Kirche und Basketball am Wütenden Fluss

Julia Conrad studiert International Economics an der Universität Tübingen und hat ein Jahr als DAAD-Stipendiatin an der Shanghai University of Finance and Economics verbracht. Nach dem Abitur  2009 absolvierte sie ein Freiwilliges Soziales Jahr im Nujiang-Tal in der südwestchinesischen Provinz Yunnan. Im Gespräch mit sinonerds erzählt sie vom Leben an einem Ort, wo noch das Huhn gegen das Schwein getauscht wird.

julia_sinonerdssinonerds: Julia, erzähl doch mal, wie alles angefangen hat – wie kamst Du überhaupt auf die Idee, für ein Jahr nach China zu gehen?

Julia Conrad: Mir ging es eigentlich so wie vielen Abiturienten in Deutschland. Ich wusste nicht so genau, was ich als nächstes tun wollte. Ich hatte mit dem Gedanken gespielt, ein Studium anzufangen, hatte aber auch Freunde, die im Ausland waren. Das wollte ich auch ausprobieren, allerdings mal an einem ganz anderen Ort.

…und wie bist Du konkret auf das Nujiang-Tal gekommen?

Ich hatte schon früher Interesse an Asien, weil es als Region kulturell anders ist und gleichzeitig viel zu bieten hat. Das Weltwärts-Programm war damals gerade neu und wurde bei uns an der Schule beworben. Im Internet stieß ich dann über deren Seite auf meine damalige Entsendeorganisation Baumhaus. Das Baumhaus-Projekt war damals dabei, das zweite Mal Freiwillige ins Nujiang-Tal in Yunnan zu entsenden. Mit denen setzte ich mich dann gleich in Verbindung.

Wie lief dann die Vorbereitung ab?

Man muss sich zum Beispiel um Dinge wie Impfungen oder Visum kümmern. Dann gab es ein zweiwöchiges Vorbereitungsseminar, wo uns in einem Kurs gezeigt wurde, wie man ohne Sprachkenntnisse eine Fremdsprache unterrichtet. Außerdem haben wir etwas Chinesisch gelernt, die meisten konnten kein Wort. Am letzten Tag wurden allen Freiwilligen ihre Einsatzorte, also Schulen, zugewiesen.

Was passierte dann ab dem Moment, an dem Du in China aus dem Flieger gestiegen bist?

Zu allererst kamen wir in Kunming an und wurden von den örtlichen Behörden empfangen. Dann wurde es nochmal richtig knapp, denn in einer der Schulen wurde wohl die Schweinegrippe festgestellt, und es war unklar, ob wir überhaupt an die Einsatzorte konnten. Wir mussten drei Tage in Kunming auf eine Entscheidung warten, und diese Millionenstadt war natürlich alles andere als das “andere”, geheimnisvolle ländliche China, auf das wir uns gefreut haben. Dann klärte sich die Situation aber und wir fuhren zunächst nach Liuku, die Hauptstadt der Nujiang-Region. Dort wurden wir allerdings weitere sechs Tage festgehalten, wo untersucht wurde, ob wir nicht irgendwelche Krankheiten, wie die Schweinegrippe, mitgebracht haben. Nach dieser langen, langen Anfahrt wurden wir dann schließlich von unseren jeweiligen Schulleitern abgeholt.

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Als Du schließlich an dem Ort ankamst, an dem Du nun ein Jahr verbringen würdest, was für ein Gefühl war das?

Ich hatte das Gefühl, ich wäre am Ende der Welt. Da fährt man stundenlang durch die Pampa, hier und da mal ein paar Schweine auf der Straße. Die Menschen dort gehören überwiegend Minderheiten an, wir sprachen ihre Sprache nicht, alle starrten uns an. Im Tal gab es nur eine Straße, um uns herum Berge. Doch wir hatten keine Zeit, uns darum Gedanken zu machen, zu unserer Ankunft wurde nämlich ein Riesenfest vorbereitet, und so wurden wir sofort zum Singen und Tanzen geschleppt, zum Trinken und Essen – und so ging das dann die ersten ein, zwei Wochen.

Konntest Du Dich dort denn sofort zurechtfinden?

Ich bin sehr dankbar, dass ich nicht alleine war, sondern gemeinsam mit einer Partnerin entsandt wurde. Das absolute Problem war am Anfang die Sprache. Wir konnten nur wenige Sätze, und so klarzukommen war nicht einfach. Wir hatten Glück, dass wir einen Englischlehrer, frisch aus der Uni, kennengelernt haben, der uns in allem geholfen hat. Die nächsten Monate ist er zu einem unserer besten Freunde geworden.

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Frauen in Lisu-Tracht

Nachdem der Anfangstrubel vorüber war, wie sah Dein Alltag aus?

Morgens gab es erstmal zwei bis drei Stunden Unterricht. In jeder Klasse waren 30-50 Kinder, je nachdem, ob Erntezeit war oder nicht. (Lacht.) Wir haben Englisch unterrichtet, und hatten dabei absolute Gestaltungsfreiheit, was sehr cool war. Die Vorbereitung des Unterrichts hat jedoch auch viel Zeit in Anspruch genommen, wir haben mit den Kindern jongliert, getanzt, Lieder gesungen… Ansonsten haben wir uns oft auch einfach in den Unterricht der ersten Klassen gesetzt, wo die kleinen Kinder die Grundlagen der chinesischen Sprache gelernt haben – und wir eben auch. Chinesisch haben wir dann auch im Lehrerzimmer geübt. Wir hatten aber auch die Aufgabe, zu schauen, was man außerhalb des Unterrichts noch machen kann in dieser Region. Wir haben dann Karten von den ärmeren Bergregionen erstellt, für welche wir dann später ein Kleiderspendeprojekt einrichten konnten.

