Der China-Böller

Ich hörte einen unglaublichen Knall, gefolgt von einer Druckwelle, die durch mein Gesicht peitschte, und einem Lichtkegel, der meine Augen blendete.

BUMM! – Vor lauter Schreck stand ich kampfbereit in meinem Zimmer. Mein Herz pochte. Was war das? War ein Krieg ausgebrochen? Der nächste Knall holte mich wieder zurück in die Realität. Glück gehabt! Ich war im chinesischen Frühlingsfest angekommen. Auch wenn die eigentliche Neujahrsfeier erst in einer Woche begann, war Tianjin schon jetzt zu einem Schlachtfeld geworden.

Ich saß wieder am Schreibtisch und versuchte mich weiter auf meine bevorstehende Prüfung vorzubereiten. Doch das unaufhörliche Donnern der “Böller” und das helle Piepen der Autoalarmanlagen drang problemlos durch meine sonst schalldichten Kopfhörer. Entmutigt und beeindruckt von dem gewaltigen Lärm schlug ich mein Buch zu. Ein solches Szenario war mir vorher nur am Silvesterabend in deutschen Großstädten begegnet. Aber dort springen nicht die Alarmanlagen der Autos an, sobald ein Knaller gezündet wird. Mich überkam die Neugierde und ich wollte genauer wissen, um was für Geschosse es sich da handelte.

Auf der Suche nach dem Krach

Wenige Minuten später stand ich schon draußen und machte mich auf die Suche nach einem Böllerstand. Um mich herum war es nebelig und es roch nach Schwarzpulver. Hier und da ertönte wieder ein Knall, der einen zusammenzucken ließ. An einer Straßenecke kurz hinter meinem Wohngebiet entdeckte ich schließlich einen Mann, der Feuerwerk verkaufte. Als ich näher kam, sah ich die unterschiedlichsten Arten von Knallzeug.

双响, der 'echte' China-Böller - Foto von Lara Garten

双响, der ‘echte’ China-Böller

Zunächst gab es ungefähr fünf Meter lange Ketten (biān pào 鞭炮), die aus vielen kleinen Knallern (von der Größe eines C-Böllers bei uns) bestanden. Das Besondere an den Ketten ist, dass aus ihnen Zeichen gelegt werden können. So habe ich es schon oft zu Hochzeiten, Beerdigungen, Geburtstagen oder anderen Feierlichkeiten (wie dem Kauf eines neuen Autos) beobachten können, dass Chinesen ihren Familiennamen aus den Ketten legen. Beim Anzünden erzeugen die Ketten ein Geräusch, das auch für ein ratterndes Maschinengewehr gehalten werden kann.

Dann gibt es die Boxen (huǒ jiàn pào 火箭炮). Sie sehen auf dem ersten Blick, wie ein herkömmlicher Karton aus, etwa 40x40x40 cm. Doch bei näherer Betrachtung fällt auf, dass eine Zündschnur heraus guckt. Beim Öffnen des Kartons entdeckt der Betrachter viele kleine Röhrchen. Einmal angezündet, schießen tausende von Geschossen aus den Röhrchen, die dann ein wunderschön komponiertes Feuerwerk erschaffen.

Doch zuletzt gibt es da noch den wirklichen “China-Böller”, der mir bis dahin noch nicht bekannt war. Die Chinesen nennen ihn auch den “Doppel-Knall” (shuāng xiǎng 双响). Der Feuerwerkshändler grinste nur und zauberte aus dem Kofferraum seines Wagens einen Knaller hervor, der mich auf den ersten Blick an Dynamit erinnerte. Von dem Fragezeichen in meinem Gesicht herausgefordert ließ er mich stehen und zündete den Knaller an. Ich hörte einen unglaublichen Knall, gefolgt von einer Druckwelle, die durch mein Gesicht peitschte, und einem Lichtkegel, der meine Augen blendete. Dann flog das Geschoß etwa 20 Meter in die Luft und gab dort nochmals einen eben so lauten Knall von sich. Ich wusste jetzt, was mich vorher so erschreckt hatte.

Die Tradition des Feuerwerks

Beim Anblick dieses “China-Böllers” wäre der Erfinder des Feuerwerks, Li Tian 李畋, dem in China sogar ein Ehrentag gewidmet wird (18. April), wahrscheinlich vom Glauben abgefallen. Vor mehr als 1000 Jahren (in der Song-Dynastie) stopfte er Schwarzpulver, welches angeblich noch viel früher beim Kochen in China entdeckt wurde, in ein Bambusrohr und hielt es dann über ein Feuer. Der erzeugte Knall, sollte damals wie heute, die Dämonen und bösen Geister vertreiben und Glück für die bevorstehende Zeit gewähren.

Glücklich über meine Entdeckung des ultimativen “China-Böllers” kaufte ich dem Händler ein paar von seinen Geschossen für 8-10 RNB das Stück ab. Anders als viele Ausländer, die zum chinesischen Neujahr ins Ausland fliehen, verbrachte ich das Fest mit meiner Familie in China. Zwar befolgten wir nicht alle Traditionen des Neujahrsfests, aber wir fanden großen Gefallen am Feuerwerk. Zusammen mit ein paar Chinesen katapultierten wir uns mit dem “China-Böller” in ein fröhliches und glückliches neues Jahr, 新年快乐!

Bild China-Böller: (c) Lara Garten

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sinonerds-Autor*in

Felix Garten

Nachdem Felix an der International School of Tianjin seinen Schulabschluss gemacht hatte, war für ihn klar, dass China eine zentrale Rolle in seinem Leben spielen würde. Sein Ziel ist es, Deutschland und China näher zusammenzubringen. Zurzeit studiert er Chinastudien an der FU Berlin.

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