Ja, Kalligrafie kann auch anders!

Schrift in China – schon zu oft gehört? Die Ausstellung Secret Signs – Zeitgenössische Kunst Chinas im Namen der Schrift lädt zurzeit in der Sammlung Falckenberg in Hamburg dazu ein, sich näher mit dem Reichtum des zeitgenössischen Schriftkosmos in China und seinem heutigen Kunstanspruch zu beschäftigen.

Man muss kein Sinonerd sein, um zu wissen, dass chinesische Zeichen einen – wenn nicht sogar den wesentlichen – Teil des chinesischen Kulturverständnis ausmachen. Chinesische Künstler im In- und Ausland, das heißt vor allem die Generation der so genannten Avantgarde-Künstler, beschäftigten sich spätestens seit den 1980er Jahren mit dem Thema Sprache und Schrift in einem aktuellen Kontext. Die meisten davon prägte in jungen Jahren die Mao-Ära und ihre Schriftreform, die so auch zum künstlerischen Ausdruck ihrer Erfahrungen beitrug. Was bedeutet die Jahrtausende alte Schriftkultur in China heute? Funktioniert Kalligrafie noch in einem zeitgenössischen Kontext? Gängige Formate wie Malerei und Hängerollen werden von Künstlern oft durch neue Medien wie Videoinstallationen, Skulpturen und Rauminstallationen ersetzt. Die Ausstellung Secret Signs bietet eine vielfältige Übersicht über derzeitige chinesische Künstlerverständnisse in einer Welt des Umbruchs. Angesichts der unglaublichen Vielfalt und Anzahl an Kunstwerken und Künstlern möchte ich euch vier Künstler und ihre Arbeiten vorstellen.

Xu Bings Book from the Sky (1987-91), Druck auf xuan-Papier, © Henning Rogge / Deichtorhallen Hamburg

Xu Bings Book from the Sky (1987-91), Druck auf xuan-Papier, © Henning Rogge / Deichtorhallen Hamburg

Xu Bing und seine ausgedachten Zeichen

Die Künstlergröße Xu Bing ist vor allem durch das Werk Tianshu (mit dem englischen Titel Book from the sky) international bekannt geworden. Es handelt sich um eine riesige Rauminstallation von Hängerollen und Büchern, die mit 4.000 komplett erfundenen (aber aus existierenden Radikalen zusammengesetzten) Schriftzeichen bedruckt ist. Eines dieser pseudo-authentischen Bücher ist hiervon ausgestellt und fasziniert damals (vor 30 Jahren begonnen) wie heute: Prätentiöse Sinologen vertiefen sich über die (falsche) Schrift in der Vitrine gebeugt in ihr Wörterbuch, Unwissende schauen interessiert, und Chinesisch-Lerner zweifeln an ihren Fähigkeiten. Xus humoristischer Ansatz regt auf den zweiten Blick jedoch zum Nachdenken und Hinterfragen an. Schrift oder Non-Schrift – wo fängt die Bedeutung der Wörter an, wer sagt überhaupt, sie seien bedeutungsLOS? Ist dies eine Wortkritik, also eine Kulturkritik? So auch in Xu Bings landscripts-Arbeiten: Die in der Natur entstandenen Tuschezeichnungen von Landschaften ersetzen z.B. die wahrhaftige Abbildung von Bäumen mit den Schriftzeichen von „Baum“. Seine künstlerische Auseinandersetzung mit chinesischer Schrift wirft die Frage nach dem kognitiven Denkprozess auf: Wie werden Zeichen wahrgenommen? Wird erst auf die Phonetik des Begriffs geachtet während man das Zeichen sieht oder erfolgt die bildliche Wahrnehmung zuerst und dann der Schluss auf ein Wort? Zeichen, Piktogramm und Malerei verschmelzen mit der Landschaft, Natur und Schrift werden vom Betrachter als untrennbar aufgefasst.

Yuan Gong: Kein Blick hinter die Kulissen

Eine wirklich raumgreifende, ästhetische Installation bietet Yuan Gong im hinteren Teil der ersten Etage. Mit rotem, bedrucktem Vorhangstoff kreiert er eine Art kleines Kabinett, Red Curtains 5/12, das man nur von außen betrachten kann. Die gelben, senkrechten Schriftzüge darauf sind ermunternde Parolen von Partei-Bannern nach dem Erdbeben in Wenchuan 2008, und auf einer Wand ist ein BIldschirm angebracht, auf dem als Pendant eine Dokumentation über die verheerenden Folgen gezeigt wird. So klassisch die Vorhanginstallation auch ans Theater (und hier auch an die Modellopern) erinnert, so wirken die Sprüche, die sogar Chinalaien sofort als kommunistische Banner identifizieren könnten, fast banal. Trotzdem beeindruckt das Gesamtbild des Raumes und man wünscht sich fast, einen kurzen Blick hinter die „Kulissen” (das politische Theater?) werfen zu dürfen.

