Chinas Künstler greifen zu den Sprühdosen

Peking ist eine Stadt, in der nichts für lange gleich bleibt. Die Hochhäuser schießen in den Himmel, manche werden zerstört, viele gerade erst erbaut und einige werden neu bestrichen. Wie Berlin ist Peking eine Stadt der Baustellen, aber an ihren Wänden fehlte bis vor kurzem das gewisse Etwas, welches mittlerweile fast jede Metropole der Welt übernommen hat: Graffiti.

Als ich 2009 das erste Mal von der Street-Art Hauptstadt Berlin nach Peking reiste, war es für mich erstaunlich, wie eine Stadt mit so vielen Menschen doch so „sauber“ sein konnte. Schnell bemerkte ich aber, dass man außerhalb der zweiten Ringstraße auf viel mehr Kreativität stoßen konnte: je weiter man sich von den perfektionierten Straßen nahe des Tian’anmens entfernte, desto mehr konnte man auf den Wänden und neben den U-Bahn Gleisen Kunst und Meinungen verewigt sehen.

Zhang Dali und die Geburt der chinesischen Graffitiszene

Angefangen 20140602_Graffiti03hat das Graffitiphänomen in China schon in den 90er Jahren, als Künstler Zhang Dali aus seinem Exil in Italien zurückkehrte, wo er zum ersten Mal Graffiti zu Augen bekam und erfuhr, welch ein wichtiges Dialogsinstrument es sein kann. In den Straßen von Bologna hatte er damals den Umriss eines glatzköpfigen Mannes gesprüht und merkte einige Tage später, dass andere Künstler sein Werk überdeckt hatten, zuerst mit einem kommunistischen Hammer und Sichel Zeichen, und dann mit dem Symbol einer rechtsextremistischen Partei. Er hatte mit einem unschuldigen Selbstbildnis ungewollt einen Graffitikrieg ausgelöst, in dem andere sein Abbild mit einem neonazistischen Skinhead verwechselten. Er war von der Fähigkeit des Graffiti fasziniert, mit dem Betrachter einen Dialog aufzubauen, aber begegnete gleichzeitig Hindernissen, die bei der Kommunikation zwischen Kulturen vorkommen.

Als Zhang Dali 1995 nach Peking zurückkehrte, glaubte er, er könne dieses kreative Instrument nutzen, um in seiner Heimat auch einen Dialog aufzubauen. In den nächsten drei Jahren sprühte er ungefähr 2.000 glatzköpfige Profile auf die Wände von Gebäuden, die demoliert werden sollten. Sein Ziel war es, ein Gespräch über die sich rasch verändernde städtische Umgebung aufzubauen und diese Gebäude zurückzufordern. Für eine lange Zeit gab es jedoch keine Reaktion, bis einige Magazine anfingen, sein Projekt zu diskutieren und er 1998 seine Anonymität aufgab, um mitreden zu können.

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Auftragskünstler und selbstständige Sprayer: Graffiti in China heute

Seitdem haben viele andere Chinesen selbst die Sprühdose in die Hand genommen. Die Mitglieder der ABS Crew, zum Beispiel, entdeckten 2007 ihr gemeinsames Interesse an Graffiti in einem Internetforum, und schlossen sich, wie viele andere chinesische Tagger, zusammen, um eine Crew zu formen. „Eine Crew hilft dabei, dass sich Graffiti schneller entwickelt. Es gibt einem Motivation,“ erzählt mir Noise, einer der vier Mitglieder, in einem persönlichen Gespräch. Es gibt in China natürlich auch selbstständige Sprayer, aber die ABS Crew (was für „Around the Bohai Sea“ steht, eine Anspielung auf ihre Heimat im Nordosten Chinas) ist eine der bekanntesten Crews innerhalb der chinesischen Kunstszene. Oft wurden sie sogar vom Staat und verschiedenen Firmen beauftragt, größere Projekte zu unternehmen. Vor den Olympischen Spielen, zum Beispiel, wurde die ABS Crew bezahlt, ein 30-Meter-Wandbild an der Renmin-Universität in Peking zu malen. Dies war in Gedenken an das Erdbeben in Sichuan im Jahr 2008, mit dem Ausdruck duo nan xing bang („Probleme und Leiden dienen nur dazu, eine Nation zu beleben“). Heutzutage leitet die Crew Pekings erstes Graffitigeschäft, wo sie Sprühdosen, Ausrüstung und Bücher innerhalb des “798 Art Districts” verkaufen.

Eine bezahlte Auftragsarbeit für Graffitikünstler ist im Westen auch nicht selten, allerdings zwingt sie die Künstler ihre Prinzipien abzuwägen. Aufträge helfen, Graffiti akzeptabler zu machen, die Materialskosten zu verringern und die Lebensdauer des Werkes zu verlängern, jedoch bedeutet es auch, dass Künstler das machen müssen, was der Auftraggeber will. Da eine Sprühdose in China zwischen 15 und 100 Yuan kostet und viele davon benötigt werden, um ein Stück zu vollenden, ist Graffiti als Hobby in China auch eine Geldfrage. Nur Personen mit genug Gehalt oder Rücklagen können sich das leisten.

