Der chinesische Film im Wandel der Zeit – Teil I

Dieser Artikel ist ein Beitrag aus unserem sinonerds Spotlight: Chinesischer Film. Auf unserer Übersichtsseite gibt es nochmal alle Artikel und Interviews zum Nachlesen, Nachschlagen oder Rumstöbern.

Clemens von Haselberg, wissenschaftlicher Mitarbeiter und Dozent am Ostasiatischen Seminar der FU Berlin, setzt sich schon seit mehreren Jahren intensiv mit verschiedenen Themen rund um den chinesischen Film auseinander. An einem herbstlichen Nachmittag habe ich mich deshalb mit ihm getroffen, um über die Anfänge und die Entwicklung des Films in China zu sprechen.

sinonerds: Herr von Haselberg, der Film in China ist älter als die Volksrepublik. Wo liegen die Wurzeln des chinesischen Films?

Tan Xipei in Dingjunshan

Tan Xipei im Film Dingjunshan 定军山 1905

Von Haselberg: Der Film ist als westlicher Import 1896 kurz nach seiner Erfindung auch nach China gekommen. Es hat danach aber noch zehn Jahre gedauert, bis 1905 der erste chinesische Film produziert wurde. Die ersten Filme waren mit statischer Kamera aufgenommene Szenen aus Opern, die man insofern eher als Dokumentarfilme verstehen kann. Da der Film ein Import, ein fremdes Medium, eine fremde Technologie war, hat es relativ lange gedauert, bis der Film auch tatsächlich in seinen filmischen Eigenschaften wahrgenommen wurde. Lange wurde letztendlich gefilmtes Theater aufgeführt. Erst in den späten 20er Jahren wurde angefangen, wirklich mit Montage und anderen typisch filmischen Mitteln zu arbeiten. Danach ging es dann aber relativ schnell, sodass bereits in den 30er und 40er Jahren Filme gemacht wurden, die ästhetisch und künstlerisch auf einem internationalen Niveau waren.

Konnte sich die chinesische Filmindustrie während des Japanisch-Chinesischen Krieges (1937-1945) halten?

Teilweise. Bis 1941, das ist die sogenannte Gudao-Periode, wurden in den Shanghaier Konzessionen weiterhin Filme gedreht. Dort sind auch wirklich tolle und wichtige Filme entstanden. Außerdem wurden in Yan’an Propagandafilme gedreht. Es gab des Weiteren auch eine Filmindustrie in der Mandschurei unter japanischer Kontrolle, bei der man sich aber streiten kann, ob dies eine japanische Filmindustrie oder eine chinesische Filmindustrie unter Fremdkontrolle war. Zwischen 1941 und 1945 wurden in Shanghai jedenfalls keine wirklich eigenständigen chinesischen Filme produziert.

Hat sich nach der Gründung der Volksrepublik China und der Flucht der Nationalisten nach Taiwan, sowie vieler Intellektueller in das damals britische Hongkong, die chinesische Filmindustrie in mehrere Zweige aufgespalten?

Das kann man so sagen, wobei die Filmindustrien in Taiwan und Hongkong auch eigenständige Wurzeln haben. Shanghai war zwar das Zentrum der chinesischen Filmindustrie, aber in Hongkong wurden auch schon früh Filme gedreht. Taiwan hingegen war schon seit 1896 von Japan besetzt, aber auch hier entstanden einige Filme. Bis heute wird zwischen diesen drei Filmindustrien unterschieden. Es ist jedoch umstritten, ob eher die VR China oder Hongkong das Erbe der Shanghaier Filmindustrie stärker vertreten, da nach der Entstehung der VR China viele Filmschaffende das Land verließen und nach Hongkong auswanderten.

Die Geschichte der VR China durchlief in den folgenden Jahren eine sehr wechselhafte Geschichte. Wie hat sich die Filmindustrie in der VR China bis in die 70er Jahre entwickelt?

Clemens von Haselberg

Clemens von Haselberg

Man kann ganz grob sagen, dass es zu Beginn bis ungefähr 1952 eine Übergangsphase gab, in der die Filmwirtschaft als sozialistische Filmwirtschaft aufgebaut wurde und es noch keine klaren Regeln gab. Danach orientierte man sich bis zur Kulturrevolution am sozialistischen Realismus als leitendem ästhetischen Prinzip. Mit der Kulturrevolution ist die Spielfilmproduktion von 1967 bis 1969 vorerst vollkommen eingestellt worden. Danach wurden die bereits ausgearbeiteten kommunistischen Modellopern verfilmt, die dann für ein paar Jahre die einzige Form des fiktionalen Films waren. Später gab es dann wieder ein paar heroische Kriegsfilme, die man schon eher als Spielfilme verstehen kann. Mit der „Reform- und Öffnungsperiode“ öffnete sich auch die Breite des Filmschaffens wieder, es entstanden neue Themen und Genres.

Welche Themen wurden in der damaligen Zeit vom chinesischen Film behandelt?

Ein Thema, das lange Zeit von Bedeutung war, war der sozialistische Aufbau des Landes. Ein anderes Thema war der Chinesisch-Japanische Krieg oder der Bürgerkrieg. Ein Weiteres beliebtes Genre waren die Minderheitenfilme, in welchen die Kommunisten Minderheitengebiete “befreiten” oder eingemeindeten. Dieses Thema hatte einen Exotikfaktor, und die Regisseure hatten auch etwas mehr Freiheit, da sie die Minderheiten und ihre Kultur vielfältiger darstellen konnten. Es gab in den frühen 60er Jahren auch Zeichentrickfilme, die ein hohes Niveau hatten und ästhetisch innovativ waren. Zwischenzeitlich gab es auch immer wieder Komödien, aber das hing davon ab, wie tolerant das System gerade war. Die Thematik des sozialistischen Aufbaus oder der sozialistischen Werte spielte natürlich in fast allen Filmen eine Rolle und war immer präsent.

Woran konnte man den größeren Spielraum erkennen, der mit der Reform- und Öffnungsperiode den chinesischen Filmemachern zur Verfügung stand?

Eine Erkenntnis dieser Zeit war, dass man eine gewisse gedankliche Freiheit zulassen musste, damit sich das Land weiterentwickeln kann. Das äußerte sich darin, dass die Themen, die Regisseuren und Regisseurinnen genehmigt wurden, an Vielfalt gewannen. Aber es gab nie eine Gewissheit, was man genau machen durfte und was nicht. Es ist auch anzumerken, dass der Film in der Zeit des sozialistischen Realismus und auch danach noch extrem starken formalen Vorgaben unterlag. Die Fünfte Generation der chinesischen Regisseure dagegen brachte ästhetische Neuerungen und gleichzeitig damit auch Filme hervor, die sich inhaltlich einer klaren Deutung entzogen. Das war die maßgebliche Neuerung der 80er Jahre: Filme, die nicht mehr didaktisch waren, sondern sich der leichten Einordnung in einen Kontext verweigerten.

Wie die Neuerungen beim Publikum ankamen, was nach den 80er Jahren passierte und wie sich der chinesische Film gegenüber der Filmindustrien von Hongkong und Taiwan verhielt, könnt ihr ab Mittwoch, dem 13.11., im zweiten Teil des Interviews lesen.

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sinonerds-Autor*in

Johannes Heller

Jojo studierte Chinastudien und Friedensforschung in Berlin, Nanjing und Brisbane. Akademisch steht für ihn Chinas aktuelle Rolle als regionaler Akteur in Asien im Mittelpunkt. Nebenher entdeckt er gerne neue Musik und Podcasts.

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