Gesucht: Die Frau fürs schwule Glück

Damit seine Eltern ihr Gesicht wahren können, will Haiwen in seinem Heimatort eine Ehefrau finden

Pünktlich fährt der Zug in den Bahnhof von 北戴河 (Běidàihé) ein. Der große, schlichte Betonbau passt so gar nicht in die Kulisse des ehemaligen Fischerdorfs. Haiwen und sein Vater stehen mit dem Auto bereit und wir fahren erstmal zu ihnen nach Hause. Es ist wie in einer Seifenoper: Vater, Mutter und Sohn sitzen in einer Reihe auf dem Sofa, doch hier endet bereits die Idylle, denn Haiwen hat ein Geheimnis, das seine Eltern nie erfahren dürfen. Er ist schwul.

In Haiwens sozialen Umfeld wissen nur wenige von seiner Homosexualität. Denn für seine Eltern existiert dieser Gedanke nicht. Allein mit dem geläufigen Wort für eine homosexuelle Person, „tongzhi“ 同志 (eigentlich: Genosse), verbinden seine Eltern die Kommunistische Partei und keine sexuelle Ausrichtung. Die Vorstellung, keine Enkelkinder zu bekommen, ist für viele Chinesen schwer zu ertragen, da damit doch die Wahrung des Gesichts einhergeht. 

Besonders im ländlichen China ist es für die Menschen wichtig, das Gesicht zu wahren. Beispielsweise dadurch, dass die Kinder auf gute Universitäten geschickt werden, um Ihnen später bessere Jobchancen und damit Wohlstand zu ermöglichen. Die öffentliche Wahrnehmung der Familie ist der wichtigste Aspekt der Gesichtswahrung, denn durch eine intakte und große Familie werden wiederum Wohlstand und Ansehen zur Schau gestellt. 

Plicht der Eltern – Pflicht der Kinder

Haiwen ist 23 Jahre alt und hat in den letzten drei Jahren in der südchinesischen Stadt Ningbo seinen Bachelor in Business Management gemacht. Nach seinem Abschluss zog er zurück zu seinen Eltern, sie berieten gemeinsam, wo und wie es für ihn weiterginge. „Meine Eltern spielen nach wie vor eine wichtige Rolle in meinem Leben, selbst wenn sie nicht wissen, wer ich wirklich bin und es auch nicht erfahren werden, sind sie ein Teil meines Lebens“ antwortet Haiwen auf meine Frage, warum er seine Unabhängigkeit aufgeben und wieder zu seinen Eltern ziehen würde. 

Während dem Mittagessen fragen mich seine Eltern, wie man in Deutschland mit dem Thema Heirat und Kinder umgeht. Sie wollen wissen, in welchem Alter Deutsche durchschnittlich heiraten. Haiwens Eltern sind sehr neugierig und aufgeschlossen und so erfahren sie auch, dass deutsche Eltern sich in der Regel nur wenig in Liebesangelegenheiten der Kinder einmischen. Freudig erzählen sie, dass man in China nun auch ein zweites Kind bekommen kann. 

Auch wenn ich bereits längere Zeit in China gelebt habe, so gibt es doch immer wieder Überraschungen und Neues für mich zu entdecken. Beidaihe liegt zwei Stunden Zugfahrt von Peking entfernt. Im Winter ist es hier menschenleer, kaum Autos auf der Straße, es weht ein frischer Wind und man riecht das Meer. Langsam wird mir bewusst, in welcher Zwangslage sich Haiwen befindet, denn im Gegensatz zur Stadt wird auf dem Land mehr Wert auf Traditionen und Familie gelegt.

Ein Großteil der ChinesInnen gibt an, keiner Religion oder religiösen Gemeinschaft anzugehören. Traditionell spielen die Regeln des Konfuzianismus, der moralischen Lehren und gesellschaftlicher Vervollkommnung folgt, im Leben vieler ChinesInnen eine wichtige Rolle. 

Konfuzius‘ Lehren beruhen auf fünf Tugenden, aus denen sich wiederum drei Prinzipien ableiten lassen: „Loyalität“, „Wahrung von Anstand und Sitte“ und das für die Erziehung wichtigste Prinzip: die sogenannte „kindliche Pietät“ (xiào 孝). Dieses Prinzip regelt, dass die Kinder ihren Eltern „gehorsam“ sind, sie später versorgen und die Familienehre weiterführen. Die Eltern hingegen widmen das Leben ihrem oftmals einzigen Kind und finanzieren das Studium, im Idealfall auch die Wohnung und das Auto. Das Verhältnis zwischen Eltern und Kind ist durch die konfuzianischen Traditionen klar geregelt. Je nach Familie werden die Traditionen intensiver oder schwächer ausgelebt.

„Homosexualität spielte zu diesem Zeitpunkt kaum eine Rolle“

Nach dem Essen gehen wir am Strand von Beidaihe spazieren. Im Sommer ist der Ort voller chinesischer und russischer Touristen. Sogar die Führungselite der Kommunistischen Partei hat hier einen Privatstrand und kommt im Sommer immer für einige Wochen nach Beidaihe, um dem Pekinger Smog zu entfliehen. Haiwen erzählt von damals, als er gemerkt hat, dass er sich bereits im jungen Alter „zu großen und starken Männern hingezogen fühlt“, doch erst mit 17 Jahren konnte er sich eingestehen, dass er wohl „ein Genosse“ ist.

