Italienerin oder Chinesin? – Das Problem mit der Identität

Diana Shu, 22, ist im italienischen Mailand geboren und aufgewachsen. Ihre Eltern stammen aus dem südchinesischen Guangzhou. Nach ihrem Abitur verbrachte sie ein Jahr in China, um ihr Chinesisch zu verbessern und zog danach nach Frankreich, um Tourismus und Hotelmanagement zu studieren. Mit sinonerds spricht sie über das Dilemma der transnationalen Identitätsfindung, über Diskriminierung und die Suche nach einem Zuhause.

Diana Shu

Diana Shu

sinonerds: Diana, was bedeutet Identität für Dich?

Diana Shu: Das ist eine sehr abstrakte Frage, und ich verspüre immer eine leichte Verwirrung, wenn ich sie beantworte, da ich über keine wirkliche nationale Identität verfüge. Meine Eltern kommen aus China, und ich selbst bin in Italien geboren. In der Schulzeit habe ich mich zwar meistens als Italienerin gefühlt, aber da ich chinesisch aussehe, wurde diese Identität von außen oft nicht akzeptiert – zumal ich bis zum 18. Lebensjahr auch noch einen chinesischen Pass hatte. In meiner Teenagerzeit konnte ich aber kein Chinesisch schreiben und auch nur wenig Chinesisch sprechen, und in China bin ich bis heute Ausländerin, da mir das Denken dort in vielerlei Hinsicht fremd ist. Mit dem Erwachsenenleben ist die Einsicht gekommen, dass meine Identität nun einmal eine gemischte ist, und das der Begriff „Identität“ sowieso viel zu weit ist, um die Person, die ich bin, zu fassen. Staatsbürgerschaft und Nationalität sagen manchmal nur wenig über die Identität eines Menschen aus.

Du bist in Mailand aufgewachsen. Gibt es dort viele Chinesen?

Ja, sehr viele. Die größte Migrationswelle von Chinesen nach Mailand fand um 1995 herum statt. Zu der Zeit war es auf Grund einer freundlichen Einwanderungspolitik plötzlich ziemlich einfach, eine Aufenthaltsgenehmigung für Italien zu bekommen, und so kam es, dass viele Ausländer, auch Chinesen, sich bei ihren Migrationsplänen für Italien entschieden. Die neu angekommenen Chinesen öffneten in der Regel China-Restaurants oder Geschäfte. Auch die Gründung der Mailänder Chinatown fällt in diese Zeit. Heute spielen die Chinesen eine immer größer werdende Rolle im Machtgefüge der Stadt, da sie wirtschaftlich sehr erfolgreich sind und mit ihrem Reichtum natürlich auch Macht anhäufen.

In Mailand gibt es  auch viele Leute wie mich, also Menschen, deren Eltern aus China stammen und die selbst in Italien geboren sind. Ich glaube, dass viele von ihnen ein ähnliches Problem damit haben zu bestimmen, was ihre Identität ist. Viele wachsen aber isolierter von der italienischen Gesellschaft auf, als ich damals, da ihre Eltern zum Teil sehr konservativ sind und nicht möchten, dass sie zu viele italienische Freunde haben und “negativen Einflüssen” ausgesetzt sind. Außerdem hoffen viele Eltern, dass ihre Kinder später einen Chinesen bzw. eine Chinesin heiraten – am besten innerhalb der Chinatown-Gesellschaft. Ich denke, ich habe großes Glück mit meinen Eltern gehabt, denn sie sind sehr offen, denken international und haben mir immer viele Freiheiten gelassen.

In deinen letzten drei Jahren auf dem italienischen Gymnasium warst Du unter deinen Klassenkameraden die Einzige mit ausländischen Eltern. Hatte dieses „Anderssein“ irgendwelche Auswirkungen für Dich?

