Jung, ungestüm, aus Chengdu

Jetzt noch ungestümer

In Chengdu ist nicht nur das Essen heiß, fettig und scharf, sondern auch die Liedtexte der Untergrundhiphopszene, die hier so lebendig ist wie kaum anderswo in China. Der Rapper Fat Shady ist ein Beispiel für eine chinesische Jugend, die ihren Alltag nicht mehr akzeptieren will, sondern sich zu Wort meldet.

Das erste mal stoße ich auf Fat Shady (謝帝), als ich in einem kleinen Skateboardladen in Suining, Sichuan, mit ein paar Freunden nach Ladenschluss sitze. Wie immer gibt es Bier, scharfe Hühnerfüße, eingelegtes Gemüse und Erdnüsse. Aus den Boxen kommt amerikanischer Hiphop.

Es ist schon spät, wir haben schon einige Runden Kartenspiele hinter uns, als mein Freund Zhiyuan mir plötzlich etwas vorspielen will. Ein Beat, Hiphop, na klar. Aber dann: chinesischer Rap dazu. Und zwar ziemlich schnell. Ich verstehe gar nichts. Das stört ihn und die anderen nicht, sie schreien laut mit und kichern unentwegt. Okay, mein Chinesisch ist sowieso nicht so gut und die Geschwindigkeit hat nicht gerade geholfen. Ich höre es mir nochmal an. Jetzt verstehe ich einzelne Satzfetzen und Worte, habe aber immer noch keine Ahnung, um was es geht. Dann verstehe ich auch warum: Der Text ist auf Sichuanesisch. 120 Millionen Menschen rund um die süd-westliche Provinz Sichuan sprechen Sichuanesisch. Würde mensch es als eigene Sprache zählen, wäre es Platz 10 der meistgesprochenen Sprachen.

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In Shanghai und Beijing wird Sichuanesisch oft belächelt, denn viele finden, es klingt bäuerlich oder zu roh. An der Schule, an der ich damals unterrichtete, versuchten die Lehrer_innen, den Schüler_innen Mandarin beizubringen, auch wenn sie sich selber oft unsicher fühlten. Zhiyuan erzählt mir, dass er früher, als er in Guangdong lebte, seinen sichuanesischen Dialekt am liebsten abgelegt hätte. Heute mag er ihn wieder. Auch wegen Fat Shady und seiner Chengdu Rap Collective (CDC).

Die CDC, das sind ein paar Jungs, die in ihrer Freizeit skateboarden, kiffen, Bier trinken, und denen amerikanischer Rap irgendwann nicht mehr gereicht hat. Deshalb haben sie angefangen selber Musik zu machen. Sie rappen über alles Mögliche – über ihre Heimatstadt Chengdu, über ihre Träume, über Marihuana, ihren Alltag eben. Melo, der auch Teil des Kollektives ist, war beispielsweise genervt von dem Blacklisting der beliebten amerikanischen Taxi-App Uber. Er schrieb darüber einen Song und lud ihn auf seinen QQ-Account – der Song musste aber wegen regierungskritischem Inhalt prompt wieder aus dem Netz genommen werden.

Bekannt in ganz China wurde der 25-jährige Fat Shady im Januar 2014, als er bei einer TV-Show namens Sing My Song (中國好歌曲) war. Das Prinzip ähnelt dem von The Voice of Germany, nur dass die Kandidat_innen ihre selbstgeschriebenen Lieder vortragen. Fat Shady rappte 明天不上班, was mensch als „Morgen blaumachen“ übersetzen könnte. Er rappte über den Alltagstrott, über ewig gleiche Routinen, und darüber, dass er keine Lust darauf hat, am nächsten Tag arbeiten zu gehen. Und er kam damit gut an: er erhielt die nötigen zwei Stimmen der vier Juror_innen und wurde auf einer der CDs, die aus der Show heraus entstanden, veröffentlicht.

Danach trat er in verschiedenen Städten Chinas auf, rappte auf Eröffnungen und Tagungen. Sein Publikum war dabei immer gemischt: Arbeiter_innen, Kinder, Soldat_innen, alles war dabei. Vor seinem Auftritt im staatsweiten Fernsehen war das noch ganz anders. Da hörten ihn hauptsächlich junge Sichuanes_innen, die wie ihre Idole auch skateboarden, amerikanischen Hiphop hören und die damit verbundene Ästhetik mögen. Die Hiphopszene in China ist nicht sehr groß. Aber in Chengdu ist sie größer als in vielen anderen Städten.

Vor Fat Shady und dem CDC, waren Big Zoo aus Chengdu die erfolgreichste Gruppe, bis sie alle begannen, im Ausland zu studieren und dafür ihre musikalische Kariere pausierten. Immer noch gehört Chengdu zu den besten Adressen in ganz China in Sachen Untergrundhiphop. Oft gibt es Rapwettkämpfe in Bars oder Clubs, und mit ein bisschen Glück kann mensch die Rapper von CDC dort auch privat antreffen. Chengdu scheint mit seiner entspannten, ungestressten Lebensweise, der einzigartigen Barkultur und vielen internationalen Einflüssen, aber auch mit seiner Toleranz gegenüber Drogen und der allgegenwärtigen Armut Rapper besonders gut großzuziehen.

Fat Shady ist nicht unumstritten. Viele seiner Texte, besonders ältere, die nicht auf youku und Co. zu finden sind, sind sexuell explizit und teilweise sehr graphisch. Hier gibt es eine Parallele zu Fat Shadys Namensgeber, dem US-amerikanischen Rapper Eminem, der oft als sein Alter-Ego Slim Shady auftrat und ähnliche Kritik geerntet hat. Eminem ist einer der großen Einflüsse von Fat Shady, und doch hat er es geschafft, einen eigenen Stil aufzubauen. Manche vergleichen ihn mit dem sichuanesischen Essen: heiß, fettig und scharf.

Ob mensch sich mit Shadys Texten identifiziert, ob einem seine Songs gefallen, ist jede_m selbst überlassen. Aber eins muss mensch ihm zugestehen: Er tut etwas für die kulturelle und sprachliche Vielfalt in China. Er gibt Menschen, die sich sonst beim Radiohören nicht wiederfinden, eine Stimme und außerdem rappt er verdammt gut.

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Die Bilder im Text zeigen Freunde des Autors und wurden bereitgestellt von Moritz Roemer

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sinonerds-Autor*in

Moritz Roemer

Moritz wohnt in Berlin und hat in Sichuan, Zhengzhou und Beijing gelebt. Neben dem Studium der Sozialwissenschaften beschäftigt sich Moritz mit Aktivismus, Independent Film und damit, das beste Hotpot-Restaurant im näheren Umkreis zu finden. Ist definitv Taobao-abhängig.

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Siyuan
Leser*in

Geiles Zeug und cooler Auftritt! Danke für den Artikel!

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