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Design von Lance Crayon

Trotzdem gibt es viele selbstständige Graffitikünstler, die in China tätig sind. Einer von ihnen ist Clock, der als Kennzeichen ein zylindrisches Smiley-Gesicht hat, welches in fast jedem Bezirk in Peking und an den Seiten vieler Busse gefunden werden kann. Nicht-chinesische Tagger wie Zyko (aus Deutschland) und Aigor (aus Spanien) sind Künstler, deren Werke häufig in Gegenden wie Gulou und Wudaokou zu sehen sind. Außerhalb Pekings sind auch Shanghai, Shenzhen und Wuhan relativ bekannt für ihre Graffitiszenen, und in Chongqing liegt die längste Graffiti-bedeckte Straße der Welt (nein, es ist nicht die East Side Gallery in Berlin!) mit einer Länge von 1,25 km und Gebäuden, die von mehr als 800 Künstlern mit Graffiti bedeckt wurden.

Viele Studenten benutzen Graffiti als Protestsymbol gegen Regierungsentscheidungen, mit denen sie nicht einverstanden sind. Das chinesische zeichen chai (拆) wird von der Regierung benutzt, um die Gebäude zu markieren, die demoliert werden sollen. Als die “Zentrale Kunst Akademie” in Peking verlegt wurde, um Platz für eine neue kommerzielle Zone zu schaffen, malten die Studenten der Akademie dieses Zeichen auf die Gebäude in der Stadt, die sie selbst nicht gut fanden, und zeigten dadurch ihren Widerstand.

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Wahrnehmung von Street-Art: Unterstützung und Hindernisse

Man könnte sagen, dass die Szene in China mehr Möglichkeiten zur Entwicklung bietet, als die in Deutschland. Dadurch, dass es in China wenige Gesetze gibt, die dieses Thema betreffen, werden Künstler weniger eingeschränkt. Zyko erklärte mir vor einer Weile: „Von offizieller Seite gibt es, solange Graffiti sich nicht politisch positioniert, keine Schwierigkeiten; solange man nicht zu aggressiv vorgeht und die Grenzen des Tolerierten kennt. Wie lange diese Akzeptanz durch die Bevölkerung anhält, wird sich zeigen. Wie zuvor in Taiwan und Japan, kann dies schnell in eine Null-Toleranz umschlagen, wenn Graffiti zu groß und allgegenwärtig wird und damit nicht mehr als exotische Bereicherung, sondern als lästige Beschmutzung gesehen wird.“

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Wie die chinesische Gesellschaft selbst Graffiti sieht, ist natürlich auch wichtig, um feststellen zu können, wie lange die Bewegung weiterleben wird. In einer Umfrage, die ich in 2013 leitete, stellte ich fest, dass die meisten Teilnehmer sich von Graffiti nicht gestört fühlten und sogar die, die es nicht mochten, fanden, dass es nicht verboten werden sollte. Ein älterer Herr meinte sogar zu mir: „Ich mag Street-Art sehr. Ich finde nur, es sollte an der richtigen Stelle sein.“ Zyko meint dazu: „Im Vergleich zu vielen anderen Ländern, besonders zu Europa, sind die Chinesen im Allgemeinen Graffiti gegenüber sehr tolerant. Da es sich um eine junge Kunst in China handelt und Graffiti im Alltag nicht so präsent ist wie zum Beispiel in einer Stadt wie Berlin, […] sind die Leute in China eher neugierig, stellen Fragen, was es denn ist, und lieben es, sich mit den Malern oder vor einem Piece fotografieren zu lassen.“

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Die Graffitiszene in China steht zwar noch am Anfang, aber es gibt viel was dafür spricht, dass sie weiter wachsen wird. Außerdem bietet sie eine legale Grauzone, in der Künstler die Möglichkeit haben, einen Dialog aufzubauen, wie es Zhang Dali damals versuchte und viele es heute tun.

In einer Zeit, in der viele westliche Kunstkritiker sich ausschließlich auf die Werke berühmter chinesischer Persönlichkeiten wie Ai Weiwei konzentrieren, stellen Graffitikünstler eine Alternative dar, welche zugleich nicht zensiert ist und trotzdem eine hohe Ausdruckskraft trägt. Es wäre schade, diese Bewegung zu ignorieren und ihr Talent nicht anzuerkennen.

Und falls Ihr euch mehr über Graffitikünstler in China informieren möchtet: ein Bekannter von mir, Lance Crayon, hat 2012 einen Dokumentarfilm namens „Spray Paint Bejing“ gedreht, welcher jetzt auch in Deutschland erhältlich ist. Ihr findet ihn hier.

Die Bilder im Text sind – soweit nicht anders vermerkt – von Carolynn Look.

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sinonerds-Autor*in

Carolynn Look

Carolynn Look studiert Chinesisch und Entwicklungsstudien an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in London. 2012/2013 verbrachte sie ein Studienjahr in Peking, wo sie sich im Rahmen eines Forschungsprojektes auf Graffiti in China spezialisierte. In ihrer Freizeit liebt sie es zu kochen und zeichnet gerne Comics.

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