„Homosexualität spielte zu diesem Zeitpunkt kaum eine Rolle in meinem Leben, aber meine ersten Gedanken waren, wie ich es vor meiner Familie geheim halten kann“. Meine Versuche ihn zu ermutigen und „zu sich zu stehen“ verhallen. Er sagt auch, dass „Sexualität keine übergeordnete Rolle spielt.“ Auch wenn er nur sehr wenig Erfahrungen im Umgang mit anderen Jungs habe, sei er sich dennoch sicher. 

Strand von Beidaihe

Am Strand von Beidaihe

So wie es Haiwen ergeht, ergeht es auch Millionen anderer ChinesInnen. Viele werden aufgrund ihrer familiären Umstände in eine hetero-normative Ehe mit einer Frau bzw. einem Mann gezwungen. Da die Familie in der Regel für den Sohn oder die Tochter sorgt, also Ausbildung bezahlt, sowie die ersten großen Anschaffungen, lastet auf den Sprösslingen ein enormer Druck. Dieser Druck, der im Einklang mit der kindlichen Pietät und den Schuldgefühlen geht und in der konfuzianischen Denkweise wurzelt, sorgt für den Drang ein „gutes“ Kind zu sein. 

Doch dieses Arrangement ist für beide Seiten unfair, denn keiner wird so geliebt, wie er es verdient hat. Viele Männer flüchten deswegen zu männlichen Sexarbeitern, um sich ihre geheimen Sehnsüchte zu erfüllen. Frauen, die in der gleichen Situation sind, haben häufig eine „Busenfreundin“, die sie besuchen können. In einigen Dating-Apps wird dann darauf verwiesen, dass der/die Ehepartner/in nichts davon erfahren darf.

In der Szene entwickelt sich jedoch eine Taktik, dem Zwang der ungewollten Ehe, zumindest halbwegs, zu entkommen. Viele schwule Männer heiraten eine „lala“ 拉拉, eine lesbische Frau. Beide Seiten schließen eine Art Deal. Meist ist das Paar bereits befreundet und wohnt zusammen, um für einen elterlichen Überraschungsbesuch gewappnet zu sein, in vielen Fällen gibt es auch Kinder der Beziehung. 

Eine groß angelegte Studie fand 2016 heraus, dass sich in der EU 5,9% als LGBT identifizieren. In China wäre dieser Prozentsatz ein Anteil von weit über 80 Millionen Menschen: etwa so viel wie die Gesamtbevölkerung von Deutschland. Doch die chinesische Gesellschaft wandelt sich in dieser Hinsicht sehr langsam. Ansätze sind in den Metropolen zu sehen: In Peking und Shanghai werden schwule Clubs schon seit einiger Zeit von der Polizei toleriert und es gibt die Dating-App „blued“, die sich ähnlich wie Grindr an homosexuelle Männer richtet, nur eben für den chinesischen Markt. 

Von Gesetzen bis hin zur gesellschaftlichen Akzeptanz ist es noch ein weiter Weg. Einzelnen Vorstößen zur Öffnung der Ehe, wie von der bekannten Soziologin und LGBT-Aktivistin Li Yinhe 李银河 gefordert, wird ein Riegel vorgeschoben. Auch die TV-Serie „Addicted“ (上瘾 shàng yǐn), die von vier homosexuellen Schülern handelt, wurde kurz vor Ende der ersten (und vermutlich letzten) Staffel von der staatlichen Zensurbehörde vom Netz genommen. 

Der Weg ins Ungewisse

Haiwens Zukunft ist schon so gut wie geplant, viele Gestaltungsmöglichkeiten gibt es nicht mehr. Er wird sich demnächst auf die Suche nach einer Frau fürs Leben machen müssen und sein „wahres Ich“ weiterhin verstecken. Haiwen sagt, dass er „wahrscheinlich in der Nähe seiner Eltern wohnen möchte, damit das Kind später oft die Großeltern besuchen kann.“ Auf die Frage ob er sich vorstellen kann, eine Scheinehe mit einer Lesbe zu führen sagt er: „Das ist nichts für mich, meine Frau verdient es geliebt zu werden und wir haben ja jetzt auch die Möglichkeit zwei Kinder zu bekommen.“ 

Der Spaziergang am Strand regt mich zum Denken an: Ist dies eine bewundernswerte Tugend oder ein verschwendetes Leben? Haiwen sagt, dass er „keine andere Wahl hat“, doch ist das wirklich so? Oder geht er den Weg des geringsten Widerstands? Wie immer es auch ist, es ist ein Schritt, der Mut und Selbstdisziplin erfordert und dafür verdient er Respekt.

Zum Thema:
Interview mit Fan Popo, LGBTQI-Aktivist
“Mama Rainbow”, Kurzfilm von Fan Popo

Titelbild: “Sitting there II” by Peiyu Liu via flickr, shared under a CC licence. Artikelbild: “beidaihe” by keso s via flickr, shared under a CC licence.

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sinonerds-Autor*in

Robin Becht

Robin schreibt derzeit seine Masterarbeit zu der Entwicklung der Zivilgesellschaft in Macao im Rahmen seines Studiengangs „Politik und Gesellschaft Ostasiens“ an der Universität Tübingen. Er war das erste Mal 2011 in China, hat das Land seitdem mehrfach bereist und staunt jedes Mal über die facettenreichen Entwicklungen. Seine Interessenschwerpunkte liegen sowohl in der politischen Entwicklung des modernen Chinas, insbesondere Hongkongs und Macaos, wie auch in der Geistesgeschichte des alten Chinas.

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