Autor*in

Caroline Sophie Liebing

Während ihres Studiums in Shanghai arbeitete Caroline in einer Galerie und lernte dort die zeitgenössische chinesische Kunstszene kennen. Zwar führte ihr Weg anschließend in die Wirtschaft, wo sie bei Volkswagen und Bertelsmann auch den chinesischen Arbeitsalltag kennenlernte, doch blieb ihre Faszination für Kunst stets bestehen. Derzeit wohnt sie in Berlin und erkundet für sinonerds die chinesische Kunst- und Start-Up-Szene.

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