Die Gaokao: Wahnsinn und Wirklichkeit

Am 6. und 8. Juni herrschte mal wieder Ausnahmezustand an vielen Mittelschulen Chinas: Abgesperrte Schuleingänge, hohe Polizeiaufgebote, Krankenwagen und unzählige nervöse Eltern, die sich um die Barrieren drängen. Was für einen ausländischen Besucher zunächst wie die Folgen eines Unglücks aussehen mag, sind nichts anderes als die üblichen Sicherheitsvorkehrungen für das jährliche Nationale Examen zur Hochschulzulassung. Willkommen bei der Gaokao (高考).

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Polizeiliche Absperrung vor einer Schule

Die Gaokao, wörtlich „Hohe Prüfung“, das chinesische Äquivalent zum Abitur wenn man so will, ist für die Mehrzahl chinesischer Schüler der wichtigste Test ihres Lebens. Sie entscheidet nämlich nicht nur über das Studium, sondern bestimmt zugleich die Berufsaussichten.

Ob ein Schüler später als Büroangestellter bzw. in besser verdienenden Jobs arbeiten kann, oder aber sich mit dem härteren Leben eines einfachen Arbeiters zufrieden geben muss, wird maßgeblich durch das Ergebnis der Gaokao vorbestimmt. Wer den Test nicht besteht oder eine niedrige Punktzahl erzielt, hat zwei Möglichkeiten: Die Kandidaten können ein Jahr später erneut – mit etwas strengerer Bewertung – an der Prüfung teilnehmen, oder aber sich ihrem Schicksal ergeben.

Warum ist die Gaokao so schicksalsträchtig? Zum einen ist Chinas Gesellschaft mittlerweile sehr meritokratisch organisiert, zumindest solange Korruption dem nicht entgegenwirkt. Zum anderen sticht China durch besondere soziokulturelle Besonderheiten von anderen Leistungsgesellschaften heraus. In den späten 70er Jahren, nachdem misslungene wirtschaftliche und politische Kampagnen das Land heruntergewirtschaftet hatten, verschrieb sich China abrupt dem Kapitalismus. Das atemberaubende wirtschaftliche Wachstum, das China seitdem vollzog, hat wiederum tiefgreifende gesellschaftliche Veränderungen mit sich gebracht.. Blieben Aufstiegsmöglichkeiten den meisten der heutigen Elterngeneration noch verwehrt, haben ihre Kinder wiederum ganz andere Ausgangssituationen.

Mit Bildung an die Spitze

Die Einführung marktwirtschaftlicher Strukturen ließ die Idee eines „Chinese Dream“ aufleben, der zugleich ein Konkurrenzdenken in die Gesellschaft implantierte. Das Lebensziel vieler Eltern ist seitdem der wirtschaftliche und gesellschaftliche Aufstieg ihres Nachwuchses, was logischerweise nur möglich ist, wenn er „besser” ist als der Nachwuchs anderer Eltern. Verschärft wird dieses Leistungsstreben durch die Ein-Kind-Politik, die lange Zeit von der Regierung rigoros verfolgt wurde und dazu führte, dass es in den Städten heutzutage vorwiegend Eltern mit Einzelkindern gibt. Ihre ganze Hoffnung lastet nun auf den Schultern eines Kindes.

Der Schlüssel zum Erfolg ist Bildung, und der Weg dorthin führt über eine gute Universität. Denn ein gewöhnlicher Universitätsabschluss ist längst kein Arbeitsplatzgarant mehr: Etwa 40% der 7 Mio. Hochschulabsolventen 2013 fanden innerhalb eines Jahres keine Festanstellung. Der Wettbewerb um die Universitäten erster Klasse ist also brutal. 2013 nahmen 9.120.000 Schüler an der Gaokao teil, lediglich 902.700 Prüflinge (10%) schafften es an eine an eine Universität der ersten Klasse (insgesamt gibt es drei Klassen).

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Wartende Eltern

Vor diesem Hintergrund wird ersichtlich welch eine zentrale Rolle die Gaokao nicht nur in dem Leben eines Schülers, sondern auch in dem der Eltern spielt. Letztere versuchen ihre Sprösslinge schon während der frühkindlichen Entwicklung auf schulischen Erfolg zu trimmen und zu musischen Aktivitäten zu bewegen, um sie aus anderen Kindern hervorstechen zu lassen.

Auch wenn im Kindergarten ohnehin meist schon Rechnen und Zeichenlernen an der Tagesordnung stehen, werden Kinder zu Kalligraphie-, Tanz-, Musik-, Zeichnen-, und Englischkursen geschleppt. Bei Zusammenkünften mit anderen Eltern werden die Talente des Nachwuchses nicht selten vorgeführt und gemessen. Ich kann mich an einen Abend erinnern, an dem ich bei einer chinesischen Familie zu Gast war, die zugleich auch eine andere Familie eingeladen hatten. beide mit Kind. Während das eine Mädchen einen Tanz aufführte, trug der Junge etwas später ein Gedicht vor. Daraufhin wurden die Schreibkünste der beiden angehenden Grundschüler begutachtet.

