Der Traum vom chinesischen Traum

In China wird in letzter Zeit viel geträumt, jedenfalls was die Schlagwörter in den Medien angeht. Nahezu unerträglich oft hört und liest man vom 中國夢 (Zhōngguó Mèng), dem chinesischen Traum, sei es in der staatlichen Presse, im TV, im Internet, der Werbung oder sogar im Gespräch mit chinesischen Bekannten. Doch wo kommt der Begriff her? Und was ist der chinesische Traum eigentlich?

中國夢 – Sicherlich hat zuvor schon mal jemand die drei Schriftzeichen aneinandergereiht. Seinen aktuellen Popularitätsschub hat der Begriff jedoch niemand geringerem als Herrn Xi Jinping, seines Zeichens Präsident der VR China, zu verdanken. “Man muss den Begriff auf zwei Ebenen verstehen”, erklärt mir Cai Meng, 31. “Die komplette Phrase, der das Stichwort entrissen wurde, heißt eigentlich 中華民族偉大復興的中國夢,der chinesische Traum der großen Auferstehung des chinesischen Volkes. Xi will damit andeuten, dass China zu der Großartigkeit zurückfinden möchte, die es beispielsweise während der Tang-Dynastie hatte.” Wer sich ein wenig mit chinesischer Geschichte auskennt, wird bestätigen können: China war in der Vergangenheit tatsächlich überwiegend ein wirtschaftlich und gesellschaftlich blühendes Land. “Die zweite Bedeutungsbene”, fährt Cai Meng fort, “ist im Grunde genommen die dreist geklaute Idee des American Dream. Wer fleißig ist, der hat eine Rolle in der Gesellschaft, der kann es schaffen.”

Jeder kann es schaffen?

Cai Meng weiß, wovon er spricht. Er ist einer der Chefs der mittlerweile 80-köpfigen Shanghaier Werbeagentur, in der ich arbeite. Vor vier Jahren hat er sie in einem Kellerraum ohne Fenster mit drei Freunden gegründet, damals war er 27. Ursprünglich kommt er aus einer gewöhnlichen Familie in der Nähe von Qingdao. Den chinesischen Traum erklärt er mir, als wir in seinem neuen Mercedes von einem Meeting zurück ins Büro fahren. Dort angekommen begegnet mir eine Kollegin, die ihren letzten Arbeitstag hat. Sie stellt seit längerem kleine Utensilien wie Täschchen oder Einbände aus Leder her. Ursprünglich nur für Freunde, mittlerweile kam aber schon die ein oder andere Bestellung rein. Jetzt hat sie etwas Geld zusammengespart und zieht ins idyllische Yunnan, wo sie bereits einen kleinen Raum für ihre Werkstatt gefunden hat und ihr Lederallerlei übers Internet vertreiben wird.

Beim Mittagessen spreche ich mit meinem Kollegen Meng Xiang darüber. Er erzählt mir von einem ehemaligen Kommilitonen, wie er Designer, der vor zwei  Jahren in eine mittelgrosse chinesische Stadt gezogen ist. Dort hat er damit angefangen, vor einer Schule Flyer zu verteilen und Privatunterricht im Design anzubieten. Heute leitet er eine kleine Designschule. Wenn Meng Xiang selbst nicht mal wieder bis Mitternacht Überstunden macht, tüftelt er an seinem Plan, einen Schoko-Laden aufzumachen. Dort will er personalisierte Schokolade designen, vielleicht sogar eine Art “essbare Comic-Reihe” auf Schokoladentafeln herausgeben. Er spart seit Anfang des Jahres, um sich einen Schoko-3D-Drucker aus England zu bestellen.

Das Leben nach dem Traum

Ich stoße in China immer wieder auf diese Aufbruchsstimmung. Mehr und mehr Chinesen folgen ihren eigenen Ideen, angespornt von zahlreichen Erfolgsgeschichten aus Print, TV und Internet. Das Schöne hierbei ist, dass es längst nicht mehr nur Kinder von Politikern und Millionären sind, sondern eben ambitionierte junge Menschen, viele gerade einmal 20, mit unterschiedlichsten Hintergründen. Der Fairness halber ist natürlich anzumerken, dass ich diesen Leuten in Shanghai, Chinas wirtschaftlich wohl besterschlossenen Stadt, begegne. Das, was ich hier beobachten kann, ist dafür umso beeindruckender.

Herrlich ironisch ist natürlich, dass das alles unter der Herrschaft einer kommunistischen Partei passiert. Aber dass die KPCh keine KP im ursprünglichen Sinne mehr ist, dürfte keinen mehr überraschen. Was Xi Jinping genau mit seiner blumigen Metapher vom chinesischen Traum der großen Auferstehung des chinesischen Volkes meint, ist mir persönlich nicht ganz klar. Dass jeder seine Geschäftsidee verfolgen und davon sogar leben kann, könnte schon das Ziel sein, oder erst der Anfang. Vielleicht geht es auch einfach nur darum, eine zuversichtliche Grundstimmung im Volk zu schaffen. Das Gefühl, “etwas reißen” zu können, liegt derzeit ganz klar in der Luft – jedenfalls, was Materielles angeht. Am Ende stellt sich dann nur noch die spannende Frage, wovon man in China träumen wird, sobald der eigene Laden läuft.

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sinonerds-Autor*in

Arseny Knaifel

Arseny Knaifel hat Chinastudien in Berlin und Peking studiert und ist Gründer und Rapper in Chinas deutschester Band Feichang Fresh. Nach einem turbulenten Jahr in einer chinesischen Agentur für Social Media Marketing, ist er aktuell als Filmemacher in Berlin und der Welt unterwegs.

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