Der Mandarin-Code 4: Das brillante System der Zeichen

Wie viele Schriftzeichen gibt es? Ist die Aussprache wirklich so schwer? Kann man Chinesisch überhaupt lernen? In unserer Inforeihe Der Mandarin-Code schreibt sinonerds-Autor Lewe über die vielen Fragen, denen frische oder angehende Chinesischlernende begegnen und räumt so die eine oder andere Unklarheit aus dem Weg.

Die Bedeutung und Aussprache chinesischer Schriftzeichen erschließen sich dem ungeübten Auge nicht. In dem Meer von Strichen, das man als Laie sieht, ist kaum ein Zeichen leicht wiederzuerkennen — denn nicht nur gibt es eine ganze Menge von ihnen, sie neigen auch dazu, sehr kleinteilig zu sein. Allzu schnell sieht man vor lauter Zeichen den Horizont nicht mehr.

Die Welt in Bildern

Tatsächlich steckt in der Zeichenflut eine geniale Logik. Wir wissen, dass hàn zì 漢字 in ihrem Ursprung auf Abbildungen von Menschen, Tieren, Gegenständen und den Elementen der Natur zurückzuführen sind. Als mit der Zeit komplexere Bedeutungen in Form solcher Abbildungen festgehalten wurden, entwickelten sich die Schriftzeichen dementsprechend: sie wurden abstrakter.

Während Schriftzeichen in ihrer Urform noch in einem hohen Maß Dinge gemäß ihrer tatsächlichen Erscheinung darstellten, deckten sie in ihrer weiterentwickelten Form ein weites Feld an übertragenen Bedeutungen ab. Darüber hinaus entstanden Verben, Adjektive und andere Wortarten, die sich nicht eins-zu-eins abbilden lassen. Heute hat die chinesische Sprache einen riesigen Wortschatz, der sich aus den Kombinationen von mehreren Tausend Zeichen zusammensetzt (siehe Der Mandarin-Code Teil 3).

Semantikum + Phonetikum = Schriftzeichen

Wer ahnt, dass eine solche Menge an Zeichen eine feste Konstante braucht, der liegt völlig richtig: Unglaubliche 80 % aller Schriftzeichen folgen einem ganz bestimmten Muster. Wie genau geht das? Typischerweise lässt sich ein Schriftzeichen in zwei Bestandteile zerlegen, die man sich als Wegweiser vorstellen kann. Der eine zeigt das Bedeutungsfeld eines Schriftzeichens an, der andere gibt einen Hinweis zur Aussprache. Diese beiden Bestandteile heißen Semantikum (die Bedeutung anzeigend) und Phonetikum (die Aussprache anzeigend). Die „Teilchen“ eines Schriftzeichens werden unabhängig von ihrer Funktion auch Radikale genannt, da sie gewissermaßen die Wurzel eines Zeichens sind.

Wir können also aufatmen: mit etwas Übung lesen sich chinesische Zeichen einfacher, als man anfangs denkt. Allerdings folgen sie nicht den Regeln unserer Buchstabenschrift, in der jedes Wort seine exakte Aussprache preisgibt. Ein wenig mehr Kreativität muss her, um das Muster der chinesischen Schrift entschlüsseln zu können.

Der Code

Das Phonetikum eines hàn zì gibt zwar einen Tipp, wie das Zeichen ausgesprochen werden könnte, liefert aber keine präzise Vorgabe zum Ablesen. Vielmehr ist dieser Bestandteil oft ein anderes Zeichen mit ähnlicher Aussprache, das aus weniger Strichen besteht und eine völlig andere Bedeutung hat. Die Abweichung in der Aussprache zwischen dem Ausgangszeichen und seinem Phonetikum kann z.B. ein anderer Anlaut sein (aus zhao wird shao oder aus zuo wird cuo) oder eine Lautverschiebung (aus ling wird leng oder aus ding wird deng). Mit dem Ton der Silbe hilft das Phonetikum meistens nicht weiter (umso wichtiger, dass man sich die Töne einprägt, siehe Der Mandarin-Code Teil 2!), denn sie verschieben sich scheinbar willkürlich von Zeichen zu Zeichen.

