Juristenchinesisch, aber wirklich

Ein Jurastudium in China können wir nur den Hartgesottenen empfehlen

Sprachstudium in Kunming: eine relativ häufige und sicherlich auch nicht völlig verkehrte Wahl, die auch ich traf. Doch war die Didaktik veraltet, der Lernfortschritt gering und die Motivation bald schwindend. Nach einem Semester war die Zeit reif für einen Fachwechsel: neue Uni, neues Glück!

Der Entschluss, den Sprachkurs zu verlassen, fiel mir nicht schwer, und auch ein neues Fach war schnell gefunden. Sprachlastig sollte es sein, mit viel Text und dicken Büchern; was könnte da besser passen als Jura. Die Umsetzung des Entschlusses war hingegen schwieriger. Das Sommersemester stand vor der Tür, die Zeit drängte ein wenig und meine ursprüngliche Uni, die Yunnan University, ließ nur zum Wintersemester neue Studenten, egal in welchem Fach und mit welchem Ziel, zu. So landete ich schließlich bei der Kunming University of Science and Technology (KMUST), die ihren Schwerpunkt zwar nicht in der Rechtswissenschaft setzt, die jedoch (es mag überraschen, aber es stimmt wirklich) eine flexible Verwaltung besitzt. Dort wurde ich kurzerhand zum „general visiting scholar“ erklärt und in einem erfrischend unkomplizierten Vorgang immatrikuliert.

Auf dem Campus der KMUST

Auch die Kurswahl war recht einfach. Ich belegte im Sommersemester Kurse der Studierenden im zweiten Semester, im Wintersemester des dritten Semesters. Aus den Stundenplänen sortierte ich kurzerhand diverse nicht-juristische Fächer aus, die alle regulären Studierenden belegen müssen. Dieses Kompendium reicht von Marxismus und Mao-Zedong-Theorie einerseits bis zu Kursen in Gedichten der Tang-Dynastie und russischer Geschichte und Kultur.

Es blieben dann die eigentlichen rechtswissenschaftlichen Kurse: Strafrecht I, Zivilrecht I, Vergleichende Verfassungslehre, Chinesische Rechtsgeschichte und Ausländische Rechtsgeschichte (Sommersemester) bzw. Strafrecht II, Verfassungsrecht, Lebensmittelsicherheitsrecht, Tourismusrecht und Recht der ethnischen Minderheiten (Wintersemester).

Pauken nach der alten Schule

Viele Unterschiede zwischen dem deutschen und dem chinesischen Jurastudium sind mir erst nach meiner Rückkehr nach Deutschland wirklich aufgefallen, als ich für meine Master-Zulassung Jurakurse nachholen musste. Erstens: Die Vorlesungen sind tatsächlich Vor-Lesungen, der Dozent liest mehr oder minder aus dem Lehrbuch oder seinen Powerpoint-Folien vor und stellt ab und an Zwischenfragen, auf die die antwortenden Studenten eine Art mündliche Note erhalten. Der Unterricht ist aber paradoxerweise meistens spannend, und nicht wenige Dozenten schaffen es trotzdem, Studenten für das Fach zu begeistern. Und ja, es herrscht Anwesenheitspflicht.

Fragen aus einer Klausur

Ein weiterer Unterschied: Im Gegensatz zu Deutschland verwenden die wenigsten Studenten Gesetzestexte. Falls es doch mal um bestimmte Paragraphen geht, bricht eine gewisse Hektik aus, in der nahezu der gesamte Hörsaal leicht panisch versucht, sich schnell das entsprechende Gesetz aus dem wackeligen Uni-WLAN auf das Handy zu tüfteln. Ist die Arbeit am Gesetz in der Vorlesung nicht so wichtig, weil sie für die Klausur nicht erforderlich ist? Oder ist sie in der Klausur nicht erforderlich, weil sie in der Vorlesung nicht behandelt wurde?

Es ist eine klassische Huhn-oder-Ei-Frage, aber so oder so macht sich diese gänzlich andere Herangehensweise deutlich bemerkbar, denn Falllösungstechniken werden praktisch gar nicht geübt und die Klausuren bestehen überwiegend aus Multiple-Choice-Fragen, ergänzt durch einen oder zwei kleinere Fälle, die es zu „analysieren“ gilt (anli fenxi 案例分析), natürlich auch ohne Gesetz.

Dass das Gesetz wenig verwendet wird, soll jedoch nicht bedeuten, dass man nicht mit ihm vertraut sein muss: Für das chinesische Staatsexamen müssen Prüflinge die allermeisten Paragraphen auswendig können (denn auch hier gilt: kein Gesetzbuch in der Klausur), weshalb in vielen Kursen als Hausaufgabe gestellt wird, ganze Gesetzesbücher abzuschreiben, denn das übt tatsächlich. Glücklicherweise blieb mir und meinem Jahrgang während meines Aufenthalts an der KMUST dieses Schicksal aber erspart.

Kunming, die ungeahnte Studentenstadt

Meine Kommilitonen stammten größtenteils aus Yunnan, doch einige hatte es auch aus so entfernten Ecken wie Hubei, Chongqing oder gar Tianjin nach Kunming verschlagen. Sie alle waren bei Fragen ihrer zwei ausländischen Kommilitoninnen (es gab auch noch eine Studentin aus Laos) sehr hilfsbereit und mit einigen bin ich nach wie vor in Kontakt.

Wie viele andere chinesische Städte auch, hat Kunming weit außerhalb der ursprünglichen Stadtmitte eine University Town errichtet, in der fast alle Fakultäten der meisten Unis vertreten sind. Im Zentrum bleibt nur noch ein Teil der Verwaltung und eine Handvoll Institute.

Die Kunminger University Town im Stadtteil Chenggong ist also sehr neu und wirkt mitunter überdimensioniert, aber in den kommenden Jahren wird mit einem nicht unbeachtlichen Bevölkerungswachstum gerechnet. Auf manchen mag dieser Ort mit seinen riesigen Hochhäusern und gigantischen Straßen künstlich und irgendwie merkwürdig wirken, aber man lebt sich hier sehr schnell ein und genießt die gesunde Luft, moderne Infrastruktur und das aufkeimende Studentenleben.

Was habe ich also während dieses Aufenthaltes an der KMUST gelernt? Zum einen inhaltlich viel, da ich mich vorher nie mit Juristischem befasst hatte, und außerdem war diese Zeit entscheidend für die Wahl meines Masterstudiengangs „Chinesisches Recht und Rechtsvergleichung“. Zum anderen aber war die Erfahrung, nicht wie bei vorherigen Uni-Aufenthalten in China an einem Sprachkurs teilzunehmen oder zusammen mit anderen Teilnehmern eines Austauschprogramms spezielle Kurse miteinander zu belegen, wirklich spannend und für mich prägend. Ich kann dieses Vorgehen allen nur empfehlen, die einen genaueren Einblick in den chinesischen Studienalltag gewinnen möchten.

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sinonerds-Autor*in

Charlotte Degro

Nach ihrem Bachelorstudium der Sinologie in Leipzig und Kunming zog es Charlotte zurück nach China, wo sie an der Kunming University of Science and Technology Rechtswissenschaften studiert. In ihrer Freizeit reist sie gerne, liebt Bücher ebenso wie chinesische Straßenküche und versucht sich an diversen Fremdsprachen, Geige und Badminton. Charlottes eigener Blog ist shenghuoshenghuo.tumblr.com.​

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