Yuan Gong, Red Curtains 5/12 (2009), Installation, © Henning Rogge / Deichtorhallen Hamburg

Yuan Gong, Red Curtains 5/12 (2009), Installation, © Henning Rogge / Deichtorhallen Hamburg

Die Sisyphosarbeit von Qiu Zhijie

Qiu Zhijie, ein internationaler multimedialer Künstler, ist in der Sammlung mit seinem Schlüsselwerk Copying the „Orchid Pavilion Preface“ a Thousand Times, das zwischen 1990 und 1995 entstand, vertreten. Ganz in traditioneller Manier kopiert der Künstler einen Teil des bekannten chinesischen Meisterwerks Orchideenpavilion, jedoch nicht auf einzelnen Blättern, sondern stattdessen immer wieder auf dem gleichen Papier. Der Prozess des immer dichteren, schwärzeren Blattes wurde sowohl auf Foto als auch auf Video festgehalten, die zusätzlich zu dem Original gezeigt werden. Als Besucher steht man verwirrt und beeindruckt zugleich vor dem Bildschirm. Es ist eine potentielle Ewigkeit, eine Sisyphosarbeit, denn gibt es jemals ein Ende dieser Tätigkeit? Die langwierige Arbeit über fünf Jahre treibt die meditative Praxis von Kalligrafie ins Extreme, ja fast Absurde, und verbindet den traditionellen Kopiergedanken mit einem Werk der Abstraktion.

Yuan Xinguangs bewegte Zeichen

Auch choreografische Elemente spielen in die gegenwärtige Wahrnehmung von Kalligrafie hinein, wofür sich das Medium Video wunderbar eignet: Yang Xinguang dokumentiert in Line (2012) eine Art Kalligrafie-Performance, die auf den Betrachter wie eine stark ironisierte Darstellung von kreativem Schaffen wirkt. In dem 30-Sekunden-Video sieht man den jungen Beijinger Künstler an einem Tisch sitzen und mit übertriebener Gestikulation ein geschwungenes Zeichenbild mit Bleistift (das in der Ausstellung daneben eingerahmt an der Wand hängt) anfertigen. Dessen Bedeutung bleibt jedoch selbst einem bewanderten Chinesen verborgen. Ist das Kunst oder Karikatur? Es ist – in jedem Fall – für jedermann zugänglich.

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Ausschnitte aus Ai Weiwei’s Blog, 2005-2009. © Henning Rogge / Deichtorhallen Hamburg

Zeichen, die nach China deuten

Das Spektrum der Schriftsprache in dieser Ausstellung ist so weit gefächert, dass es fast unmöglich scheint, alle gezeigten künstlerischen Aspekte darzulegen. Die 110 ausgestellten Werke eröffnen den Besuchern auf den fast 6.000 m² Ausstellungsfläche das heutige Universum der chinesischen Zeichen und deren derzeitige Präsenz, die nationale Grenzen schon weit überschritten hat. Beim Anschauen der Arbeiten kristallisiert sich schnell heraus, dass das Schreiben und Lesen gerade heute eine globale Thematik ist und zum aktuellen, kulturellen Selbstverständnis in China dazugehört. Auch, wenn nicht sogar vor allem, Nicht-Sinologen können in den Kunstansätzen einen innovativen Zugang zu dem eher intellektuell-verschlossenen Bereich der chinesischen Sprache und Kalligrafie gewinnen. Wer weiß, vielleicht kann auf diesem Wege sogar beim Einen oder Anderen Interesse am Erlernen der geschichtenreichen Zeichen geweckt werden?

  • Die Ausstellung Secret Signs – Zeitgenössische Kunst Chinas im Namen der Schrift lief bis zum 8. Februar in der Sammlung Falckenberg in Hamburg-Harburg.
  • Link zu den Deichtorhallen & der Sammlung Falckenberg
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sinonerds-Autor*in

Clara Tang

Clara Tang ist Urberlinerin, Hashtagliebhaberin und Bastelfreak. Die Kunstgeschichtsstudentin ist Sinologin im Herzen und träumt von ihrem nächsten Chinaabenteuer. Am glücklichsten ist sie mit gutem Kugelschreiber, einer weißen Seite und zu vielen Ideen.

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