Die Last des Unaussprechlichen

Jordan Schiele gelingt mit "The Silk and the Flame" eine einfühlsame Studie zur schwierigen Realität einer Familie

Der Dokumentarfilm “The Silk and the Flame” vom New Yorker Regisseur Jordan Schiele lief bei der 68. Berlinale in der Sektion Panorama. Er thematisiert den chinesischen Generationenkonflikt und damit eigentlich nichts neues. Aber: Dieser Film macht vieles anders und gerade dadurch eine Menge richtig. Lin konnte ein Ticket für die Weltpremiere am 19. Februar ergattern.

Für manche Konflikte gibt es keine Lösung. Zum Beispiel, wenn es der sehnlichste Wunsch des Vaters ist, zu Lebzeiten noch die Hochzeit seines Sohnes feiern zu können und dadurch um das Fortbestehen der eigenen Familie zu wissen; der Sohn aber eigentlich mit einem Mann zusammenleben möchte.

“The Silk and the Flame” begleitet den jungen Yao, der zum Neujahrsfest seine von Krankheit gezeichneten Eltern auf dem Dorf in Hunan besucht. In monologischen Nahaufnahmen erfahren die Zuschauer*innen schnell, dass Yao diese Reise nicht unbefangen antreten kann. Yao ist schwul. Er hat sich mit einer Freundin abgesprochen, damit diese an Neujahr zumindest per Video als seine Partnerin auftritt. Der Rahmen der Geschichte wurde in den vergangenen Jahren auch in internationalen Medien prominent besprochen. Wenn auch mehr auf die sogenannten shengnü, die „leftover women”, bezogen, hat das Thema der chinesischen Singles um die 30, die zum chinesischen Frühlingsfest temporäre Partner*innen anheuern um ihre Familien zu besänftigen, an Aufmerksamkeit gewonnen.

© Jordan Schiele

Der Druck, einem klassischen Familienmodell zu entsprechen und somit früh zu heiraten und Kinder zu bekommen, ist Teil einer der größten sozialen und gesellschaftlichen Konflikte, mit denen sich das moderne China derzeit konfrontiert sieht.

Auf der einen Seite Eltern, die zumeist noch ihre Kindheit in Armut und eine Jugend unter Mao verbrachten. Für sie ist das Fortbestehen der eigenen Familie oft nicht nur mit Status und Idealen, sondern auch mit dem reinen Überleben gleichzusetzen. Andererseits die Kinder, hineingewachsen in die Sehnsucht nach Selbstverwirklichung, nach einer Karriere in den großen Städten, die voller Möglichkeiten scheinen. Sie wollen zunehmend mehr, oder zumindest etwas anderes, als lediglich die große To-Do-Liste des idealtypischen Lebens abzuhaken. Ein guter Abschluss, ein guter Job, eine gute Ehe, Kinder – es ist nicht mehr genug.

Der Schwarzweißfilm rückt das bunte Treiben zum chinesischen Neujahrsfest auf dem Land geschickt in den Hintergrund. Es geht vielmehr um die Gesichter der Protagonist*innen, die häufig in Nahaufnahme ihre eigene Geschichte erzählen. 87 Minuten lang zeigt “The Silk and the Flame“, wie Yao sich an dem fordernden Balanceakt zwischen Lüge, Selbstschutz und Schutz der eigenen Eltern versucht. Seine Geschichte wäre schon ohne den Druck, bald heiraten und eine eigene Familie gründen zu müssen, eine harte gewesen. Die Mutter, die in jungen Jahren redete wie ein Wasserfall, doch dann durch einen ärztlichen Fehler ihr Gehör verlor. Der Vater, der sein halbes Leben damit verbrachte einen Weg zu finden, seiner Frau ihre Stimme wiederzugeben, um das ihr widerfahrene Unrecht ungeschehen zu machen. Gezeichnet von zwei Schlaganfällen hat er nun aufgegeben, seine Stimme und seinen Körper. Was den Sohn und seine Eltern so auf tragische Weise vereint, ist die Unfähigkeit zu sprechen.

© Jordan Schiele

Viele Aufnahmen zeigen die Anstrengung, mit der Yaos Mutter versucht, ihren Mann in den Rollstuhl zu hieven und ihn auf dem kleinen Hof umherzufahren. Yaos Vater spricht nicht mehr und liegt meist eingewickelt in eine Decke mit einem Muster aus Wolken und Schäfchenfiguren im Bett. Nur ein einziges Mal lächelt er und bringt ein paar Töne heraus, als Yao ihm das Handy reicht, auf dem die per Video zugeschaltete angebliche Partnerin zum neuen Jahr gratuliert.

Der Regisseur Jordan Schiele © Jordan Schiele

Jordan Schiele hat sich in diesem Projekt eine Menge vorgenommen. Die Diskrepanz zwischen Stadt- und Landleben, Generationenkonflikt zwischen Jung und Alt, das ganz persönliche Schicksal einer von Krankheit gezeichneten Familie und der unüberwindbare Konflikt eines Sohnes, den Erwartungen der Eltern und dem eigenen Lebensentwurf gerecht zu werden. Zudem richtet Schiele einen fast ethnographischen Anspruch an diese Dokumentation, der in seiner Freundschaft zu dem Protagonisten und durch die vielen Szenen deutlich wird, in denen der Regisseur selbst im Film auftritt.

“The Silk and the Flame” schafft es, all diesen Themen Raum zu geben, wenn auch manche eher hintergründig als Kulisse für eine sehr persönliche Familiengeschichte dienen. Diese Dokumentation geht nahe, und zwar vor allem deshalb, weil der Konflikt dieser Geschichte eben kein spezifisch chinesischer ist. Das Bedürfnis, es den eigenen Eltern recht zu machen, sie nicht in Sorge zu stürzen, um ihre Gunst zu wissen und gleichzeitig einen eigenen Weg zu gehen – es ist und bleibt zutiefst menschlich. Am Ende steht ein Gedanke, ganz ähnlich wie Yao es in einem seiner Monologe festhält: Womöglich gibt es Probleme, die sich nicht lösen lassen. Die Frage ist, wie wir es schaffen, mit ihrer Last zu leben.

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sinonerds-Autor*in

Lin Hierse

Lin ist als Tochter eines Deutschen und einer Chinesin in Braunschweig aufgewachsen. Seit ihrer Kindheit ist sie immer wieder in Shanghai, um dort ihre Familie zu besuchen, und ihr Chinesisch (und Shanghainesisch) zu festigen. Lin hat Asien- und Afrikawissenschaften sowie Humangeographie studiert und arbeitet derzeit als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Humboldt-Universität zu Berlin.

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