Das Semantikum verrät uns das Bedeutungsfeld des jeweiligen hàn zì. Diese Eigenschaft ist vergleichbar mit bestimmten Vorsilben im Deutschen: „Bio-“ bedeutet Leben, „astro-“ hat mit Sternen zu tun, „phys-“ mit dem Körper, „psych-“ verweist auf den Geist usw. Im Chinesischen ist das Semantikum für den Großteil aller Schriftzeichen ein essentieller Bestandteil. Es ist vor allem wichtig, um diejenigen Schriftzeichen voneinander zu unterscheiden, die das gleiche Phonetikum besitzen, sich aber je nach ihrem Semantikum in ihrer Bedeutung gänzlich unterscheiden. Einen Eindruck davon gibt diese Tabelle:

phon_sem_kombis

Die Semantika in chinesischen Schriftzeichen sind Zeichen, deren Bedeutungen einfach zu erfassen sind. Viele werden genau wie das Ursprungszeichen geschrieben, für einige andere wird eine verkürzte Schreibweise benutzt. Ein paar Beispiele für solche semantischen Radikale sind:

sem_ursprung

Trotz ihrer Entwicklung über Jahrtausende hinweg haben die Schriftzeichen doch ihre ursprüngliche Bildlichkeit in abstrahierter Form behalten: Im heutigen Chinesisch sind die Semantika Symbole für konkrete oder abstrakte Dinge, die oft auf ein spezifisches Bedeutungsfeld verweisen, aber auch übertragene Bedeutungen annehmen können.

Besseres Leseverständnis durch Radikale

Dieses System ist für alle Chinesischlerner eine besonders wertvolle Hilfe: Sobald mir ein unbekanntes hàn zì über den Weg läuft, sagt mir das Semantikum, worum es sich handeln könnte. So zeigt ein 木 (=Baum) oft eine Pflanze an (oder zumindest etwas, das mit organischen Substanzen zu tun hat). Hat mein Zeichen ein 釒 an der Seite, ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass es hier um ein Metall geht (oder eine enge Verwandtschaft mit Metall hat). Das Semantikum 月  zeigt in den allermeisten Fällen ein Körperteil an (aus dem Zeichen 肉=Fleisch ist durch Schnellschreibung 月 geworden). Aber Achtung: Dies kann manchmal auch irreführend sein, da das Zeichen 月 (=Mond) in vielen Zeichen ohne semantische Funktion auftaucht.

Radikale mit Action

Besonders faszinierend ist, dass sich neben konkreten und abstrakten Dingen auch Bewegungen als Semantika etabliert haben: Eines der am häufigsten auftretenden Radikale im Chinesischen ist das tí shǒu páng (提手旁), das Radikal der erhobenen (oder hebenden) Hand 扌. Es ähnelt dem Schriftzeichen für „Hand“, 手 shǒu und visualisiert eine Bewegung mit der Hand. Ein weiteres „bewegtes Radikal“ ist 辶, das chuò bù shǒu (辶部首), welches sich von dem Zeichen für „gehen“, 走 zǒu ableitet. Die beiden Radikale扌und 辶 sind in einer beachtlichen Reihe von Wörtern zu finden, die wir mit diesen Bewegungen assoziieren. Da macht es nur Sinn, dass die überwältigende Mehrheit dieser Wörter Verben sind.

sem_action

Jede Menge Land in Sicht

Die meisten Zeichen lassen ihr Bedeutungsfeld erkennen und bieten obendrein gar einen Hinweis für die Aussprache an. Im chinesischen Schriftzeichenmeer ist man also ganz und gar nicht verloren! Im Gegenteil, in ihrer Bildlichkeit entdeckt man immer wieder neue, erstaunliche Details, die auf faszinierende Art und Weise die Geschichte des ältesten noch verwendeten Schriftsystems erzählen.

Kennt Ihr die Unterschiede zwischen traditionellen und vereinfachten Schriftzeichen? Warum gab es überhaupt eine Vereinfachung und wieso sind viele der Vereinfachungsversuche gescheitert? Darum geht es im nächsten Teil der sinonerds-Reihe Der Mandarin-Code.

Tipp: Um Schriftzeichen schneller zu verstehen, hilft es, sich eine Faustregel zu merken: Das Semantikum steht meistens auf der linken Seite eines Schriftzeichens (wie bei allen Beispielen oben). Einige Semantika stehen am oberen Rand (z.B. 艹 in 花,莉,茶) oder am unteren Rand (z.B. 心 in 想,思,怨) Nur selten steht es auf der rechten Seite eines Schriftzeichens (z.B. 視).

Das Phonetikum hingegen hat meistens die rechte Seite eines Schriftzeichens für sich abonniert bzw. steht unter oder über dem Semantikum (siehe die Beispiele oben). Nur selten ist es links (z.B. 劭,視).

Der Mandarin-Code 5.1: Traditionell vs. Vereinfacht