Fünf Fragen: Christoph Rehage, The Longest Way

Christoph Rehage studierte Chinastudien, Russische Literatur und Moderne Geschichte in München. Im Anschluss an seinen Auslandsaufenthalt an der Beijinger Filmakademie lief er die 4500 Kilometer aus der Hauptstadt nach Ürümqi zu Fuss – und sammelte Material für ein Video, welches zahlreiche Preise gewann und es unter die besten 10 der Top Viral Videos des TIME-Magazins 2009 schaffte. Mittlerweile hat er unter dem Titel “The Longest Way” zwei Bücher mit seinen Erfahrungen und atemberaubenden Fotos veröffentlicht.

sinonerds: Christoph, fangen wir doch mit dem Klassiker an: Was hatte ursprünglich Dein Interesse an China geweckt – what’s the beginning of your story?

Christoph Rehage: Ich hatte kein Interesse an China. Es hat sich so ergeben, dass ich im Studium in München (Politik als Hauptfach) noch ein Nebenfach brauchte und irgendwie dachte, eine Sprache wäre gut. Am besten eine Sprache, die viele sprechen. Da hat sich Chinesisch eben angeboten. Die Jahre im Sprachkurs waren der Horror, weil ja alle irgendwie eine Beziehung zu China hatten, nur ich nicht. Für mich war das etwas sehr abstraktes.

Was waren einige der Dinge, die Du selbst nach Jahren der China-Erfahrung während Deines Abenteuers über das Land lernen konntest?

Die Großstädte sind in der Postmoderne angekommen, zumindest in weiten Teilen. Das Land ist es nicht. Das bedeutet, dass die Lebenswirklichkeit eines Büroangestellten näher an derjenigen eines Büroangestellten in Paris oder Berlin dran ist, als an der eines Bauern außerhalb der Stadt. Es gibt es nicht, dieses “China”, was uns von vielen Menschen erklärt und von vielen Menschen mystifiziert wird. Es ist ein Kontinent und eine eigene Welt mit verschiedenen Ecken und Wirklichkeiten, durch die ich dort durchgelaufen bin. Ich war davon überrascht, wie lustig und freundlich so viele Leute auf dem Land waren.

Deinen Studienaufenthalt in China hast du an der Beijing Film Academy absolviert. Was ist dein Eindruck von Chinas jungen Filmemachern und der wachsenden Filmindustrie?

Die BFA ist ein spezieller Kosmos, und ich bin mir nicht sicher, wie viele der Studenten dort nicht einfach nur “irgendwas mit Medien” machen wollen, so wie es bei uns auch bei vielen der Fall ist. Viele landen in der Werbung oder in Serienproduktionen. Dort muss alles schnell gehen, es geht um Geld und Eitelkeiten. Dazwischen gibt es auch junge Leute, die idealistisch sind und ihre Kunst lieben. Die sind auch sehr interessant. Aber der Großteil ist wohl eher so, dass der Assistent vom DP selbst DP werden will, und der DP will Regisseur werden, und der Regisseur will Kohle machen und Schauspielerinnen vernaschen.

Du bist sehr aktiv auf Chinas größter Microbloggingplattform Sina Weibo, wo Du Dich eindeutig als Deutscher identifizierst und als solcher mit chinesischen Netizens interagierst. Was sind Deine Erfahrungen als “Weibo-Laowai”?

Ein Problem ist natürlich, dass ich gar nicht für Deutschland sprechen kann, sondern nur für mich selbst. Das versuche ich immer wieder richtigzustellen, aber es kommt bei den Leute oft nicht an. Zeichne ich mich nun durch mein Deutschsein aus oder durch mein Ausländersein oder durch das Herumgelaufe in China oder durch die Tatsache, dass ich mich mit Photo und Film und “irgendwas mit Medien” beschäftige, oder dadurch, dass ich eine politische Ausrichtung habe und auch bereit bin, öffentlich dazu zu stehen? Ich glaube, Identitäten sind in der Postmoderne (da ist sie wieder, die Postmoderne) aufgesplittet. Wir haben mehrere Facetten, nicht nur auf Weibo, sondern auch in der realen Welt. Natürlich lerne ich mehr über einige Facetten von China, aber ich muss mir auch immer wieder ins Gedächtnis rufen, dass Weibo eben nur einige Facetten abbilden kann. Und manchmal muss ich den Leuten eben auch sagen, dass das, was sie von mir dort sehen, eben auch nur eine Facette ist. Und auf keinen Fall “Deutschland”.

Du hast Dich nun über Jahre mit der chinesischen Kultur befasst, sprichst fließend Chinesisch. Zum Abschluss möchten wir Dich daher fragen: Welche Rolle würdest du China in deinem Leben zuschreiben, vor allem auch für die Zukunft?

Die Leute in China fragen mich oft, ob oder warum ich ihr Land so besonders liebe. Eine komische Frage. Ich liebe einen Teil von China tatsächlich, so wie ich einen Teil von Frankreich liebe, von den USA und von Deutschland. Das sind die Länder, in denen ich längere Zeit verbracht habe. Es klingt kitschig, aber ich kann es wirklich nur so ausdrücken: in jedem dieser Länder habe ich ein Stückchen meines Herzens zurückgelassen.

Christoph, danke für das spannende Interview!

Wer mehr über Christoph Rehage oder sein ungewöhnliches Abenteuer erfahren möchte, besucht am besten seine Webseite oder folgt ihm auf Facebook, Twitter oder Weibo (chinesisch).  Wärmstens zu empfehlen sind Christophs Bücher, die man hier und hier auf Amazon auschecken kann.

In unserer Reihe sinonerds: Fünf Fragen stellen wir spannende Persönlichkeiten vor, deren Werdegang mit China in Verbindung steht.

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sinonerds-Autor*in

Arseny Knaifel

Arseny Knaifel hat Chinastudien in Berlin und Peking studiert und ist Gründer und Rapper in Chinas deutschester Band Feichang Fresh. Nach einem turbulenten Jahr in einer chinesischen Agentur für Social Media Marketing, ist er aktuell als Filmemacher in Berlin und der Welt unterwegs.

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