Wie zwei junge Architekten Beijings Alltag visualisieren

Im Gespräch mit Jung-Architekt und Buchautor Song Zhuangzhuang

Song Zhuangzhuang 宋壮壮 ist ein waschechter Beijinger: Er wurde 1989 in Chinas Hauptstadt geboren, ist in den Hutongs aufgewachsen und studierte später an der renommierten Qinghua Universität. Nach seinem Architektur-Studium zog er in die USA, wo er seinen Master in Urban Design an der Harvard Universität abschloss. Zurück in seiner Heimatstadt hat er 2016 zusammen mit seinem Studienfreund Li Mingyang 李明扬 sein erstes Buch veröffentlicht: „Visualizing Bejing: The Flow of People and Vehicles“ (京城绘: 人来车往). Es ist der erste Band einer Buchserie über Chinas Hauptstadt, in der Hintergründe des städtischen Alltags durch modernes Design und klare Visualisierung den Menschen zugänglich gemacht werden sollen. Im Interview mit sinonerds spricht Song Zhuangzhuang über die Hintergründe seines Buchprojekts, den Beijinger Verkehr und die Möglichkeit, den Menschen durch seine Umwelt zu verstehen.

sinonerds: In eurem ersten veröffentlichten Band „The Flow of People and Vehicles“ widmet ihr euch dem Beijinger Verkehr. Für wen ist das Buch gemacht und welche Einblicke wollt ihr damit ermöglichen?

Song Zhuangzhuang: Unsere erste Zielgruppe sind die Beijinger selbst. Besonders junge Menschen, denn diese lassen sich am ehesten durch Bilder und moderne Grafiken ansprechen und mögen unseren lockeren, visuellen Ansatz. Der Gedanke hinter der Serie „Visualizing Beijing“ ist der Wunsch, Dinge die wir jeden Tag nutzen – wie zum Beispiel private und öffentliche Verkehrsmittel – zu hinterfragen und zu verstehen.

zhuangzhuan_bike

Vom Auto zum Bus, der U-Bahn, dem Fahrrad bis hin zum Flugzeug finden unterschiedlichste Fortbewegungsmittel in dem Buch Beachtung. Welches davon favorisierst du selbst, um in Beijing von A nach B zu gelangen?

Wenn die Luft gut ist, bewege ich mich am liebsten mit dem Fahrrad durch die Stadt. Ich finde durch das Fahrradfahren bekommt man ein gutes Gefühl für seine Umgebung und dafür, wie die Orte zusammenhängen. Beijings Radwege sind größer als zum Beispiel in den USA, was angenehm ist. Mit dem Rad kann ich außerdem die Hutongs (胡同) genießen.

Bei schlechter Luft bevorzuge ich die U-Bahn. Die Vorteile der Beijinger U-Bahn liegen auf der Hand: Sauberkeit, hohe Zug-Frequenz und Schnelligkeit.

In eurem Buch nehmt ihr die Architektur einiger U-Bahn-Stationen genauer unter die Lupe und stellt sie anhand von Illustrationen dar. Bei euren Recherchen seid ihr viel in Beijing herumgekommen. Was ist deine Lieblingsstation?

(Lacht.) Gute Frage. Um ehrlich zu sein, mache ich da keine großen Unterschiede. Wenn ich jetzt so darüber nachdenke, dann vielleicht Wudaokou (五道口). Die Station ist überirdisch angelegt und man kann dort bei gutem Wetter am Horizont die Berge sehen. Der Nachteil an der Station: Sie ist oft sehr voll und eigentlich zu klein und zu eng für die großen Menschenmassen.

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Apropos Menschenmassen… Beijing hat ja ein gewaltiges Stauproblem. Euer Buch visualisiert die großen Zahlen dahinter: Im Jahr 2010 kamen in Beijing ganze 790.000 neue Autos dazu und 2014 – nach deutlich gedrosselten Verlosungen der Autoplaketten – immerhin noch 154.000. Was macht das Auto überhaupt noch attraktiv?

Nun ja, obwohl die Menschen sehr unter den Staus leiden und man durch sein eigenes Auto auch noch selbst zu dieser ungünstigen Verkehrssituation beiträgt… es lässt sich kaum leugnen, dass einem das Auto eine gewisse Freiheit beschert.

Beijings Veränderungen sind rasant, gerade auch im Bereich Infrastruktur. Wie lange glaubst du, bleibt euer Buch aktuell?

Die schnelle Entwicklung der Infrastruktur ist tatsächlich ein Thema, das uns beschäftigt. Unsere Recherchen stammen aus dem Jahr 2015 und einige Passagen in unserem Buch sind bereits jetzt veraltet. Zum Beispiel der Teil über das Fahrrad. Inzwischen gibt es fast überall öffentliche Fahrräder, die man über entsprechende Apps nutzen kann. Diese Entwicklung spiegelt unser Buch noch nicht wider. Aber insgesamt halten sich die Veränderungen noch in Grenzen. Bei einer zukünftigen Neuauflage werden wir entsprechende Inhalte auf jeden Fall aktualisieren.

Du kennst dich mit dem Thema Stadtplanung aus. Wohin wird sich der Verkehr in Beijing deiner Einschätzung nach in den kommenden Jahren entwickeln?

Die Regierung hat auch weiterhin große Pläne. Öffentliche Verkehrsmittel sollen weiterhin stark gefördert werden: Bis 2020 sollen acht neue U-Bahn-Linien eröffnet werden und auch viele neue Buslinien sind schon geplant. Des Weiteren soll es mehr Gesetze geben, um die Zahl der Autos zu verringern. Es wird zum Beispiel über die Einführung einer „Stau-Gebühr“ nachgedacht, mit der stauanfällige Straßen nur gegen Bezahlung befahren werden dürfen.

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Im Vorwort heißt es, dass euer Buch das erste in einer ganzen Serie über Beijing sein soll. Worum wird es in den späteren Büchern gehen?

Die Themen stehen noch nicht komplett fest, aber es wird weiterhin um Dinge und Systeme – vielleicht sogar Menschen – gehen, die uns im Beijinger Alltag umgeben. Der zweite Band wird sich voraussichtlich mit dem Thema Umwelt und Geographie befassen. Andere Themen, die ich mir vorstellen kann, sind beispielsweise Abfall und Abwasser, Bevölkerungsgruppen und Architektur.

Wird euer Buch auch außerhalb von China veröffentlicht werden?

Wir hoffen schon. Schließlich gibt es auf der Welt viele Menschen, die wenig bis nichts über das alltägliche, moderne Leben in einer chinesischen Großstadt wissen. Die meisten Bücher über China, die im Ausland veröffentlicht werden, konzentrieren sich auf die Themen Geschichte oder Politik. Der Mensch und sein normales Leben gehen dabei verloren.

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 Die Rechte aller im Text verwendeten Bilder liegen bei Song Zhuangzhuang 宋壮壮.

Das besprochene Buch 京城绘:人来车往 ist 2016 im chinesischen Verlag “China Architecture & Building Press” (中国建筑工业出版社) erschienen. Es kann online über die Verlagsseite erworben oder in China über den Buchhandel bestellt werden.

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Über den Autor

Jana Brokate

Schulbesuch in Beijing, Studentenleben in Guangzhou, Sinologiestudium in Berlin, unterschiedlichste Chinareisen und Projekte mit Chinabezug – Janas Erfahrungen bezüglich dem Land der Mitte sind vielfältig. Ihren Horizont erweitert sie am liebsten mit Sprachenlernen, Reisen und Fragen stellen.

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