Ja, große Auswirkungen. Zum einen war der Unterrichtsinhalt für mich schwerer zu begreifen, da mir in Fächern wie Geschichte und italienische Literatur oft die Basis fehlte, die meine Klassenkameraden ganz natürlich durch ihre familiäre Herkunft hatten. Auch wenn ich mich sehr italienisch fühlte, hatte ich nun einmal keine italienischen Großeltern, die mir von italienischer Geschichte hätten erzählen können. Das führte dazu, dass ich viel fleißiger sein musste, um in diesen Fächern mithalten zu können. Dieser Fleiß hatte zur Folge, dass ich die Klassenbeste wurde, was mich im Klassenverband wiederum sehr unbeliebt machte. Meine Klassenkameraden kamen einfach nicht damit klar, dass ausgerechnet jemand mit chinesischer Herkunft schulisch besser war, als sie selbst. Ich glaube, da war auch viel Neid mit im Spiel – auf jeden Fall behandelten sie mich wie einen Außenseiter.

Nach Deinem Abitur hast Du ein Jahr in Guangzhou verbracht und dort Chinesisch studiert. Wie bewertest Du diese Erfahrung?

Das war eine sehr bewegende Zeit für mich. Ich lernte so viele Leute kennen, die ganz ähnliche Erfahrungen gemacht hatten wie ich: Kinder von chinesischen Eltern, die in anderen Ländern geboren und aufgewachsen waren. Obwohl wir in sehr verschiedenen Ländern aufgewachsen waren und von verschiedenen Kulturen geprägt geworden sind, fühlte ich mich diesen Mitschülern sofort viel näher, als es mit meinen italienischen Mitschülern je der Fall gewesen war.

Auf der anderen Seite die verrückte Situation, ständig für eine Chinesin gehalten zu werden. Die Leute in China dachten immer: die sieht Chinesisch aus, die spricht Chinesisch, also ist sie Chinesin. Das war aber natürlich nicht der Fall, und daher waren die Leute oft überrascht, wenn ich mich anders verhielt, als sie erwarteten. Ich wohnte zu der Zeit bei meinen Verwandten, die versuchten, mir alles über die chinesische Kultur beizubringen. Interessanterweise begann ich mich in China richtig zu Hause zu fühlen, obwohl ich zuvor immer geglaubt hatte, dass nur Italien mein Zuhause sein kann.

Seit zwei Jahren lebst Du in Frankreich, wo Du Tourismus und Hotelmanagement studierst. Zwischendrin hast Du fünf Monate in Monaco gearbeitet… das klingt alles sehr international! Weißt Du schon, wo Du später einmal leben möchtest?

Keine Ahnung! Momentan fühle ich mich in China zuhause, weil dort der Großteil meiner Familie lebt. Als ich im Februar das erste Mal nach zwei Jahren wieder dort war, fühlte ich mich einfach nur glücklich. Ich kann nun nicht mehr sagen, dass ich mich in Italien besonders zu Hause fühle, da von den Menschen, die mir wichtig sind, nur noch meine Mutter und einige wenige Freunde dort leben. Vielleicht hat es auch damit zu tun, dass ich in meiner Schulzeit viel unter Diskriminierung gelitten habe. Also, keine Ahnung, wo ich in der Zukunft leben werde… vielleicht in China… vielleicht aber auch in irgendeinem anderen Land auf der Welt.

Vielen Dank für diesen sehr persönlichen Einblick, Diana. Wir wünschen Dir alles Gute für die Zukunft, wohin sie Dich auch immer verschlägt!

Das Interview wurde durchgeführt und aus dem Englischen übersetzt von Jana Brokate

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sinonerds-Autor*in

Jana Brokate

Schulbesuch in Beijing, Studentenleben in Guangzhou, Sinologiestudium in Berlin, unterschiedlichste Chinareisen und Projekte mit Chinabezug – Janas Erfahrungen bezüglich dem Land der Mitte sind vielfältig. Ihren Horizont erweitert sie am liebsten mit Sprachenlernen, Reisen und Fragen stellen.

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