Was ich als eine groteske Erfahrung empfand, ist Ausdruck dafür, dass die Furcht, ihre Kinder könnten im Konkurrenzkampf nicht mithalten, das Alltagsleben chinesischer Eltern prägt. So opfern sich viele für den Erfolg ihres Kindes auf: Sie arbeiten Überstunden um Geld für die außerschulischen Kurse zu verdienen, sie nehmen sich Zeit für Hausaufgabenbetreuung und lesen Bücher über erfolgsversprechende Lernmethoden.

Lernen, lernen und wieder lernen

Die schulische Laufbahn eines chinesischen Schülers beginnt also schon im Kindergarten. Das Arbeitspensum erreicht seinen Höhepunkt während der Vorbereitung für die Gaokao: Zwölf Stunden dauert ein Schultag während der Oberstufe, und das ohne Hausaufgaben, Nachhilfe und sonstige außerschulischen Lernaktivitäten.

Xiaoqing, 18 Jahre, hat gerade die Gaokao hinter sich. Sie schildert mir ihr letztes Schuljahr so: Als erstes wurden die sonst sechswöchigen Sommerferien auf nur eine Woche gekürzt. Der Unterricht fand von montags bis samstags, in der Regel von 7:30 Uhr bis 18 Uhr statt. Nach allen Hausaufgaben kam sie erst gegen 23 Uhr ins Bett. An Sonntagen ging sie von 9 bis 16 Uhr zur Nachhilfe für prüfungsrelevante Fächer. Diese Sonntagskurse mussten Xiaoqings Eltern extra bezahlen. Dazu kamen noch die Hausaufgaben für Montag, sodass sie selbst an Wochenenden meist nicht vor 22 Uhr zum Schlafen kam. Ob sie nicht müde gewesen sei bei derartig exzessivem Lernen mit so wenig Schlaf? „Natürlich, wir waren alle ständig übermüdet. Aber wir wurden immer wieder angetrieben und motiviert durch die hohen Erwartungen unserer Eltern, es an eine gute Universität zu schaffen. Das hat mir den Biss und den Ehrgeiz gegeben, denn nur wenn ich an einer guten Universität studiere, ist meine Zukunft gesichert.“

Nach der Prüfung

Nach der Prüfung

Gaokao – Eine Hochsicherheitsprüfung

Die Schüler sind einem immensen Druck ausgesetzt. Allen ist bewusst, dass die Prüfung maßgeblich über ihre Zukunft entscheiden wird. Kein Wunder, dass dem Einen oder Anderen an dem besagten Tag auch mal Schwarz vor Augen wird. Vor vielen Schulen steht deswegen während den Testzeiten ein Krankenwagen.

Immens sind auch die Vorkehrungen, die während der Prüfungszeit getroffen werden. Schuleingänge werden polizeilich abgeriegelt, unautorisierten Personen bleibt der Zugang verwehrt. Baustellen sind für die Dauer der Prüfung still gelegt und sogar Straßen werden gegebenenfalls gesperrt, um den Geräuschpegel auf einem Minimum zu halten. Da es in der Vergangenheit zu einigen größeren Betrugsfällen kam, wurden die Sicherheitsvorkehrungen vehement verschärft. Jeder Prüfling und dessen Eltern müssen vorab schriftlich erklären, dass sie sich keiner unlauterer Mittel bedienen werden. Jeder Schüler wird vor Betreten des Prüfungssaals – der mit Videokameras überwacht wird – mit Metalldetektoren abgescannt.

Zudem sind Schulgebäude mit Störsendern ausgestattet, die den Empfang von Mobiltelefonen unterbinden. Auch findet die Gaokao nicht an der eigenen Schule, sondern an einer zugelosten fremden Schule mit anderen Lehrern statt. Damit vermeidet man, dass Schüler vorab Bänke beschriften oder sonstige Hilfestellungen in den Sälen anbringen können. Wer während den Prüfungen die Toilette aufsuchen muss, wird von einer Aufsichtsperson begleitet. Selbst für den Fall, dass ein Kandidat am Tag der Prüfung krank sein sollte, ist vorgesorgt: Sie oder er schreibt das Examen allein in einem gesonderten Klassenraum mit eigener Aufsichtsperson, um Ansteckungen zu vermeiden.

Am Ende heißt es Warten

Xiaoqing ist sich nicht sicher, ob ihre Punktzahl für eine Universität der ersten Klasse ausreichen wird. Obwohl sie eine gute Mittelschule in Peking besuchte, blieben die Ergebnisse ihrer letzten beiden Probetests unter den Erwartungen. „Meine Eltern waren wütend und gerieten in Panik, als ich mit den schlechten Ergebnissen nach Hause kam. Auch ich selbst bekam dann Panik und habe nochmal extra viel gelernt.“ Noch eine Woche, dann hat das Warten für Xiaoqing und ihre Eltern ein Ende. Dann sind die Ergebnisse online einsehbar. Bis dahin werden wohl noch ein paar Tage des Unbehagens vergehen.

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sinonerds-Autor*in

Christian Carl

Chris ist '92 geboren und studiert an der HTWG Konstanz "Wirtschaftssprachen Asien und Management, China". Das erste Mal zog es ihn 2010 für einen Freiwilligendienst in das Land der Mitte. Chris findet die westliche China-Berichterstattung zu einseitig und möchte herausfinden, warum China so anders ist.

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