Wie sieht denn das Leben der Menschen und Kinder im Nujiang-Tal aus?

Die Menschen leben von weltlichen Einflüssen absolut entfernt. Wobei man sie auch unterteilen muss – die, die an der Straße leben und die, die in den Bergen leben. An der Straße haben die Leute Handys, Zugriff auf Verkehrsmittel, sie benutzen Geld. (Lacht.) In den Bergen wird noch das Huhn gegen das Schwein getauscht. Das bedeutet nicht, dass die Menschen dort arm sind, sondern nur, dass sie kein Geld benutzen. Sie brauchen es nicht. Um es auszugeben, müssten sie drei Stunden den Berg runterlaufen. Da machen sie ihren eigenen Tee, Reis und Alkohol, weil es einfacher ist. Außerdem sind die Lisu sehr gläubig und gehen sehr oft in die Kirche, sie gehören seit 200 Jahren dem Christentum an. Dann gibt es noch Basketball. Kirche, Basketball, essen, Basketball, Kirche, schlafen gehen.

Kirche im Nujiang-Tal mit Aufschrift in Lisu

Kirche im Nujiang-Tal mit Aufschrift in Lisu

Gab es Momente, die Dir in diesem Jahr besonders in Erinnerung geblieben sind?

Ganz, ganz viele. Zum Beispiel mein letzter Tag. Alle aus dem Dorf kamen, um sich von mir zu verabschieden. Eine Frau kam aus den Bergen, klopfte an meiner Tür und drückte mir einen Riesensack Eier und Pfirsiche in die Hand, für die Fahrt. Eier sind in Nujiang etwas sehr wertvolles, da die Hühner so unterernährt sind, dass sie kaum welche legen. Es ist grundsätzlich die Herzlichkeit, die einen so berührt. Ein weiterer Hammer war, als ich die Ur-Ur-Uroma von einem Jungen besuchen sollte. Er sagte mir, sie sei die älteste Frau in ganz Nujiang, ungefähr 100. Geburtstage feiern sie ja nicht, wie ich schmerzhaft, beim Versuch einen Geburtstagskalender mit den Schülern zu machen, festgestellt habe – die Leute wissen oft gar nicht, wann sie genau geboren sind. Als ich dann jedenfalls in eine Hütte zu der alten Frau geführt wurde, war das dann auch sehr rührend. Sie saß da, gefühlt nur einen Meter groß, kaum zu sehen in der traditionellen Tracht, sehr runzelig. (Lacht.) Sie strahlte mich mit einem zahnlosen Lächeln an, nahm meine Hand – und begann zu weinen. Sie war so gerührt davon, dass ich da reinkam, dass sie geweint hat.

web_IMG_2152Was konntest Du persönlich mitnehmen, wie hat dich das Jahr beeinflusst?

Was man erstmal mitnimmt, ist, wie glücklich das einfache Leben sein kann. Es kann so viel unbeschwerter sein, ganz anders, als wir es aus Deutschland kennen. Ich hänge jetzt natürlich auch an der Region und war auch nach dem Aufenthalt noch zwei mal da. Dann bin ich ja jetzt auch wieder in China, weil es mir damals gefallen hat, auch die Sprache. Neben dem „chinesischen Kitsch“ ist es schön, Gegenden kennenzulernen, wo die Leute noch ihre Kuh mit einem Seil über den Fluss schicken, Gegenden, die man sonst einfach vergisst. Man sagt, China sei das Land der Kontraste – das würde ich so unterschreiben. Mich freut es, dass ich beide Seiten erlebt habe. Ich interessiere mich außerdem für Wirtschaft und hoffe nun, dass ich mich in der Zukunft mit Entwicklungsprojekten für Regionen wie Nujiang beschäftigen kann.

Würdest Du so ein Jahr Freiwilligendienst in Nujiang oder bei einem ähnlichen Projekt weiterempfehlen, und wenn ja, wem?

Also, erstmal muss man sagen, wir sind damals mit der Idee hingefahren, wir helfen der ganzen Weltbevölkerung, indem wir Hunger und Not bekämpfen. Ich glaube aber nicht, dass wir als Abiturienten die Ausbildung haben, um so viel zu bewegen, wie zum Beispiel ein Doktor, der gegen AIDS kämpft. Viele, die mit der Erwartung herangehen, Leute zu „retten“, sind am Ende enttäuscht. Die Hilfe, die wir leisten, ist nicht auf dem Niveau, das sich einige vorstellen. Persönlich nimmt man am meisten mit, es ist ganz klar mehr ein interkultureller Austausch, als ein Hilfsprojekt. Wer aber echtes Interesse hat, mal eine komplett andere, auch ungewöhnlichere Kultur und Sprache wie Lisu kennenzulernen und dafür auch bereit ist, sich an das dortige Leben anzupassen, für den wird es eine super Erfahrung sein.

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sinonerds-Autor*in

Arseny Knaifel

Arseny Knaifel hat Chinastudien in Berlin und Peking studiert und ist Gründer und Rapper in Chinas deutschester Band Feichang Fresh. Nach einem turbulenten Jahr in einer chinesischen Agentur für Social Media Marketing, ist er aktuell als Filmemacher in Berlin und der Welt unterwegs.

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